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Frankreich : Rassistischer Fußball-Sumpf

Entsetzt: Lilian Thuram reagiert verwundert auf den Skandal Bild: dpa

Zu viele Araber und Schwarze: Ein Quoten-Skandal im Nachwuchsleistungszentrum Clairefontaine erschüttert Frankreichs Fußball. Der Technische Direktor muss gehen, Nationaltrainer Blanc steht in der Kritik.

          3 Min.

          Die Fußballmeisterschaft ist spannend wie selten, Titelverteidiger Marseille wurde am Wochenende von Lille als Tabellenführer abgelöst (siehe: Die großen europäischen Fußballligen im Überblick). Aber das interessiert niemanden. Frankreichs Fußball wird wieder einmal von einem Skandal erschüttert: „Zu viele Schwarzen, zu viele Araber, zu viele Doppelbürger, die schließlich für ein afrikanisches Land spielen.“ Zu dieser Einsicht sei der Französische Fußballverband (FFF) gelangt, als seine Spitzen im vergangenen November die Lage analysierten. In der Fußballschule Clairefontaine wolle man Quoten einführen – wie sie in den Ausbildungszentren führender Vereine heimlich angewendet würden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das auf Enthüllungen spezialisierte Internetportal „Médiapart“ hat den Skandal perfekt lanciert und in Tranchen inszeniert. Die erste Bombe platzte am vergangenen Donnerstag. Sie provozierte Empörung und Dementis. „Davon habe ich nie etwas gehört“, erklärte der FFF-Verbandspräsident Fernand Duchaussoy. Und er log. Auch Nationaltrainer Laurent Blanc reagierte schnell: „Mit irgendeiner Diskriminierung habe ich nichts zu tun.“ Als sich der Scoop fast schon als folgenloser Blindgänger zu erweisen schien, legte „Médiapart“ nach und publizierte Klartext: „Wir produzieren in Frankreich immer den gleichen Fußballer-Prototyp: Groß, stämmig, stark. Und wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen. So ist das nun mal.“

          Das soll Laurent Blanc während der FFF-Sitzung am 8. November gesagt haben. Bei der er, wie andere Teilnehmer zunächst behaupteten, gar nicht dabei gewesen wäre. Und – ebenfalls O-Ton Laurent Blanc: „Die Spanier haben mir gesagt: Wir haben keine Probleme, wir haben keine Schwarzen.“ Am Wochenende hat Laurent Blanc als erster die Authentizität der Gesprächsprotokolle bestätigt, aber die Umstände der Veröffentlichung scharf kritisiert. Gleichzeitig entschuldigte er sich für seine Worte, die auch Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft betrafen: „Das schockiert mich wirklich“, zitierte ihn „Médiapart“: „Dass Leute in den verschiedenen Juniorenteams mit fünfzehn, siebzehn, neunzehn Jahren für die französische Nationalmannschaft spielen und später für afrikanische Staaten.“

          Francois Blaquart: Der technische Direktor muss seine Stoppuhr einpacken

          Thuram ist geschockt

          Nach der bekannten Dramaturgie der französischen Fußballskandale hat sich umgehend auch die Sportministerin Chantal Jouanno eingeschaltet. Zunächst sprach sie von „reinen Gerüchten“, doch schon am nächsten Tag entließ sie den Technischen Direktor des Verbands, François Blaquart – er untersteht der FFF und dem Ministerium. Blaquart hat sich eindeutig für Quoten ausgesprochen. Ein früherer Direktor der staatlichen Sportschule Clairefontaine hat bestätigt, dass man ihm regelmäßig vorgeworden habe, zu viele Araber und Schwarze aufzunehmen.

          Die französische Behörde gegen Diskriminierungen „La Halde“ hat eine Untersuchung eingeleitet: Quoten nach Kriterien der Hautfarbe, Herkunft und Religion sind selbstverständlich verboten. Auch die Sozialistische und die Kommunistische Partei haben sich in die Debatte eingeschaltet. Der ehemalige Spieler Lilian Thuram, das Gewissen des französischen Fußballs, ist konsterniert: „Wann hört der Unsinn endlich auf! Wenn ein Spieler schwarz ist, rennt er schneller. Wenn ein Spieler schwarz ist, ist er weniger intelligent.“ Die Quoten bezeichnet Thuram als „wahren Skandal“, die doppelte Staatbürgerschaft hält er für ein „künstliches Problem“.

          Nationalmannschaft als „Gegenstand einer übertriebenen Projektion“

          Über unterschiedliche Spieler-Typen, ihren Einfluss auf das Spiel und die Mischung in der Mannschaft kann in Frankreich nicht ohne Emotionen und nicht ohne rassistische Untertöne diskutiert werden. Die heimliche Debatte im Verband wirkt wie eine Rache nach dem Streik der schwarzen und islamischen Spieler bei der WM 2010 in Südafrika oder, im besten Fall, wie ein ungeschickter Versuch, die Lektionen daraus zu ziehen.

          Dass die Verantwortung für die verbalen Ausfälle und die Arbeitsverweigerung während der WM nicht nur bei den Spielern lag, daran glaubt der Soziologe Stéphane Beaud, ein Schüler des kulturellen Klassenkampf-Theoretikers Pierre Bourdieu. Die Nationalmannschaft, schreibt er in seinem gerade erschienen Buch, ist „Gegenstand einer übertriebenen Projektion“ und Politisierung. Beaud hat Verständnis für die Solidarität des Teams mit Nicolas Anelka, der bei der WM mit dem damaligen Nationaltrainer Raymond Domenech aneinandergeraten und dann suspendiert worden war. Es gebe tatsächlich einen Bürgerkrieg der Religionen und einen rassistischen Sumpf im französischen Fußball. Die Quoten-Affäre ist jedenfalls kein Argument gegen seine These. Er erläutert sie unter dem Titel „Verräter an der Nation.“

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