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Frankreich : Kopfhörer verboten

Der Saisonaftakt des Meisters Marseille (im Bild Lucho Gonzalez) passt zur Situation es französischen Fußballs Bild: REUTERS

Repression oder Revolution? Noch immer kämpft Frankreich gegen das südafrikanische Trauma bei der Weltmeisterschaft. Die nationale Fußball-Liga fürchtet um ihr Geschäftsmodell.

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          „Schämen sollte sich Domenech“, schämen und sich entschuldigen: Noch einmal überhäufte Nicolas Anelka den Trainer mit Schimpf und Schande. Der für seine schwächelnde Intelligenz und seinen schlechten Charakter berüchtigte Spieler erzählte in der Boulevardzeitung „France Soir“, wie es bei der Weltmeisterschaft in Südafrika wirklich gewesen sein soll. Der Chelsea-Star hatte den Coach mit wüsten Worten beschimpft, welche „L'Equipe“ als Schlagzeile auf die Titelseite brachte. Es folgte der Ausschluss des Spielers, der Streik der Mannschaft und ihr Ausscheiden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Zu Hause musste Thierry Henry beim Präsidenten antreten und Raymond Domenech vor dem Parlament aussagen. „Es gab einen veritablen Krieg gegen den Verband und den Coach“, sagt Anelka. Was „L'Equipe“ geschrieben habe, sei nicht wahr und gehöre nicht an die Öffentlichkeit. Auf Ehrverletzung hat er die Zeitung verklagt. Sie sei schuld am Ausscheiden. Und natürlich Domenech. Sich selbst sieht Anelka in der Opferrolle: „Wenn wir verlieren, werden wir wieder zu schwarzen Immigranten.“ Und ebenso plump brachte er sich beim neuen Trainer in Stellung: „Unter Laurent Blanc wäre das alles nicht passiert.“

          Der gab gleichentags die Auswahl der Spieler für die Begegnung am Mittwoch in Norwegen bekannt. Blanc sagte deutlich, dass er von Kollektivstrafen nichts hält und sich jegliche Einmischung der Politiker in die Mannschaftsaufstellung verbitte. Gegen den Willen der Sportministerin hat er Benzema aufgeboten, der mit der gleichen minderjährigen Prostituierten ein Verhältnis hatte wie Franck Ribéry. Dem Verbandspräsidenten allerdings musste er sich fügen: Frankreich wird in Oslo ohne einen einzigen Spieler aus dem Kader für Südafrika antreten.

          Hoffnungsträger Laurent Blanc
          Hoffnungsträger Laurent Blanc : Bild: AFP

          Der disziplinarische Ausschuss kam am Tag danach zusammen. Fünf Rädelsführer wurden benannt: Abidal, Anelka, Evra, Ribéry und Toulalan. Damit bekamen die Spekulationen um die Islamisierung des Streiks neue Nahrung. Über die Strafmaßnahmen wird noch verhandelt. Man solle die Spieler ein Kommuniqué ohne Orthographiefehler schreiben lassen, spottete „L'Equipe“. Toulalan hatte – mit Hilfe seines Agenten – den groteskerweise von Domenech verlesenen Protest der Spieler formuliert.

          Scheinheilige unter sich

          Inzwischen erfolgte der leise Anpfiff zur neuen Landesmeisterschaft. Schon im vergangenen Jahr war die Zahl der Zuschauer um 500.000 zurückgegangen. Jetzt wurden bei praktisch allen Klubs noch weniger Saisonkarten bestellt. In Sachen Transfers ging kaum etwas. Für gerade mal sechs Millionen wechselte Jimmy Briand aus der Provinz nach Lyon. Ein bisschen Lärm gab es nur um den Marseille-Stürmer Niang, den Fenerbahce Istanbul kaufen will. Olympique, der Meister, muss seinen Haushalt um fünfzehn Prozent reduzieren. Nur das Geld vom TV-Sender Canal+ fließt noch ohne Einschränkungen: Der Vertrag läuft bis 2012. Die Profiliga fürchtet aber um ihr Geschäftsmodell. Die Klubpräsidenten haben deswegen ihre Spieler ins Gebet genommen: Beim Aussteigen auf dem Mannschaftsbus sind Kopfhörer verboten und die Stars angehalten, die Autogrammwünsche der Fans zu befriedigen.

          In der Krise zeigt sich, dass die französische Meisterschaft in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung nicht mit den Spitzenligen in Spanien, Italien, England und auch nicht mit der Bundesliga verglichen werden kann. Zwei Drittel der Franzosen interessieren sich gar nicht für Fußball, dies hat eine Umfrage zum Auftakt der Saison ergeben. Und dann auch noch das: In Paris wurden am ersten Spieltag 249 Hooligans verhaftet – mehr denn je. Die Fans von Paris Saint-Germain sind die gewalttätigsten, sie bekämpfen sich auch gegenseitig bis aufs Messer. Symptomatisch auch der erste sportliche Auftritt von Olympique Marseille: der Meister, dessen verwöhnte Spieler der Mentalität des Nationalteams entsprechen, verlor zu Hause 1:2 gegen den Aufsteiger SM Caen. Die Meisterschaft erzeugt mehr Schadenfreude denn Begeisterung.

          Schon am Montagmorgen war wieder die unbewältigte Vergangenheit des französischen Fußballs Thema Nummer eins. Im „Figaro“ kam Kapitän Patrice Evra zu Wort. Auch er erzählte nun, wie es in Südafrika gewesen sein soll. Und rechnete mit Liliam Thuram ab. Thuram gilt als Gutmensch des französischen Fußballs. Der frühere Nationalspieler forderte vor der Strafkommission eine lebenslängliche Sperre für alle Streikenden. Denn sie würden dem Rassismus in Frankreich Vorschub leisten. Scheinheilige unter sich: Evra erinnerte daran, dass Thuram bei der EM in der Schweiz das Aufwärmen verweigert hatte, weil ihn Domenech auf der Ersatzbank ließ. Und rechnete auch ideologisch mit ihm ab: „Es genügt nicht, mit einem Hut, einer Brille und Büchern über die Sklavenschaft unter dem Arm herum zu spazieren, um Malcolm X zu werden.“

          Der Neuanfang wird im Voraus verpfuscht

          Henry ist nach Amerika ausgewandert, zu Red Bull New York, und Blanc der letzte aus der Truppe der Weltmeister von 1998. Wegen der Überinterpretation zum gesellschaftlichen Heilsversprechen wurde der Triumph von damals zum Fluch, den Frankreich noch immer nicht losgeworden ist. Auch der Neuanfang, der ein einmaliges Experiment und eine große Chance darstellt, wird im Voraus verpfuscht: Repression oder Revolution?

          Blanc scheint seiner „Mannschaft“, die so noch nie zusammengespielt hat, nicht zu vertrauen. Schon vor dem Spiel in Norwegen fordert er lautstark die Rückkehr der Stars. Und spürt den Druck: Im September beginnt die EM-Qualifikation, der man zweifellos die jetzt noch geforderten moralischen Strafaktionen opfern wird. „Nur Siege“, sagt der neue Trainer, „können uns vom südafrikanischen Trauma erlösen.“

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