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Frankreich : Der weltfremde Liebhaber Domenech

Raymond Domenech: Weltfremdheit und die Liebe zum Fußball Bild:

Nicht mehr ohne Fußball: Trainer Domenech bricht sein Schweigen und redet über das peinliche Auftreten der Franzosen bei der WM in Südafrika. Zudem plant er ein Comeback. Ins Dschungelcamp will er nicht.

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          Klappe, Kamera läuft: Der Film und das Theater haben Raymond Domenech in den vergangenen Monaten mehrfach Rollenangebote unterbreitet. Nachvollziehen kann man das sehr wohl. Der nach der grotesken Vorstellung seiner bunten französischen Fußball-Truppe in Südafrika entlassene Trainer ist ein genialer Selbstdarsteller. Welchen Bösewicht er auch geben soll: Energisch dementiert Domenech zumindest das Gerücht, er wolle für Europas größten Privatsender TF1 in ein Dschungelcamp ziehen. „Ehrlich“, sagt er dazu, „wer kann sich vorstellen, mich in einer Reality-Show zu sehen?“ An Reality-Wahn war die Show der Franzosen in Südafrika ohnehin nicht zu überbieten. Die Spieler hatten Domenech verhöhnt und vorgeführt, er las den Journalisten die Erklärung der Meuterer vor, die gegen ihn streikten(siehe: Frankreich-Kommentar: Beschämender Sommer). Nicolas Anelka war erst ausgewechselt und dann ausgeschlossen worden. Seine wüste Trainerbeschimpfung brachte „L‘Equipe“ als Schlagzeile.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nach dem kläglichen Ausscheiden schon bei der Europameisterschaft zwei Jahre zuvor hatte Domenech im Fernsehen seiner Lebenspartnerin live einen surrealistischen Heiratsantrag gemacht. Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland brachte ihn Zidanes irrationaler Kopfstoß um den Titel. Nichts hat Frankreich mit Raymond Domenech gewonnen, aber in Südafrika die schon in der „gestohlenen“ Qualifikation angeschlagene Ehre vollends verloren. Nach der Rückkehr musste der Trainer ins Parlament zum Verhör.

          Seit dem Epilog im nationalen Psychodrama tat Domenech etwas, was ihm niemand zutraute: Er schwieg, hartnäckig. Zu allen Vorwürfen gegen ihn sagte er kein einziges Wort. Auf dem Arbeitsamt wurde er beim Stempeln gesichtet und im Fernsehen in einem Werbespot. Am schulfreien Mittwoch trainiert er Zehnjährige in einem Pariser Vorort. Einen „goldenen Fallschirm“ hat es für ihn nicht gegeben: Wegen fehlerhaften Verhaltens war er vom französischen Verband, der ihn zuvor nach jeder sportlichen Katastrophe im Amt bestätigt hatte, fristlos entlassen worden – Domenech hat gute Aussichten, die von ihm verlangten drei Millionen Euro zu bekommen.

          Legendär: Domenech verliest den „Offenen Brief” zum Boykott der französischen Nationalmannschaft

          „Eine echte Desillusion und Enttäuschung“

          Nur langsam kehrt der französische Fußball zur Normalität zurück. Vor einer Woche besiegten die Franzosen die Brasilianer. Der psychologische Befreiungseffekt ist enorm. Auch Domenech, der das Spiel am Fernsehschirm sah, spürt den Klimawandel. Er will für seine Ehre und ein Comeback kämpfen. Er hat einen der bekanntesten Kommunikationsberater engagiert. Von ihm und seinem Anwalt ließ Domenech sich begleiten, als er die Journalisten des Nachrichtenmagazins „L‘Express“ zum Gespräch traf.

          Er sei es „müde“, all den Unsinn über ihn zu lesen. Die Arroganz, die ihm bescheinigt werde, habe nur dazu gedient, die Spieler zu schützen. Schon als Schüler hätten ihn die Lehrer bei jeder richtigen Antwort als vorlaut empfunden. Noch immer hat Domenech offenbar nicht begriffen, was bei der WM in Südafrika geschah. Eine „Bande ungezogener und verwöhnter Kinder“ nennt er die Fußballprofis. Keinem ist er jedoch böse: „Wut bringt nichts. Ich habe einen großen Fehler: Ich verstehe menschliche Schwächen viel zu gut.“ Was hätte er anders machen sollen? „Ich bin traurig, weil ich gegenüber den Spielern nicht die richtigen Worte fand. Das hat mich nächtelang verfolgt.“

          Zum Konflikt mit Anelka will er – zwischen Anwalt und PR-Berater – nichts mehr sagen: „Ich habe mit seiner Auswechslung meinen Job gemacht.“ Es gibt ein laufendes Verfahren – zwischen Anelka und der Zeitung „L‘Equipe“. Domenechs südafrikanische Bilanz: „Eine echte Desillusion und Enttäuschung, ich war überzeugt, dass wir Weltmeister werden.“

          Weltfremdheit und die Liebe zum Fußball

          Geblieben sind die Weltfremdheit und die Liebe zum Fußball. Ihr will Domenech bald wieder frönen. „Man muss eine Frau vergessen, um eine andere lieben zu können“, sagt er. Man weiß nicht, ob die Mutter seiner Kinder seinen Heiratsantrag nach der Pleite angenommen hat. Man vernimmt aber hoch erfreut: „Ich habe die Türe zum Fußball nicht zugeschlagen.“ Manchen Franzosen hatte Domenech, der Provokateur, sogar gefehlt. Vermutlich kann das jüngste Interview die Entzugserscheinungen noch nicht wirklich lindern. Aber es erinnert an spannendere Zeiten und eröffnet neue Horizonte.

          Am Schluss fragen die Journalisten den Trainer auch noch, welche Rollen ihm denn eigentlich vom Film und Theater zugedacht worden seien: „Rollen. . ., wie soll ich sagen? Fast schon die eines Großvaters. Das ist paradox. Man scheint mich als alten Weisen zu sehen. Als einen, der das Leben kennt, der es erklären kann. Eine Art gelassener Erzieher. Letztlich kennt mich die Welt des Films sehr viel besser als jene des Fußballs.“ Umgekehrt ist das nicht weniger falsch.

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