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Fifa-Skandal : 53 Verdachtsfälle von Geldwäsche bei WM-Vergaben

Blatters Verkündung: Am 2. Dezember 2010 bekam Qatar den Zuschlag für die WM 2022 Bild: dpa

Die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt bei den WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Qatar 53 Verdachtsfälle von Geldwäsche. Der Fall sei „groß und komplex“.

          3 Min.

          Trotz der ersten konkreteren Einschätzung der Schweizer Staatsanwaltschaft zu möglicherweise kriminellen Handlungen rund um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften an Russland (2018) und Qatar (2022) hat der Internationale Fußball-Verband (Fifa) seine Haltung einer Nichtveröffentlichung des „Garcia-Berichts“ verteidigt.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Realität hat diese Forderung bei weitem überholt. Es war die richtige Entscheidung der Fifa, diesen Bericht im vergangenen Jahr der Staatsanwaltschaft übergeben zu haben. Eine Vorabveröffentlichung hätte möglicherweise Beschuldigte begünstigt und ihnen Informationen geliefert, die ihnen gar nicht zustehen“, sagte der Compliance-Chef der Fifa, Domenico Scala, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Auf Grundlage des Garcia-Berichts, der vom gleichnamigen und im vergangenen Jahr zurückgetretenen Fifa-Ermittler aus den Vereinigten Staaten zusammengetragen worden war, sehen die Schweizer Staatsanwälte nun strafrechtlichen Handlungsbedarf. Zur umstrittenen WM-Vergabe und einem möglichen Korruptionsverdacht wurde nichts gesagt. 53 Verdachtsfälle von Geldwäsche seien registriert worden, wie der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber am Mittwoch mitteilte.

          Die verdächtigen Bankverbindungen seien von der Schweizer Financial Intelligence Unit (Meldestelle für Geldwäsche) angezeigt worden. Weitere 104 Bankverbindungen waren zuvor untersucht worden. Um welche Transaktionen und um welche Geldsummen es sich handelt, wollte Lauber nicht sagen. Der Fall sei „groß und komplex“. Umfangreiche Datenmengen müssten analysiert werden. Experten gehen von jahrelangen Verfahren aus. Die Fifa ist aus Sicht der Staatsanwälte bisher geschädigte Partei.

          „Dafür werden wir uns personell verstärken“

          Dennoch steigt der Druck auf den Weltverband. Präsident Joseph Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke gelten für die polizeilichen Ermittler in der Schweiz als „Auskunftspersonen“ – ein Status zwischen Zeuge und Beschuldigtem. Unabhängig davon kündigte die Fifa-Ethikkommission an, ihre Untersuchungen aufgrund von Ethik-Verstößen gegen einzelne Funktionäre zu intensivieren. „Sollten zusätzliche Verdachtsmomente auf dem Tisch liegen, wird die Ethikkommission den Kreis der beschuldigten Personen ausweiten. Dafür werden wir uns auch personell weiter verstärken“, sagte Fifa-Chefermittler Cornel Borbély. Der frühere Schweizer Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte ist neben dem deutschen Richter Hans-Joachim Eckert einer der beiden Vorsitzenden der Fifa-Ethikkommission.

          Die Zentrale des Weltverbandes steht unter staatsanwaltlicher Kontrolle. Zuletzt waren die Ermittler ein- und ausgegangen. Ein Wegschaffen von Dokumenten hätte für jeden strafrechtliche Konsequenzen. Bisher seien zehn Personen verhört worden, sagte Lauber. Er schloss nicht aus, dass Blatter und Valcke noch befragt werden. Die Fifa hatte im November 2014 Anzeige gegen Unbekannt gestellt und den Garcia-Bericht an die Bundesanwaltschaft übergeben. Lauber bezeichnete die Untersuchung als dynamischen Prozess: „Es könnte in jede Richtung gehen.“

          Der Ethik-Richter des Weltverbandes, Eckert, im Hauptberuf Richter am Landgericht in München, hatte in seiner Prüfung auf Grundlage des Garcia-Berichts keine konkreten Anhaltspunkte gefunden, dass bei der WM-Vergabe an Russland und Qatar, über die im Dezember 2010 der Fifa-Vorstand abgestimmt hatte, einzelne Funktionäre bestochen worden sind. Auch bei zwei weiteren Begutachtungen des Reports, die der Fifa-Compliance-Chef Scala Ende 2014 unter anderem beim Kölner Sportrechtler Martin Nolte in Auftrag gegeben hatte, verdichtete sich kein dringender Korruptionsverdacht.

          Aber immerhin liegen Hinweise und Querverbindungen vor, obwohl Russland sowie Qatar die Anschuldigungen stets zurückweisen. Schon im vergangenen Jahr gab es Berichte, nach denen der ehemalige Fifa-Vorstand Ricardo Teixeira aus Brasilien, der 2010 noch über die Vergabe an Russland und Qatar mit abgestimmt hatte, mit mehr als 30 Millionen Euro in der Kundenliste einer Bank im Fürstentum Monaco aufgetaucht war. Schnell kamen Spekulationen auf, es könnte sich um Geldwäsche handeln – aus Fußball-Schiebereien. Zuletzt berichtete die Zeitung „Estado de Sao Paulo“, auf dem Konto seien Einlagen von Firmen aus der Golf-Region gefunden worden. Ermittler vermuteten dahinter Bezahlungen, die der Brasilianer für sein Votum für die WM in Qatar 2022 kassiert haben könnte.

          Diese Ermittlungen scheinen für die Fifa gefährlich

          Teixeira, zwischen 1989 und 2012 brasilianischer Fußballpräsident, könnte auch in Zusammenhang mit einem Ausrüstervertrag von Nike für die Brasilianer über 150 Millionen Dollar vom Jahr 1996 eine dubiose Rolle gespielt haben. Amerikanische Staatsanwälte glauben, ein Korruptions-Netzwerk im Fußball von Nord-, Mittel- und Südamerika offenlegen zu können. Derzeit wird gegen 14 Funktionäre und Sportmarketing-Agenten wegen Korruption, Verschwörung und organisierter Kriminalität ermittelt. Einige sitzen in Auslieferungshaft in der Schweiz. Diese Ermittlungen scheinen für die Fifa gefährlicher.

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