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WM-2006-Affäre : Beckenbauers Phantom-Fehler

Fragen über Fragen: Franz Beckenbauer (links) und Wolfgang Niersbach (Bild vom 7. Dezember 2005). Bild: dpa

Der Kaiser übernimmt in der WM-Affäre Verantwortung. Aber wofür? Mit seiner Erklärung versetzt er Wolfgang Niersbach einen weiteren Stich ins Herz. Und Theo Zwanziger schießt nun gleich einen Pfeil hinterher.

          Wenn die Sache nicht so ernst wäre, könnte man sagen, es gehe dem inneren deutschen Fußball-Zirkel jetzt nur noch um eins – die Aktion: „Rettet den Kaiserschmarrn.“ Aber jetzt ist Schluss mit Schmäh. Franz Beckenbauer, der Weltmeister als Spieler und Trainer und Weltmeisterschafts-Beschaffer für Deutschland 2006, ist nicht einfach nur der originelle Sympathieträger, dem man gelegentlichen verbalen Käse mit mildem Lächeln durchgehen lassen muss.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der 70 Jahre alte Beckenbauer ist ein hochspezialisierter Selbstvermarkter mit einer professionellen Entourage, die ihresgleichen sucht. Und die gerade mit einer generalstabsmäßig geplanten Aktion den Kaiser herauszupauken versucht aus einer Bedrängnis, deren Dimension man nur erahnen kann.

          Anders als der medial an der Grenze zur Selbstzerstörung agierende Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), weiß Beckenbauers Management mit dem Vermarkter Marcus Höfl im Vordergrund, dass man im Krisenfall erst einmal abwartet, und keine voreiligen Pressemitteilungen losschickt. Dass man sich eine klare Strategie zurechtlegt. Immer nur so viel zugibt, wie schon bewiesen wurde. Und jedes Detail weglässt, mit dem man von Ermittlungsbehörden festgenagelt werden kann.

          So geht Krisenmanagement, wie Beckenbauer es jetzt braucht, weil die Spitze eines Korruptions-Eisbergs aufgetaucht ist im Deutschen Fußball-Bund und im WM-Organisationskomitee von 2006, dessen Präsident er war. Vor diesem Hintergrund wirkt Franz Beckenbauers schriftliche Erklärung vom Montag erschreckend karg. Zumindest, wenn man die Lebensweisheit gelten lässt: Wer viel verschweigt, hat viel zu verbergen.

          „„Es wurden keine Stimmen gekauft“

          Beckenbauers Management reagierte mit dem Statement auf den Skandal um eine ungeklärte Zahlung des WM-Organisationskomitees an den Fußball-Weltverband Fifa. Zuvor hatte Beckenbauer in München einer Wirtschaftskanzlei, die vom DFB mit der Untersuchung der Vorkommnisse beauftragt ist, angeblich „sämtliche Fragen beantwortet“.

          Den scharfen Hunden von den Medien wird in der Erklärung ein Happen vorgeworfen: Beckenbauer gibt erstmals einen „Fehler“ zu und übernimmt „als Präsident des damaligen Organisationskomitees“ die „Verantwortung“ dafür. Worin dieser Fehler besteht, was hinter einem von ihm erwähnten „Vorschlag der Fifa-Finanzkommission“ steckt, in welchem Jahr auf den Vorschlag „eingegangen wurde“, den „die Beteiligten aus heutiger Sicht hätten zurückweisen sollen“, sagt er nicht.

          Sind noch Pfeile drin? Immer wieder schaut Theo Zwanziger nach im Köcher.

          Offensichtlich hatte Beckenbauers Entourage selbst das Gefühl, dass dieses juristisch entbeinte Nichts von einer Erklärung nicht ausreichen würde, um das Volk zu beruhigen, das um die Untadeligkeit seines Sommermärchens fürchtet. Darum wird in der Erklärung noch einmal mit Kaiser-Autorität bekräftigt: „Es wurden keine Stimmen gekauft, um den Zuschlag zur Fußball-Weltmeisterschaft zu bekommen.“

          Dazu brachte die „Bild“-Zeitung als Beckenbauers Kolumnisten-Sprachrohr in ihrer Dienstagausgabe die Exegese der kaiserlichen Worte. Unter der Rubrik: „Was Beckenbauer damit sagen will“ wurde erklärt, dass „die mächtige Fifa-Finanzkommission“ den deutschen WM-Organisatoren 2002 vorgeschlagen habe, 6,7 Millionen Euro zu zahlen. Als Gegenleistung seien 170 Millionen Organisationszuschuss von der Fifa geflossen – „eine Erpressung auf Fifa-Art“. Die Fifa teilte schon vergangene Woche mit, es sei kein entsprechender Zahlungseingang zu finden.

