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Fortuna Düsseldorf : Das Märchen von Bello und Lumpi

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Im Interview necken und hänseln sich die beiden Publikumslieblinge, wie sie nur können. Wie ein altes Ehepaar, das sich in- und auswendig kennt und genau weiß, was es will. Damals, zu Viertligazeiten, haben sie vor 4000 Zuschauern gespielt und gemeinsam „rumgesponnen, wie es wäre, vor 8000 Zuschauern zu spielen. Dann sind es plötzlich 8000, und du träumst von 15.000“, erzählt Bellinghausen.

Regionalliga 2004: „Lumpi“ (links) und „Bello“ für die Fortuna Bilderstrecke

In den großen Bundesliga-Arenen angekommen, geht es für die beiden Fortunen darum, weiter so erfolgreich unbequem zu sein für die Gegner erster Klasse. „Wenn wir alle unsere taktischen Aufgaben erfüllt haben, wurde es für jeden schwierig, da durchzukommen. Ich sage immer: Solange die Null steht, haben wir einen Punkt sicher“, sagt Lambertz. „Mit einer intakten Mannschaftsleistung an diesem einen Tag, für diese einen neunzig Minuten - so haben wir unsere Punkte geholt. Das Schöne ist: Häufig schlägt Einstellung Talent“, sagt Bellinghausen. Fortuna ist in der Hinrunde das beste Beispiel gewesen, wie man mit Biss und Organisation über seinen Möglichkeiten spielen kann mit einem Kader, der mehrheitlich aus Zweit- und Drittligaspielern besteht. Die Fortuna mit Bellinghausen spielt in dieser Saison den erfolgreichen Underdog, der Augsburg mit Bellinghausen in der vorigen Saison war.

Lambertz ist in Düsseldorf in gängigen Kategorien schon gar nicht mehr zu beschreiben. Man kann darüber streiten, ob er nur Identifikations- und Symbol- oder schon Kultfigur ist. Ob er Herz, Lunge oder Seele des Fortuna-Spiels ist. Oder alles gleichzeitig. Der Boulevard hat ihn nach der Bundesliga-Rückkehr zum Kaiser von Düsseldorf ausgerufen. „Da lache ich mich Schrott drüber“, sagt Lambertz. „Meine Mutter hat den Artikel bestimmt noch irgendwo.“

Locker, authentisch und entwaffnend ehrlich

Der Grevenbroicher, der zum rheinischen Unikat wurde, ist für seinen Verein 22 Mal in der vierten, 150 Mal in der dritten, 84 Mal in der zweiten und bislang 14 Mal in der ersten Liga aufgelaufen. Zu Saisonbeginn war er gesperrt, weil ihm jemand im Aufstiegstrubel nach dem skandalträchtigen Relegationsspiel gegen Hertha einen brennenden Bengalo in die Hand gedrückt hatte. Auch das gehört nun zu seiner sportlichen Vita, die ihn auch auf gesellschaftlichen Parketts in der Stadt zu einer gefragten Person gemacht hat. Er absolviert solche Termine eher aus Pflichtgefühl denn mit Freude. Doch der 1,75 Meter kleine Familienvater bleibt dabei immer locker, authentisch, manchmal auch entwaffnend ehrlich, Lumpi halt. „Ich mache mir über fast nichts einen Schädel. Alles, was mich nervt, spreche ich an. Und alles, was mich nervt und ich nicht ändern kann, stecke ich in eine Schublade, schließe sie ab und schmeiße den Schlüssel weg. Du musst als Fußballer schmerzfrei sein, gegen eine Horde Männer ankommen können“, sagt Lambertz.

Es gibt nicht viele seiner Art in der Branche. Und es kommen auch nicht mehr viele nach. Mit den Junioren, die heute in das System mit seinen Nachwuchsleistungszentren eingespeist werden und gegebenenfalls oben als Fußballprofis herauskommen, haben Lambertz und Bellinghausen nicht viel gemein. „Wir wurden geschliffen, haben aber auch mitgeschliffen und unsere Eigenständigkeit bewahrt. Heute geben 18-Jährige Interviews, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten“, sagt Bellinghausen achselzuckend, als ob er die Jungs bemitleidet, dass sie nicht erleben werden, was er erlebt hat auf seinem Weg nach oben. „Wenn ich an unsere ersten Interviews zurückdenke, würde aus heutiger Sicht jeder die Hände überm Kopf zusammenschlagen und sagen: O Gott, das könnt ihr doch so nicht sagen. Heute ist viel einheitlich. Es gehen die Typen verloren.“ Typen der alten Schule, wie die beiden noch nicht mal 30 Jahre alten Lambertz und Bellinghausen. Das Ende des Märchens ist noch ungewiss. Eine nicht unwahrscheinliche Möglichkeit: Und wenn sie nicht mit dem Kicken aufgehört haben, spielen sie bestimmt noch bei der Fortuna.

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