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Fortuna Düsseldorf : Das Märchen von Bello und Lumpi

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Ein Herz und eine Seele: die Düsseldorfer Axel Bellinghausen (links) und Andreas Lambertz Bild: picture alliance / dpa

Zwei Düsseldorfer sind ausgezogen, die Bundesliga zu erobern. Auch im Heimspiel gegen den FC Augsburg (17.30 Uhr) wollen die treuen Fortunen Andreas Lambertz und Axel Bellinghausen voller Hingabe alle Defizite wettmachen.

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          Es waren einmal zwei Fußballspieler. Die waren noch keine zwanzig Jahre alt und spielten gemeinsam in der vierten Liga für einen tief gefallenen Traditionsverein. Sie waren gute Kumpels. Das kleine Stadion lag direkt neben der städtischen Müllverbrennungsanlage. Der eine Kicker hieß Axel, hatte von Anpfiff an schon einen vor Anstrengung roten Kopf und rannte im Sauseschritt die Außenlinie rauf und runter, dass die Fans vor Vergnügen aufschrien. Der andere hieß Andreas, wurde von allen aber nur „Lumpi“ gerufen. Bei ihm schienen die Länge der Arme, Beine und Füße nicht im rechten Verhältnis zueinander zu stehen, aber er hetzte mit so viel Leidenschaft durchs Mittelfeld, dass die Fans auch ihn sofort liebten. Der Ball verweigerte den Füßen der beiden nicht selten die Gefolgschaft.

          Der tief gefallene Traditionsverein schaffte mit seinen beiden jungen Kämpfertypen den Aufstieg in die dritte Liga. Axels Füßen gehorchte der Ball immer besser, und so kam es, dass ihm diese Fußballwelt zu klein wurde und er schweren Herzens zum 1. FC Kaiserslautern wechselte, dort Kapitän wurde, Bundesliga spielte, nach Augsburg ging, auch dort Stammspieler war. Lumpi blieb beim tief gefallenen Traditionsverein, stieg in die zweite Liga auf, wurde Kapitän, stieg in die Bundesliga auf, blieb Kapitän. Da zog es Axel nach sieben Wanderjahren zurück nach Hause, zum Traditionsverein, zu Lumpi, der, inzwischen zur Düsseldorfer Fußball-Ikone gereift, ja immer noch da war.

          Irgendwie immer dabei

          Richtige Fußballmärchen sind selten im professionellen Geschäft. Fortuna Düsseldorf hat mit der Wiedervereinigung von Axel Bellinghausen und Andreas Lambertz vor dieser Saison ein ungewöhnliches zu bieten. Sie sind beide in der Fortuna-Jugend gestartet und haben den Klub nun mit 21 Hinrundenpunkten in vor wenigen Jahren noch ungeahnte Höhen geführt. Nach jedem der drei Aufstiege dachten nicht wenige, dass die spielerischen Grenzen des treuen Lambertz nun erreicht seien. „Fortuna hat sich peu à peu gesteigert, und ich habe mich mitentwickelt“, sagt der 28-Jährige: „Wir haben uns etabliert und dann schon wieder den nächsten Aufstieg angepeilt - und ich war immer irgendwie dabei.“

          Irgendwie immer dabei war auch Bellinghausen (Spitzname „Bello“) während seiner Abwesenheit. Der 29-Jährige war zahlendes Fortuna-Mitglied und ließ auch in der Fremde seine Autokennzeichen stets auf „F-95“ oder 1895, dem Gründungsjahr des Vereins, enden. Das Wort Herzensangelegenheit klingt in der Fußballwelt längst hohl. Bellinghausen hat es versucht zu vermeiden, als er erklären sollte, warum er sich mitten in der vorigen Saison als Bundesliga-Stammspieler des FC Augsburg für den Zweitligaklub Düsseldorf entschied. Und auch auf Geld verzichtete. „Fortuna ist mein Klub, hier bin ich aufgewachsen, und dieser Schritt zurück ist eine sensationelle Geschichte für mich. Und zwar in einem Alter, in dem ich dem Verein noch etwas zurückgeben kann. Und nicht mit 34 Jahren, wo jeder sagt: Wunderbar, danke, tschüs.“

          Necken und hänseln - wie ein altes Ehepaar

          Lumpi und Axel kommen der romantischen Fanvorstellung von Spielern, die der Vereinstreue das berufliche Vorankommen zu opfern haben, sehr nahe. An diesem Sonntag empfängt die Fortuna zum Rückrundenauftakt Bellinghausens alte Augsburger Kollegen (17.30 live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET). Extra motivieren muss der Trainer ihn eh nie. Im Vormittagstraining am Donnerstag auf einem notdürftig vom Schnee geräumten Kunstrasenplatz sieht man nur einen in kurzen Hosen, aufgekrempelten Ärmeln, ohne Mütze und Handschuhe: Bellinghausen. Er und Lambertz, diese beiden bodenständigen, volksnahen Typen, kennen nur Fußball total, ganz oder gar nicht. Die Fans schätzen ihre Unermüdlichkeit und ihre Fähigkeit, sich auf dem Feld völlig zu verausgaben für die gemeinsame Sache. Allen gelegentlichen spielerischen Unzulänglichkeiten zum Trotz. Die Fans stöhnen auf, wenn sich Lambertz mal wieder einen üblen Ballverlust in der eigenen Hälfte leistet. Sie jauchzen, wenn er sich mit seinen „44er-Pumps die Lunge aus dem Leib rennt“ (Trainer Norbert Meier) und den Ball auf seine unkonventionelle Art zurückerobert.