          Ein Blatter-Profiteur der ersten Stunde

          Die „Bild“ führt eine Version an, die Wolfgang Niersbach bereits vor einer knappen Woche unter die Leute gebracht hatte. Mit einem entscheidenden Unterschied: Niersbach, frisch zurück von einem Gespräch mit Beckenbauer, behauptete, den Deal habe sein Freund Franz in einem Vier-Augen-Gespräch mit Fifa-Präsident Joseph Blatter ausgehandelt. Blatter hat das längst bestritten. Laut Beckenbauers Erklärung war es jetzt aber die Finanzkommission, deren Vorsitzender der Argentinier Julio Grondona war. Und Grondona bestreitet nicht. Er war ein Blatter-Profiteur der ersten Stunde, 26 Jahre lang Fifa-Exekutivmitglied.

          Leider verstarb er im vergangenen Jahr im Alter von 83 Jahren an den Folgen einer Herzoperation und entkam damit endgültig den nie aufgeklärten Korruptionsvorwürfen, die ihn ein Leben lang begleiteten. Sein Name spielte postum schon im Juni eine Rolle, als die Fifa versuchte, auf seine Kosten ihren mittlerweile entlassenen Generalsekretär Jérôme Valcke von einem Korruptionsversuch zu entlasten. Grondona war‘s, hieß es auch damals.

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          Wenn die bestens informierten Beckenbauer-Experten von „Bild“ recht haben, dann hat Beckenbauer in seinem Statement nicht nur die Verantwortung für einen „Fehler“ übernommen – sondern zumindest für eine Handlung, die man als Beihilfe zur Korruption interpretieren muss, unabhängig davon, ob ein mögliches Vergehen inzwischen verjährt ist. Allerdings hat Beckenbauer es ja nicht zugegeben. Nichts davon steht in dem Statement. Es waren „die Beteiligten“. Und die Details stammen nicht von ihm. Sondern von „Bild“.

          „Beteiligte“ kommen im letzten Absatz des Statements noch einmal vor. Er empfinde, lässt Beckenbauer verbreiten, deren „Verhalten“ ... „teilweise als unsäglich.“ Die „Bild“-Zeitung weiß, „was Beckenbauer mit dem ,unsäglichen‘ Verhalten der ,anderen Beteiligten‘ ausdrücken will“. Im Gegensatz zu ihm, wird erklärt, hätten sich Wolfgang Niersbach als damaliger Vizepräsident des Organisationskomitees und der seit 2003 dort für die Finanzen zuständige Theo Zwanziger vor einem Fehler-Eingeständnis gedrückt. Dafür haben sie allerdings ein paar Informationen mehr geliefert.

          Ein totes Motiv in der Sommer-Märchenstunde

          Ganz nebenbei versetzt Beckenbauer damit auch Niersbach einen weiteren Stich ins Herz, der ihn viele Jahre lang für einen seiner besten Freunde hielt. Zwanziger schießt gleich einen Pfeil hinterher: Er ließ am Dienstag von seinem Anwalt erklären, Niersbach sei 2002 bereits in alle Vorgänge eingeweiht gewesen. Immer wieder schaut Zwanziger nach im Köcher. Sind noch ein paar Pfeile drin? Er hat den Verdacht, dass der Neuseeländer Jack Dempsey, der kurz vor der letzten Abstimmung über die Vergabe der WM 2006 unter rätselhaften Umständen die Exekutivsitzung der Fifa verließ, mit 250.000 Dollar bestochen wurde.

          Das liest Zwanziger, dem Günter Netzer seit Dienstagabend mit einer Klage droht, aus einer Schmiergeld-Liste des Fifa-Rechtevermarkters ISL heraus, nach dessen Insolvenz umfangreiche Informationen rund um das Korruptionsgeflecht des internationalen Fußballs ans Licht gekommen waren. Dort wird eine anonymisierte Zahlung erwähnt, die am Tag vor der WM-Vergabe geleistet wurde, allerdings keine Verbindung zu den deutschen Bewerbern. Noch so ein totes Motiv in dieser Sommer-Märchenstunde um eine Fußball-Familie, in der sich jeder nur sich selbst verpflichtet fühlt und niemand der Wahrheit.

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