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Frauenfußball-EM : Ratlos und verunsichert

Ratlos in Schweden: Die deutschen Nationalspielerinnen Luisa Wensing (vorne) und Annike Krahn Bild: dpa

Die Fußballfrauen stehen bei der EM im Viertelfinale an diesem Sonntag gegen Italien (18 Uhr) unter Druck. Schuld an der Krise hat nicht nur Silvia Neid als Bundestrainerin. Die Strukturen scheinen erstarrt.

          Mit dem Krisenmanagement haben es die deutschen Fußballfrauen nicht so. Wie auch? Ihre Geschichte war bis zur sportlichen Enttäuschung mit dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM 2011 geprägt von stetigen Wachstum und zwei Welt- und sieben Europameistertiteln. Selbst in der Zeit der vermeintlichen sportlichen Düsternis gab es bis zum Donnerstag lediglich eine Niederlage in 29 Länderspielen. Also gibt es auch keine Routine im Umgang mit Rückschlägen.

          So war es nicht gänzlich überraschend, dass das Verhalten des DFB-Stabs nach der 0:1-Niederlage gegen Norwegen, die den Tiefpunkt einer konfusen Vorrunde bei der Europameisterschaft in Schweden markierte, wie schon 2011 arg irritierte. Hannelore Ratzeburg, DFB-Vizepräsidentin und verdiente Pionierin im Kampf für den Frauenfußball, sandte eine merkwürdige Botschaft hinaus in die Welt: „Welche Fehler macht Silvia Neid? Sie kann doch nicht selbst mitspielen.“ Mit diesen Worten wollte Hannelore Ratzeburg die Bundestrainerin in Schutz nehmen.

          Fokus auf der Kritik der Spielerinnen

          In der Tat steht Silvia Neid vor dem Viertelfinalspiel an diesem Sonntag gegen Italien (18 Uhr/ARD und Eurosport) unter Druck. Im Umfeld des Teams wurde mit Unverständnis registriert, wie passiv und fast unbeteiligt die Bundestrainerin, die Deutschland 2007 noch mit emotionalem Coaching und deutlicher Ansprache zum WM-Titel geführt hatte, die kollektive Blockade ihrer Mannschaft auf dem Spielfeld mit ansah. Kaum einmal soll sie ihre jungen Spielerinnen verbal unterstützt haben, obwohl beispielsweise gerade die sichtlich nervösen Außenbahnspielerinnen Leonie Maier, Luisa Wensing, Lena Lotzen oder Melanie Leupolz jeweils eine Halbzeit lang an der Seitenlinie vor der Trainerbank bestens erreichbar gewesen wären für Hinweise, wie sie ihre leichtfertigen Ballverluste vermeiden könnten. Danach lenkte Silvia Neid schließlich den Fokus bei der Analyse des Spiels auf das Versagen der Spielerinnen und schien eigene Fehler nahezu kategorisch auszuschließen.

          Vielleicht wollte sie mit ihrer harschen Kritik an der „unterirdischen“ Leistung ihre Akteurinnen aufwecken für das Spiel gegen Italien, „eine spielerisch gute Mannschaft, die kombinieren kann, zweikampfstark und nickelig ist“, wie sie am Samstag vor der Begegnung in Växjö sagte. Aber zunächst einmal bleibt der Eindruck, dass die deutsche Elf wie schon 2011 mental nicht auf die Drucksituation eines Turniers vorbereitet ist. Zeigte das Team in der Vorbereitung beim glänzenden 4:2-Sieg gegen Weltmeister Japan noch spielerische Lockerheit, so ist nun Verkrampfung zu spüren. Wirkte Silvia Neid in den vergangenen Monaten im Umgang mit den vielen jungen Spielerinnen so inspiriert und motiviert wie lange nicht mehr, so scheint sie plötzlich wieder ratlos im Umgang mit ihrem verunsicherten Kader.

          Falsche Personen an falschen Stellen?

          Für Bernd Schröder, Meistertrainer von Turbine Potsdam und mit seinen fast 71 Jahren der Grandseigneur des deutschen Vereinsfrauenfußballs, ist freilich die Bundestrainerin nicht allein schuld an der Misere. „Eine Trainerin kann ja nur mit den Spielerinnen arbeiten, die sie hat. Ich wundere mich aber, dass wir einfach keine Spielerinnen haben, die konstant Qualität auf den Platz bringen“, sagt Schröder. „Dabei haben wir seit dem ersten WM-Titel 2003 herausragende Strukturen aufgebaut bekommen vom DFB. Ich habe nur manchmal Zweifel, ob die richtigen Personen an den richtigen Stellen in dieser Struktur sind.“

          Machtlos: Bundestrainerin Silvia Neid

          Schröder betont dabei, dass er Silvia Neid wie auch die Trainerinnen im Nachwuchsbereich alle für sich genommen für qualifiziert hält. Aber er sieht einen Mangel an Dynamik im System. „Wir haben die Frauenquote mittlerweile im DFB-Trainerstab zu hundert Prozent erfüllt. Meines Erachtens haben sich da einige ehemalige Nationalspielerinnen eine eigene Erlebniswelt geschaffen, in der keine neuen Impulse kommen und eine Atmosphäre entsteht, in der kein Widerspruch geduldet wird. Dann entwickelst du auch keine Persönlichkeiten fürs Team. Dann spielt eine begnadete Spielerin wie Dzsenifer Marozsan eben gut, wenn sie gut drauf ist, und sie taucht ab, wenn es nicht so läuft.“

          Tatsächlich haben die ehemaligen Nationalspielerinnen Maren Meinert, Bettina Wiegmann oder Anouschka Bernhard als Trainerinnen erfolgreicher Nachwuchsteams ihre Fähigkeiten hinreichend nachgewiesen. Aber zugleich droht das System zu erstarren, da es kaum Veränderungen im Stab gibt. Für die derzeit engagierten Trainerinnen gibt es außerhalb des DFB keine ausreichend reizvollen Aufgaben, da anders als im Männer-Fußball der Bundesligaalltag nicht nur riskanter, sondern zudem auch schlechter bezahlt ist.

          Stresstest fürs System

          “Diese Kontinuität kann Vorteile und Nachteile haben. Bei Siegen ist sie das Erfolgsgeheimnis“, sagt Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt. „Aber im Misserfolgsfall ist es ein ganz schmaler Grat.“ Der ewige Optimist Dietrich will aber noch nicht den Stab brechen über dem Nationalteam, das zu großen Teilen aus Spielerinnen seines Klubs besteht. „Es ist immer noch eine Situation vorhanden, in der alles möglich ist. Und ich traue dem Team noch immer den Titel zu.“

          Dann muss freilich an diesem Sonntag gegen Italien, das vom ehemaligen Weltmeister und Weltklasse-Außenverteidiger Antonio Cabrini und somit von einem männlichen Quereinsteiger trainiert wird, eine Generation bestens ausgebildeter Spielerinnen beweisen, dass sie auch den nötigen Charakter für Herausforderungen auf internationalem Niveau hat.

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