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Fußball-Weltverband : Fifa will Schadenersatz von Funktionären

„Wir wollen das Geld zurück, egal wie lange dies dauern wird“: Fifa-Präsident Gianni Infantino. Bild: AP

Der Fußball-Weltverband stellt bei der amerikanischen Justiz einen Antrag. Es geht um „zig Millionen“. Betroffen sind bekannte Namen. Und es könnte erst der Beginn sein für weitere Schritte der Fifa.

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          Der von Korruption unterwanderte und von Skandalen erschütterte Fußball-Weltverband (Fifa) ist mit seinen Anwälten in die juristische Offensive gegangen. Die Organisation will mit Hilfe der amerikanischen Behörden von 41 angeklagten Funktionären und Managern, denen die Staatsanwaltschaft in den Vereinigten Staaten Geldwäsche, Betrug und Bandenkriminalität vorwirft, Schadenersatz für alle materiellen und immateriellen Verluste verlangen, die nach ihren Berechnungen der Fifa durch deren „unrechtmäßige Taten“ entstanden sind. Insgesamt gehe es um „zig Millionen“.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Betroffen sind ehemalige führende Mitglieder der Fifa-Exekutive wie Chuck Blazer, Jack Warner oder Jeffrey Webb. Die Beschuldigten hätten das Vertrauen der Fifa, seiner Mitgliedsverbände und des gesamten Fußballs missbraucht und ihnen schwere Schäden zugefügt, sagte der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino. „Das Geld, das sie eingesteckt haben, gehört dem ganzen Fußball. Es war für die Entwicklung und Förderung des Spiels vorgesehen. Wir wollen das Geld zurück, egal wie lange dies dauern wird.“

          In einem 22 Seiten umfassenden Antrag an die amerikanischen Justizbehörden, der FAZ.NET vorliegt, versuchen die Fifa-Anwälte zugleich, den aktuellen Opfer-Status des Weltverbandes in dem Korruptionsverfahren zu untermauern. Der Versuch, durch den Schadensersatz-Anspruch eine Trennungslinie zu ziehen zwischen der angeblich rein philanthropischen Organisation Fifa und den Heerscharen ihrer Spitzenfunktionäre vornehmlich aus Süd- und Mittelamerika, die sie wie eine Krankheit befallen haben, wird darin überdeutlich.

          Die Frage, ob der Schaden durch die Fifa selbst oder durch eine fremde, nicht ausreichend zu kontrollierende Macht aus den Kontinentalverbänden verursacht wurde, spitzt sich nun zu. Sollten die amerikanischen Behörden dem Antrag auf Entschädigung stattgeben, dürfte der Fortbestand der Fifa unter dem neuen Präsidenten Gianni Infantino gesichert sein. „Wenn die Fifa das Geld zurückbekommt, werden wir es direkt der ursprünglichen Bestimmung zufließen lassen – zu Gunsten der Entwicklung des internationalen Fußballs“, sagte der Fifa-Präsident.

          Mindestens 190 Millionen Dollar Schmiergelder

          Die amerikanische Justiz geht bisher davon aus, dass in den unterschiedlichen Fällen mindestens 190 Millionen Dollar an Schmiergeldern geflossen sein sollen. Rund 100 Millionen Dollar aus diesen mutmaßlichen Straftaten sind in den Vereinigten Staaten von den Behörden schon eingefroren worden. Auf diese Mittel will auch die Fifa jetzt ihren Zugriff reklamieren, wenn es zu Verurteilungen kommt.

          In ihrem „Antrag auf Entschädigung“ berufen sich die Anwälte der New Yorker Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan auf ein Gesetz von 1996, das die Rechte und Verfahren für Opfer von Straftaten regelt: „Jedes festgestellte Opfer, eine Organisation eingeschlossen, hat den Anspruch auf Entschädigung als Teil der Strafe, die gegen einen Angeklagten verhängt wird, für Verluste, die als Ergebnis des Fehlverhaltens des Angeklagten erlitten wurden.“

          Aus Kreisen der Fifa-Anwälte ist zu erfahren, dass dieser Vorstoß wohl erst der Beginn sein soll für weitere juristische Schritte gegen Beschuldigte. Nebenher sei zusätzlich in verschiedenen Ländern ein zivilrechtliches Vorgehen möglich. Hier könnte es theoretisch in der Schweiz sogar zu Regressforderungen gegen den ehemaligen Präsidenten Joseph Blatter oder den gesperrten europäischen Fußballchef Michel Platini kommen.

