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Frauenfußball : Befreiung aus der selbstverschuldeten Eintönigkeit

Durchsetzungskraft und Spielidee: Das Wolfsburger Duett Lena Goeßling (Mitte) und Nadine Keßler lenkt das deutsche Spiel Bild: dpa

An diesem Donnerstag (20.30 Uhr) startet das deutsche Frauenfußball-Nationalteam gegen die Niederlande in die EM. Junge Kräfte beflügeln das Frauenfußball-Nationalteam. Und auch eine „Alte“ ist plötzlich unentbehrlich.

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          Bei den Abschlusstrainingseinheiten des deutschen Frauenfußball-Nationalteams vor den jüngsten Testländerspielen sah man ein lange ungewohntes Bild. Am Ende duellierten sich - wie seit vielen Jahren üblich - bei einem Torschussspielchen die „Alten“ und die „Jungen“. In der Vergangenheit gewann stets die ältere Hälfte dank Routine und Wettkampfhärte. Zuletzt aber haben die „Jungen“ gewonnen. Sie feierten ihre Siege dann ausgiebig tanzend und verdonnerten dazu auch noch die unterlegenen Teamkolleginnen zu kleinen Strafen. Also mussten die noch im Kader verbliebenen Weltmeisterinnen wie Nadine Angerer oder Annike Krahn stigmatisiert durch falsch herum angezogene Jacken oder strenge Seitenscheitel zum Abendessen erscheinen. „Das ist eine gesunde Albernheit, die guttut“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und genau das unterscheidet den Jahrgang 2013, der am Donnerstag (20.30 Uhr/ live im ZDF) mit dem ersten Gruppenspiel gegen die Niederlande in die Europameisterschaft startet, am meisten von der Auswahl, die 2011 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land an den hohen Erwartungen gescheitert war. Damals wirkten viele Spielerinnen blockiert. Nun war vor allem beim 4:2-Sieg im letzten Testspiel gegen Weltmeister Japan, der vor zwei Jahren im Viertelfinale das vermeintliche Sommermärchen zum Albtraum werden ließ, eine erstaunliche spielerische Leichtigkeit zu sehen.

          Flachpass statt Kraft

          Statt Kraftfußball mit langen, hohen Bällen in die Spitze nach dem Prinzip Hoffnung pflegt die Auswahl nun ein ansehnliches Flachpassspiel. Die Befreiung des deutschen Frauenfußballs aus seiner selbstverschuldeten Eintönigkeit hat dabei vor allem mit zwei Spielerinnen zu tun, die nach dem verletzungsbedingten Ausfall von sechs Stammkräften plötzlich zu entscheidenden Stützen geworden sind. Leonie Maier, in ihrer Jugend im Stuttgarter Umland von drei älteren Brüdern zum Fußball mitgenommen, geht mit Courage in die Zweikämpfe und beteiligt sich mit bemerkenswerter Entschlossenheit an den Angriffen ihres Teams. In den WM-Testspielen hat sie nun sogar mit zwei Treffern ihre Torgefahr bewiesen.

          Die 20 Jahre alte Rechtsverteidigerin, die nach der EM vom SC 07 Bad Neuenahr zu Bayern München wechseln wird, bleibt selbst dennoch bescheiden. „Für mich ist das alles ein Traum. Das ging jetzt so schnell mit meiner Entwicklung in der Nationalmannschaft, dass ich das fast wie im Rausch wahrnehme“, sagt die nur 1,63 Meter große Abwehrspielerin und fügt in recht lustiger Wortwahl bescheiden hinzu, „dass es aber auch so ist, dass die älteren Leute uns Jungen helfen“.

          Wolfsburger Duett

          Zu diesen „älteren Leuten“ zählt mittlerweile auch Lena Goeßling, neben Leonie Maier die größte Gewinnerin der EM-Vorbereitung. Zunächst wegen Kim Kuligs Ausfall in die Startelf gerückt, hat sich die 26 Jahre alte Mittelfeldspielerin vom VfL Wolfsburg mit ihrer Ballsicherheit mittlerweile unentbehrlich gemacht.

          Im Duett mit ihrer Wolfsburger Teamkollegin Nadine Keßler, mit der sie gemeinsam bereits entscheidend zum Triple-Gewinn mit dem Klub beigetragen hat, lenkt Lena Goeßling mit ihrem Gefühl für den spielbeschleunigenden vertikalen Pass das deutsche Spiel. „Wir haben uns seit der WM vorgenommen, einen anderen Fußball zu spielen“, sagt sie. „Das haben wir immer wieder in Übungsformen trainiert, bis es ein Automatismus wurde.“

          Es geht los: Leonie Maier ist die deutsche Aufsteigerin Bilderstrecke
          Es geht los: Leonie Maier ist die deutsche Aufsteigerin :

          Der neue deutsche Stil bringt Nadine Angerer ins Schwärmen, obwohl die deutsche Nationaltorhüterin seit 17 Jahren dabei ist und schon viele erfolgreiche, mit EM- und WM-Titeln gekürte DFB-Mannschaften miterlebt hat. Niederlagen bei Europameisterschaften kennt die Spielführerin, die nach dem Turnier nach Australien wechseln wird, zudem gar nicht, da Deutschland seit 1993 fünfmal in Serie gewonnen hat - ohne ein Spiel zu verlieren. „Einen spielerisch so schönen Fußball habe ich noch nicht gesehen“, sagt sie. „Bei den letzten Testspielen gegen Kanada und Japan stand ich im Tor und habe gestaunt, wie wir Situationen lösen. Das heißt aber nicht, dass wir automatisch siegen.“

          Diese von den vorangegangenen Generationen zur Genüge bewiesene Siegermentalität müssen Leonie Maier, Lena Goeßling und Co. nun erstmals im Wettstreit mit der aufbegehrenden Konkurrenz wie Gastgeber Schweden oder Frankreich nachweisen. „Ich freue mich aber gerade deshalb ungemein auf das Turnier, weil der Ausgang so offen ist“, sagt Silvia Neid. Die Bundestrainerin, auch dank der Verletzungsmisere befreit von der Last des eindeutigen Favoriten, hat sich von der Lockerheit ihrer „Mädels“ anstecken lassen. Und so dürfen nun auch die jungen Spielerinnen ihre Trainerin duzen, was zuvor nur den Älteren vorbehalten war. Auch das darf als ein Erfolg für die „jungen Wilden“ um Leonie Maier gewertet werden.

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