          Im Interview necken und hänseln sich die beiden Publikumslieblinge, wie sie nur können. Wie ein altes Ehepaar, das sich in- und auswendig kennt und genau weiß, was es will. Damals, zu Viertligazeiten, haben sie vor 4000 Zuschauern gespielt und gemeinsam „rumgesponnen, wie es wäre, vor 8000 Zuschauern zu spielen. Dann sind es plötzlich 8000, und du träumst von 15.000“, erzählt Bellinghausen.

          Regionalliga 2004: „Lumpi“ (links) und „Bello“ für die Fortuna Bilderstrecke

          In den großen Bundesliga-Arenen angekommen, geht es für die beiden Fortunen darum, weiter so erfolgreich unbequem zu sein für die Gegner erster Klasse. „Wenn wir alle unsere taktischen Aufgaben erfüllt haben, wurde es für jeden schwierig, da durchzukommen. Ich sage immer: Solange die Null steht, haben wir einen Punkt sicher“, sagt Lambertz. „Mit einer intakten Mannschaftsleistung an diesem einen Tag, für diese einen neunzig Minuten - so haben wir unsere Punkte geholt. Das Schöne ist: Häufig schlägt Einstellung Talent“, sagt Bellinghausen. Fortuna ist in der Hinrunde das beste Beispiel gewesen, wie man mit Biss und Organisation über seinen Möglichkeiten spielen kann mit einem Kader, der mehrheitlich aus Zweit- und Drittligaspielern besteht. Die Fortuna mit Bellinghausen spielt in dieser Saison den erfolgreichen Underdog, der Augsburg mit Bellinghausen in der vorigen Saison war.

          Lambertz ist in Düsseldorf in gängigen Kategorien schon gar nicht mehr zu beschreiben. Man kann darüber streiten, ob er nur Identifikations- und Symbol- oder schon Kultfigur ist. Ob er Herz, Lunge oder Seele des Fortuna-Spiels ist. Oder alles gleichzeitig. Der Boulevard hat ihn nach der Bundesliga-Rückkehr zum Kaiser von Düsseldorf ausgerufen. „Da lache ich mich Schrott drüber“, sagt Lambertz. „Meine Mutter hat den Artikel bestimmt noch irgendwo.“

          Locker, authentisch und entwaffnend ehrlich

          Der Grevenbroicher, der zum rheinischen Unikat wurde, ist für seinen Verein 22 Mal in der vierten, 150 Mal in der dritten, 84 Mal in der zweiten und bislang 14 Mal in der ersten Liga aufgelaufen. Zu Saisonbeginn war er gesperrt, weil ihm jemand im Aufstiegstrubel nach dem skandalträchtigen Relegationsspiel gegen Hertha einen brennenden Bengalo in die Hand gedrückt hatte. Auch das gehört nun zu seiner sportlichen Vita, die ihn auch auf gesellschaftlichen Parketts in der Stadt zu einer gefragten Person gemacht hat. Er absolviert solche Termine eher aus Pflichtgefühl denn mit Freude. Doch der 1,75 Meter kleine Familienvater bleibt dabei immer locker, authentisch, manchmal auch entwaffnend ehrlich, Lumpi halt. „Ich mache mir über fast nichts einen Schädel. Alles, was mich nervt, spreche ich an. Und alles, was mich nervt und ich nicht ändern kann, stecke ich in eine Schublade, schließe sie ab und schmeiße den Schlüssel weg. Du musst als Fußballer schmerzfrei sein, gegen eine Horde Männer ankommen können“, sagt Lambertz.

          Es gibt nicht viele seiner Art in der Branche. Und es kommen auch nicht mehr viele nach. Mit den Junioren, die heute in das System mit seinen Nachwuchsleistungszentren eingespeist werden und gegebenenfalls oben als Fußballprofis herauskommen, haben Lambertz und Bellinghausen nicht viel gemein. „Wir wurden geschliffen, haben aber auch mitgeschliffen und unsere Eigenständigkeit bewahrt. Heute geben 18-Jährige Interviews, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten“, sagt Bellinghausen achselzuckend, als ob er die Jungs bemitleidet, dass sie nicht erleben werden, was er erlebt hat auf seinem Weg nach oben. „Wenn ich an unsere ersten Interviews zurückdenke, würde aus heutiger Sicht jeder die Hände überm Kopf zusammenschlagen und sagen: O Gott, das könnt ihr doch so nicht sagen. Heute ist viel einheitlich. Es gehen die Typen verloren.“ Typen der alten Schule, wie die beiden noch nicht mal 30 Jahre alten Lambertz und Bellinghausen. Das Ende des Märchens ist noch ungewiss. Eine nicht unwahrscheinliche Möglichkeit: Und wenn sie nicht mit dem Kicken aufgehört haben, spielen sie bestimmt noch bei der Fortuna.

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