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Frauenfußball : Hunger im Schlaraffenland

Ein Tor machte sie zum Golden Girl: Nia Künzer Bild: SAT.1

Die Fußballfrauen des 1. FFC Frankfurt haben die beste Bedingungen und die besten Spielerinnen in der Bundesliga. Doch die Emporkömmlinge aus Potsdam haben ihnen die wichtigsten Pokale weggeschnappt. In der neuen Saison soll sich das ändern: Frankfurt will wieder an die Spitze.

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          Der erste Eindruck fällt so aus, wie es Hans-Jürgen Tritschoks nicht anders erwartet hätte. "Das ist eine andere Welt", sagt der neue Mann beim 1. FFC Frankfurt, der gewissermaßen im Schlaraffenland des deutschen Frauenfußballs gelandet ist. Seine Aufgabe dort hat ihren besonderen Reiz: Weil in der abgelaufenen Saison beim unumstrittenen Branchenführer der vergangenen Jahre fast alles schief gegangen ist, was nur schiefgehen konnte, wird zu Beginn der neuen Spielrunde mit Spannung erwartet, ob aus dem dümpelnden Luxusliner wieder ein schlagkräftiges Schlachtschiff werden kann.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tritschoks' Zielsetzung ergibt sich von ganz alleine: Meisterschaft und damit Qualifikation für den Europapokal, Einzug ins DFB-Pokalfinale. Im Umkehrschluß heißt das: Der frech daherkommende Emporkömmling aus Potsdam, der den Frankfurterinnen unlängst mit jugendlicher Frische alle wichtigen Pokale entrissen hatte und nun auch den deutschen Frauenfußball international vertritt, muß abgehängt werden.

          Den kräftigen Durchhänger von 2003/2004 sieht der Trainer als Chance und glaubt, das Steuerrad schnell umreißen zu können. "Für die Spielerinnen war es wichtig zu sehen, daß sie wieder etwas tun müssen, um den hohen Level zu halten", sagt Tritschoks. Im Hauptberuf ist er Fußballdozent an der Sporthochschule in Köln und arbeitet als Arzt im Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin. Als Leistungsdiagnostiker gehört er zum Betreuerstab der Frauen-Nationalelf. Um in Frankfurt seine Ziele zu erreichen, steht ihm das Beste vom Besten zur Verfügung: Geld, gute Trainingsbedingungen sowie die stärksten und erfahrensten Spieler des Landes.

          Herzstück des Teams sind die Nationalspielerinnen Steffi Jones, Renate Lingor, Pia Wunderlich, Birgit Prinz, ihres Zeichens "Weltfußballerin des Jahres", und das Golden Girl der WM, Nia Künzer, die sich nach einem Kreuzbandriß im Winter noch im Aufbautraining befindet. Erheblich aufgewertet wird der Kader noch durch die Verpflichtung der Bundesliga-Torschützenkönigin Kerstin Garefrekes - natürlich auch eine Nationalspielerin. Also spricht Tritschoks, der mit Brauweiler Pulheim 1997 deutscher Meister wurde, von "Ehre" und einem "Traum", diese Elf übernehmen zu dürfen. "Das ist für jeden Trainer eine Herausforderung."

          „Hätte am liebsten woanders gespielt“

          Aber Luxus satt kann auch ein Fluch sein. Das hat man in Frankfurt während der vergangenen Saison bemerkt, als die Ziele überraschend deutlich verfehlt wurden. Zu sehr hatte sich die dominante Elf an ihren Erfolgen gelabt; dreimal in Folge die Meisterschaft, fünfmal hintereinander der Gewinn des DFB-Pokals und dazu die Sieg im Europapokal 2001. Hunger auf mehr hatten nur die jungen Rivalinnen aus Potsdam. Hinzu kamen ausgelaugte Spielerinnen, Verletzungen bei wichtigen Stammkräften wie Steffi Jones und Nia Künzer (beide Kreuzbandriß). Andere, wie Birgit Prinz, litten zusätzlich noch am Medien- und Werberummel nach der gewonnenen WM.

          "Im letzten Jahr gab es Phasen, da hätte ich mir gewünscht, woanders zu spielen", sagt sie. Außerdem hatte sich das Verhältnis zur Trainerin Monika Staab abgenutzt, die über Jahre hinweg Aufbauarbeit geleistet hatte und neben der Bundestrainerin Tina-Theune-Meyer wohl zu den erfolgreichsten Trainerinnen in der Welt des Frauenfußballs zu zählen ist. "Die Erwartungshaltung bei uns ist mittlerweile sehr hoch", sagt Monika Staab, die weiterhin Präsidentin des Klubs bleibt und nebenher als Sportliche Leiterin wirkt.

          Die andere starke Kraft der Frankfurter Fußball-Offensive heißt Siegfried Dietrich. Der Manager und Sprecher aller Bundesligavereine hat es geschafft, die Fußballfrauen auch für die Werbewirtschaft immer interessanter zu machen. Inzwischen können "vier oder fünf von den Mädels davon leben", wie er sagt. Eng ist seine Agentur mit dem Klub verzahnt, und obwohl der Etat des FFC nur rund 330000 Euro ausmacht, ist eine Art Profitum möglich, durch persönliche Sponsoren.

          Werbekönigin ist die verletzte Nia Künzer, die inzwischen für Instantkaffee, Frotteeware und eine Lotterie Reklame macht. Dieser Tage erhält die Pädagogik-Studentin noch eine Limousine aus Stuttgart zur freien Verfügung gestellt. Das sind ganz neue Dimensionen für den Frauenfußball, aber nicht ohne Probleme. Von Neidgefühlen innerhalb des Teams ist schon länger zu hören, auch das muß neuerdings von den Verantwortlichen ausbalanciert werden. Mit Blick auf das kommende Fußballjahr zählt aber vor allem, daß die hervorragenden Rahmenbedingungen wieder in sportlichen Erfolg umgemünzt werden müssen. "Das Feld ist bestellt", sagt der Geldbeschaffer Dietrich, "aber ich weiß, daß die jungen Damen sehr verantwortungsbewußt sind. Ich brauche niemanden unter Druck setzen."

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