          Im Fall des ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) drängt der Weltverband darauf, dass dessen gesamter Besitz zum Nutzen der Opfer geschützt werden müsse. Aber Webb, der bereits 6,7 Millionen Dollar an die Justiz vorausbezahlt hat und sein Urteil für Juni erwartet, ist nur Teil eines großen Ganzen. Er ist zwar einer der Schlimmsten – als Präsident des Karibischen Verbandes soll er Hilfsgelder für die ärmsten Länder in die eigene Tasche gesteckt haben. Sein Vorgänger und offenbar Vorbild im Amt, Jack Warner, bediente sich sogar skrupellos an der Erdbeben-Hilfe für Haiti.

          Diebstahl von 10 Millionen Dollar wird genannt

          Eine genaue Schadenssumme wird in dem Antrag nicht genannt. Lediglich Bezahlung, Boni, Spesen und andere Wohltaten für die Angeklagten wurden vorbehaltlich neuer Informationen beziffert: In ihren Amtszeiten seit 2008 hätten sie insgesamt 28.224.678 Dollar erhalten. Dafür, so heißt es, hätten sie der Fifa aber „nicht den vollen Wert ihrer ehrlichen Dienste“ gegeben. Der immaterielle Schaden, der durch die Gier der Angeklagten entstanden sei, könne nicht überschätzt werden, schreiben die Anwälte.

          Dazu kämen die Summen, die als Bestechungsgelder und Kickbacks für Fernsehrechte umgeleitet worden seien und deren Höhe nur durch den Wert der Marke Fifa ermöglicht worden sei, und, auch das wird nicht näher beziffert, die bedeutenden Rechts- und Anwaltskosten. Als einzige Einzelposition wird der Diebstahl von 10 Millionen Dollar durch die Angeklagten Jack Warner, Chuck Blazer (beide geständig) und ihre Komplizen benannt.

          Es sei, erklären die Anwälte, „jetzt offensichtlich, dass mehrere Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa ihre Positionen missbraucht und ihre Stimmen bei mehreren Gelegenheiten verkauft haben“. Als Beispiel wird die Vergabe der Fußball-WM 2010 an Südafrika genannt. „Schließlich“, schildern sie in dem Antrag, „aufgrund der starken unerlaubten Bande zum südafrikanischen Bewerbungskomitee, boten die Südafrikaner ein attraktiveres Bestechungsgeld von 10 Millionen Dollar an für die Stimmen von Warner, Blazer und eines dritten Exekutivkomitee-Mitglieds.

          Warner und seine Komplizen logen gegenüber der Fifa über die Natur der Zahlung, indem sie sie als Unterstützung zum Wohl der ,Afrikanischen Diaspora' in der Karibik-Region ausgaben, während es in Wahrheit Bestechungsgeld war.“ Warner war damals Präsident der Konföderation von Nord- und Mittelamerika und der Karibik, Blazer sein Generalsekretär. Über zwei Dinge schwiegen die Anwälte allerdings. Der damals amtierende Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke leitete nach Erkenntnissen der Ermittler die zehn Millionen persönlich an ein von Warner kontrolliertes Konto weiter.

          Was geschah bei der WM-2006-Vergabe?

          Valcke, mittlerweile wegen anderer Vergehen entlassen, blinde Naivität zu unterstellen, dürfte aber ein grober Fehler sein, wie er der amerikanischen Justiz eigentlich nicht unterläuft. Und die anderen „Gelegenheiten“, bei denen Fifa-Exekutivmitglieder ihre Stimmen verkauften, lassen die Anwälte im Dunkeln. Was aber geschah bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland? Und was beim Zuschlag für die noch nicht vergebenen Weltmeisterschaften 2018 nach Russland und 2022 an Qatar? Sollte sich die Fifa auch in diesen Fällen als Opfer sehen, sollte sie die entsprechenden Umstände ja wohl so rasch wie möglich ans Licht bringen und weitere Entschädigung einfordern.

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