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Kommentar zu Franz Beckenbauer : Des Kaisers wahre Kleider

Franz Beckenbauer: Die ach so schillernde Lichtgestalt war offenbar doch nur vorgespielt Bild: dpa

Franz Beckenbauer wollte mehr sein als Fußballstar, Lichtgestalt und WM-Beschaffer: Er wollte sich in moralische Sphären erhöhen. Die Doppelrolle ist am Ende angelangt.

          Ein Ehrenmann im Ehrenamt: Diese gleich doppelt honorige Haltung war nicht weniger als der Gründungsmythos des Sommermärchens. Er funktionierte phantastisch. Ein Kaiser ist so frei und gibt sich die Ehre, sein Fußballvolk zu beschenken – und nimmt dafür jahrelang und ganz selbstlos alle Mühen dieser Fußballwelt auf sich. Das war lange, und selbst über die jüngsten Skandale hinweg, die märchenhafte Erzählung, die dem von Franz Beckenbauer geführten Bewerbungs- und Organisationskomitee stets Türen, Geldbörsen und Herzen geöffnet hatte.

          Wer konnte sich einem nationalen Projekt schon guten Gewissens versagen, wenn die Lichtgestalt für den guten Zweck ständig um den Globus jettete, nur um Deutschland und seinem Fußball zu dienen? Die Politik stand in Person des Bundeskanzlers und des Innenministers dem Ehrenmann im Ehrenamt allzeit helfend bereit. Deutsche Unternehmen leisteten national und international großzügige Hilfe. Die Medien huldigten ihrem Fußball-Kaiser. Und das Volk applaudierte. War das alles Lüge?

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          Man muss sich schon anstrengen, oder Beckenbauer-Anwalt sein, um es anders zu sehen. Über den staatlichen Wettanbieter Oddset, einen von sechs nationalen Förderern der WM 2006, sind Beckenbauer 5,5 Millionen Euro zugeflossen. Deutschlands einst größter Fußballer fungierte im Rahmen der WM zwar als Werbeträger für das Unternehmen, aber die enorme Summe steht in keiner Relation zum Aufwand – und kam dazu aus dem Topf für die WM-Organisation. Nach dieser kaiserlichen Entzauberung fragen sich selbst diejenigen Fans, die sich keinen Illusionen im Profisport hingeben, wem man jetzt eigentlich noch trauen kann im Fußball.

          Die Rolle seines Lebens

          Ganz nüchtern betrachtet: Einem OK-Chef mit Millionensalär wäre niemals ein solcher Respekt entgegengebracht worden. Respekt, der sich bei weiteren Werbeverträgen auch danach noch zusätzlich auszahlte. Beckenbauers inszenierter Idealismus in einer notorisch selbstsüchtigen Branche immunisierte die WM und den Deutschen Fußball-Bund zudem lange vor lästiger Kritik. Vielen schien es stets so, als hätte Beckenbauer nur getan, was andere von ihm verlangten. Und niemand fragte sich, was er selbst für sich beanspruchte.

          Natürlich hätte überhaupt nichts dagegen gesprochen, wenn sich Beckenbauer für seine Aufgaben als OK-Chef von Anfang an angemessen hätte bezahlen lassen. Aber Geld allein war dem Kaiser offenbar nicht genug. Er wollte auch in moralische Sphären aufsteigen, die im Fußball niemand zuvor erreicht hatte. Auch dieses Vorhaben glückte. Es war die Rolle seines Lebens. Ein Leben, das es so aber nicht gab. Sich heimlich die Taschen füllen und dabei den Wohltäter spielen – diese ganz reale Doppelrolle Beckenbauers ist nun an ihr Ende gekommen. An Macht hat das Kaiserreich schon in den vergangenen Monaten eingebüßt, nun ist auch sein moralischer Zusammenbruch komplett. Einen letzten Dienst könnte er seinem Fußball-Land allerdings noch erweisen: endlich aufklären!

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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