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Frauenfußball-EM : Laudehr schießt Deutschland ins Halbfinale

Halbfinale, wie kommen: Die deutschen Fußballfrauen besiegen Italien Bild: dpa

Die Fußballfrauen erreichen mit einem Zittersieg über Italien das EM-Halbfinale. Simone Laudehr trifft für Deutschland. Gegen Schweden ist mehr als eine kämpferisch überzeugende Leistung nötig, um ins Endspiel einzuziehen.

          Es sind kleine Szenen, die eine Nervenschlacht entscheiden. Und so passte die Entstehungsgeschichte des deutschen Siegtreffers beim 1:0 des deutschen Frauenfußball-Nationalteams gegen Italien im Viertelfinale der Europameisterschaft in Schweden zu einem Spiel, in dem sich die sichtlich durch die konfuse Vorrunde verunsicherte deutsche Elf mit großer Mühe für die Runde der letzten Vier qualifizierte.

          Lena Lotzen hatte den Ball an der Eckfahne eigentlich schon verloren. Doch die unermüdliche Kämpferin warf sich mit großem Einsatz noch einmal in den Zweikampf mit Raffella Manieri. Die Folge: Ein Eckball, ein kleines Erfolgserlebnis mit großen Folgen. Denn nach der folgenden Hereingabe nutzte Simone Laudehr die Chance zum Nachschuss aus acht Metern zum Führungstreffer (26. Minute).

          Wobei auch dieser Schuss eher ein Schüsschen war und ebenso perfekt zum Zittersieg der Deutschen passte wie die Entstehungsgeschichte. Simone Laudehr traf den Ball nicht richtig, die Torlinie überquerte das Spielgerät trudelnd nur dank der gütigen Mithilfe der Italienerin Bartoli, die mir ihrer unglücklichen Ballberührung ihrer Torhüterin die Chance auf eine Parade nahm. Deutschland trifft nun am Mittwoch (20.30 Uhr / Live im ZDF und bei Eurosport) auf den bislang souveränen Gastgeber Schweden, der zuvor beim 4:0-Sieg über Island glänzte. Möglicherweise wird dann Tojägerin Celia Okoyino da Mbabi fehlen, die wegen einer Muskelzerrung im Oberschnkel ausgewechselt werden musste. „Da sind wir dann der Underdog“, sagte Spielführerin Nadine Angerer. „Die Schweden haben ja gesagt, dass sie keine Angst vor uns haben. Mal sehen, ob sie das dann im Spiel auch noch sagen.“

          Das deutsche Team war gegen Italien freilich von der momentanen schwedischen Leichtigkeit vor allem zu Beginn weit entfernt. Vielleicht lag es auch am Aufwärmprogramm, bei dem sich die Italienerinnen bei großer Sommerhitze vor 9000 Zuschauern im Stadion des südschwedischen Växjö deutlich geschickter anstellten.

          Simone Laudehr zieht ab und trifft zum 1:0 für Deutschland

          Während die deutschen Spielerinnen einen Großteil ihrer Spielvorbereitung in der prallen Sonne absolvierten, zogen sich die Italienerinnen in den schmalen Schattenstreifen zurück, der dank des Tribünendachs eine etwas entspanntere Vorbereitung ermöglichte. Vielleicht mag diese räumlich kompakte Lösung dazu beigetragen haben, dass die Italienerinnen in der hitzigen Partie zu Beginn etwas kühleren Kopf bewahrten.

          Bei den deutschen Spielerinnen war vornehmlich im Aufbauspiel die Verunsicherung zu spüren. Dafür aber nahmen sie sich die mahnenden Worte ihrer Spielführerin Nadine Angerer zu Herzen. Diese hatte ihre Vorderfrauen davor gewarnt, dass Italien „sehr nicklig zu Werke gehen“ würde und womöglich ein „zweiter Schienbeinschoner pro Bein“ die richtige Wahl wäre.

          Nadine Angerer hält ihr Tor hingegen sauber

          Zudem hatte die Torhüterin gefordert, dass ihr Team den Kampf annehmen müsse. Zu diesem Zweck brachte Bundestrainerin Silvia Neid die Routiniers Anja Mittag und Simone Laudehr für die jungen Teamkolleginnen Melanie Leupolz und Spielmacherin Dzsenifer Marozsan ins Spiel. Mit der Herausnahme der im Turnierverlauf bislang enttäuschenden Regisseurin opferte Silvia Neid freiwillig die spielerische Kreativität, um das Schicksalsspiel gegen Italien über den Kampf zu gewinnen. Zudem wollte sie mit dem Wechsel vom 4-2-3-1-System zum klassischen 4-4-2 und mit Anja Mittag als zweiter Spitze die gegnerische Defensive mehr binden und Raum schaffen für nachrückende Spielerinnen.

