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Frankreichs „Retter“ : Mit Zidane ist der Mythos in Blau wieder da

Frankreich hofft wieder dank Zinedine Zidane Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Zinedine Zidanes Comeback in der französischen Nationalmannschaft löst wahre Begeisterungsstürme aus. „Er ist unser Retter in der Not“, sagt Teamkollege Thierry Henry. Die Umstände von Zidanes Bekehrung sind aber wundersam.

          Die nächtliche Stunde einer Eingebung wird zum Retter in der Not: Zinedine Zidane kehrt in die Nationalmannschaft zurück und belebt den französischen Fußball-Mythos. Die Erleuchtung des Dreiunddreißigjährigen kam mitten in der Nacht. Das Mutterland ist in großer Not, ja Gefahr: In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft ausgerechnet in Deutschland steht den Franzosen das Wasser bis zum Hals. Zidane hatte der Nationalmannschaft den Rücken gekehrt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Meldung von seiner Rückkehr ist die beste, die erste gute Nachricht seit langem. Über die Handys wurde die Sensation der staunenden Welt mitgeteilt, Zidane hatte die Vermarktung aller Neuigkeiten dem Mobilfunk-Anbieter Orange verkauft.

          Zidane wehrlos gegen die Erleuchtung

          Ein paar Tage später schilderte er die wundersamen Umstände seiner Bekehrung dem Fachmagazin „France Football“: „Eines Nachts bin ich plötzlich erwacht und habe mit jemandem gesprochen. Aber das weiß niemand, auch meine Frau nicht, niemand. Ich war wie wehrlos angesichts dieser Macht, die mein Verhalten bestimmte, und ich hatte so etwas wie eine Erleuchtung: Ich verspürte Lust, zu den Quellen zurückzukehren. Eine nicht zu bändigende Kraft hatte sich meiner in diesem Augenblick bemächtigt. Ich mußte dieser Stimme gehorchen.“ Sie befahl dem zeitweise besten Fußballer der Welt, der nur noch für Geld - und für Real Madrid - spielen wollte, ein Comeback in der französischen Nationalmannschaft. Inzwischen hat Zidane dem Blatt „France Football“ Sensationsmache vorgehalten.

          Er habe doch um drei Uhr in der Frühe nur mit seinem Bruder telefoniert, beschwichtigte Zidane im nachhinein die Medien, die sich um seinen geistigen Zustand Sorgen machten. Seine „mystische“ und „irrationale“ Entscheidung als Erleuchtung hat ihre Wirkung jedenfalls nicht verfehlt. Neben Zidane geben auch Weltmeister Lilian Thuram sowie Claude Makelele ihr Comeback in der Nationalmannschaft. Auch Thierry Henry wird erstmals seit sechs Monaten wieder dabeisein.

          Zidane steigerte die Volks-Zufriedenheit

          Die Nationalelf hatte er zu ihren größten Triumphen geführt. Unter der Regie Zidanes - er debütierte in der Auswahl 1994 - beherrschte Frankreich um die Jahrtausendwende den Weltfußball. Im eigenen Land gewann es 1998 die WM. Der Titel der multikulturellen Truppe wurde als Beweis einer vorbildlichen Integration gefeiert und zum Sieg über Le Pen verklärt. Der Rechtsextremist hatte die Mannschaft als „Negertruppe“, die nicht einmal die „Marseillaise“ richtig singen könne, verhöhnt. Die antifaschistische Dimension des historischen Endspiels befreite das Land aus den langen Schatten seiner Vichy-Vergangenheit. Ein monatelanges Stimmungshoch war die Folge.

          Die „Marseillaise“ stürmte die Hitparaden. Die Arbeitslosigkeit ging zurück, die Geburtenrate stieg an. Frankreichs Fußball wurde als gesellschaftspolitisches Lehrstück gedeutet und demonstrierte seine ideologische Überlegenheit auch noch bei der Europameisterschaft 2000. „Frankreich ist immer dann am stärksten, wenn es die Ressourcen seines individuellen Genies in den Dienst einer kollektiven Sache stellt“, schwärmte der linke Intellektuelle Jacques Julliard: „Seine Techniker, seine Ingenieure, seine Wissenschaftler sind im Ausland genauso gefragt wie seine Fußballer.“

          Die Strafe für die Überheblichkeit

          Als in Asien die Weltmeisterschaft 2002 begann, trugen die Franzosen in der Adidas-Werbung bereits den zweiten Stern für die erfolgreiche Titelverteidigung. Die Strafe für die Überheblichkeit fiel fürchterlich aus: „Les Bleus“, die kein einziges Tor schossen, schieden in der Vorunde aus.

          Die französische Gesellschaft erlebt in der Folgezeit dramatische Verwerfungen. Das Musterland der Integration muß das „Kopftuch-Verbot“ erlassen; der Hitzesommer 2003 fordert 16000 Tote; trotz des Widerstands gegen den Irak-Krieg werden in Bagdad französische Journalisten entführt. Und einer Niederlage folgt die nächste Demütigung: erst das „Non“ bei der Abstimmung über die Europa-Verfassung, dann die Vergabe der Olympischen Spiele an London, der Favorit Paris fällt durch.

          Der internationale Prestigeverlust und viele Pfiffe

          Die Irrungen der Politik und der internationale Prestigeverlust blieben nicht ohne Auswirkungen auf die Fußballspieler. In den ersten Qualifikationsspielen für 2006 verloren die Franzosen gegen die Außenseiter Schweiz, Irland und Israel wichtige Punkte. In drei Heimspielen kein einziges Tor. Die Spieler wurden ausgepfiffen. Ein neuer Albtraum zeichnet sich ab: daß sich die „Grande Nation“ - wie schon für die Europameisterschaft 1988 - auch für die WM in Deutschland nicht würde qualifizieren können.

          Im Herbst folgen die entscheidenden Qualifikationsspiele, an diesem Mitwoch geht es im Test gegen die Elfenbeinkünste. Aus Montpellier, wo das Spiel im Sommerloch stattfindet, werden hysterische Szenen gemeldet. Es ist Zidane gelungen, den Mythos noch vor dem ersten Kick im blauen Dress zu erneuern. Weit über den Fußball hinaus. Frankreich schöpft Hoffnung, eine Nation atmet auf - und nicht zu Unrecht: In Helsinki haben die dunkelhäutigen Athleten für Frankreich mehr Titel und Medaillen geholt, als die größten Optimisten erwartet hatten, und die Amerikaner in der kollektiven Königsdisziplin der Sprinter als 4x100-Meter-Weltmeister abgelöst.

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