          Vor allem der Einsatz von Simone Laudehr erwies sich nicht nur wegen des Siegtores als richtige Maßnahme. Die Weltmeisterin von 2007, vor der WM viele Monate wegen eines Knorpelschadens ausgefallen, ging aufopferungsvoll und sehr körperbetont zu Werke. „Wir wussten, dass wir heute nur als Mannschaft bestehen können“, sagte sie nach dem Spiel. „Eine Spielerin hat heute für die andere Fehler ausgebügelt.“

          Und auch die vor allem bei der Niederlage gegen Norwegen für ihre Passivität im Coaching kritisierte Bundestrainerin ging deutlich engagierter und konstruktiver als zuvor zu Werke.

          Bundestrainerin Silvia Neid kann etwas optimistischer in die Zukunft sehen

          Zwar entfuhr ihr nach zehn Minuten ein lautstarkes, verärgertes „Mannomann“ wegen der vielen Fehlpässe der für den Spielaufbau verantwortlichen Lena Goeßling. Fast beständig stehend ermunterte Silvia Neid aber ihre Spielerinnen, den Kampf mit den Italienerinnen anzunehmen. „Es ging heute nur darum, über den Kampf ins Spiel zu finden“, sagte die Bundestrainerin, zu deren Unterstützung eigens DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu einem Ein-Tages-Trip nach Schweden gereist war.

          Glück bei italienischen Chancen

          Dennoch hatte Italien, das schon 2009 im Viertelfinale in einem ähnlich engen Spiel gegen Deutschland ausgeschieden war, mehr Torgelegenheiten.

          Vor allem bei einem Kopfball von Elisa Camporese nach einer starken Flanke von Melania Gabbiadini hatte die deutsche Abwehr Glück. Der Ball strich knapp über die Latte (36.). In der 43. Minute bewahrte schließlich Nadine Angerer bei einem Schuss von Daniela Stracchi das deutsche Team vor dem Ausgleich, der das strapazierte Nervenkostüm noch weiter belastet hätte.

          DFB-Präsident Wolfgang Niersbach war extra eingeflogen, um die Frauen zu unterstützen

          Deutschland kam indes nur noch durch einen Distanzschuss von Lena Lotzen (80.) und bei einem Lattentreffer von Dzsenifer Marozsan nach einem 20-Meter-Freistoß in die Nähe eines Torerfolgs (80.) Der Erfolg geriet allerdings in der Schlussphase auch nicht mehr ernsthaft in Gefahr, da die DFB-Auswahl den Gegner weitgehend vom eigenen Tor entfernt hielt und in der Schlussphase auch bei eigenem Ballbesitz deutlich sicherer agierte und gar manche schöne Kombination zeigte.

          „Wir haben gegen kampfstarke, ausgebuffte Italienerinnen gut dagegengehalten und gekämpft bis zum Umfallen“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid. Wenn der Rekordeuropameister Deutschland seinen sieben EM-Titeln in dieser Woche einen weiteren hinzufügen will, wird eine solch kämpferisch überzeugende, aber spielerisch nur in der Schlusphase überzeugende Leistung freilich nicht reichen.

          Italien - Deutschland 0:1 (0:1)

          Italien: Marchitelli (UPC Tavagnacco) - Bartoli (Torres Calcio Sassari), Salvai (Rapid Lugano - 70. Di Criscio/CF Bardolino Verona), D’Adda (ACF Brescia), Manieri (Torres Calcio Sassari) - Tuttino (UPC Tavagnacco), Stracchi (Torres Calcio Sassari), Parisi (UPC Tavagnacco - 75. Mauro/UPC Tavagnacco) - Gabbiadini (CF Bardolino Verona), Panico (Torres Calcio Sassari), Camporese (UPC Tavagnacco - 46. Ianella/Torres Calcio Sassari)
          Deutschland: Angerer (Brisbane Roar) - Maier (Bayern München), Krahn (Paris St. Germain), Bartusiak (1. FFC Frankfurt), Cramer (Turbine Potsdam) - Goeßling (VfL Wolfsburg), Keßler (VfL Wolfsburg) - Lotzen (Bayern München), Mittag (FC Malmö - 52. Marozsan/1. FFC Frankfurt), Laudehr (1. FFC Frankfurt) - Okoyino da Mbabi (1. FFC Frankfurt - 68. Däbritz/SC Freiburg)
          Schiedsrichterin: Kulcsar (Ungarn)
          Zuschauer: 9265
          Tor: 0:1 Laudehr (26.)
          Gelbe Karten: Di Criscio, Parisi, Salvai, Stracchi, Tuttino / -

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