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Früherer DFB-Präsident : Aufnahmen und Protokolle belasten Niersbach

Die Glaubwürdigkeit von Wolfgang Niersbach wird weiter belastet. Bild: dpa

Bald verkündet die Fifa-Ethikkommission das Urteil gegen Wolfgang Niersbach. Dann droht ihm das Karriereende als Fußballfunktionär. Zuvor taucht weiteres belastendes Material auf, das der F.A.Z. vorliegt.

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          Die Funktionärskarriere des ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, könnte demnächst beendet sein. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Kreisen des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) erfahren hat, wird in der Untersuchung gegen ihn die Urteilsverkündung der Fifa-Ethikkommission in Kürze erwartet. Alles andere als ein Ausschluss wäre eine Überraschung.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wegen mehrerer Verstöße gegen Ethikregeln und der Verschleierung bei der Aufarbeitung des deutschen WM-Skandals hatten die Ermittler des Weltverbandes einen zweijährigen Ausschluss vom Fußball und eine Geldstrafe von 30.000 Franken für den 65 Jahre alten Deutschen gefordert. In der Vergangenheit gab es kaum einen Fall, bei dem das rechtsprechende Organ der Ethikkommission den Vorgaben von Seiten der Ermittlungskammer signifikant entgegenstand. Die Spruchkammer der Fifa wollte keinen Kommentar dazu abgeben.

          Niersbach, der in höchsten und gutdotierten Positionen bei der Fifa und dem europäischen Verband (Uefa) sitzt, wollte auf Anfrage ebenfalls keine Stellungnahme dazu abgeben. Der F.A.Z. liegen interne DFB-Gesprächsprotokolle vor, in denen eine Aussage des früheren DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt den ehemaligen Kollegen belastet. Sie ist so zu verstehen, dass Niersbach nicht erst seit Juni vergangenen Jahres, wie der ehemalige DFB-Chef selbst stets behauptete, sondern mindestens seit der Überweisung im Jahr 2005 von den dubiosen Machenschaften um die WM-Zahlung über 6,7 Millionen Euro wusste. Das wird auch vom Freshfields-Bericht gestützt. Diesen hatte die gleichnamige Anwaltskanzlei nach interner Untersuchung der Vorfälle beim DFB zur deutschen WM 2006 angefertigt.

          Derweil stellt sich bei Niersbach die Frage, ob er die geforderte Pflicht, in den internationalen Fußballgremien für eine neue Transparenz zu sorgen, weiterhin nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit verfolgt. Tonaufnahmen von Sitzungen des höchsten Fifa-Gremiums im Mai, über welche die F.A.Z. verfügt, lassen Niersbach nicht gerade als Verfechter einer neuen Offenheit erscheinen.

          Da müsse vorher „drübergeschaut“ werden ...

          Als es in einem damaligen Meeting vor dem Fifa-Kongress in Mexiko-Stadt in der Diskussion der Council-Mitglieder darum ging, ob und in welcher Form der sogenannte Garcia-Bericht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden solle, plädierte Niersbach hinter verschlossenen Türen dafür, „nicht alles“ herauszugeben. Entscheidend sei, dass es eine „redigierte Form“ des Reports gebe. Da müsse vorher „drübergeschaut“ werden. Dann behauptete Niersbach gegenüber den Kollegen im Fifa-Council, dass beim Freshfields-Bericht des DFB zur WM-Untersuchung Persönlichkeitsrechte verletzt worden seien. Bekannt ist jedoch nichts von einer solchen Problematik.

          Der frühere Fifa-Ermittler Michael Garcia aus den Vereinigten Staaten hatte zwischen 2012 und 2014 seine Untersuchungsergebnisse zu Korruptionsvorwürfen um die WM-Vergaben an Russland und Qatar in einem Bericht zusammengetragen. Dieser wird noch von der Schweizer Bundesanwaltschaft ausgewertet. Nach seinem Redebeitrag in der betreffenden Council-Sitzung befragt, äußerte Niersbach gegenüber der F.A.Z., dass er sich nicht daran erinnern könne, dass in Mexiko-Stadt über den Garcia-Report gesprochen worden sei. Die Tonaufnahmen belegen jedoch das Gegenteil: Die Fifa-Funktionäre und auch Niersbach diskutierten fast eine halbe Stunde über das Thema - zum Teil in sehr emotionaler Weise. Einer derjenigen, die sich im Meeting noch vehementer für eine stark bereinigte Fassung des Untersuchungsberichtes einsetzten, war der spanische Fußballchef Ángel María Villar, ein altgedienter Funktionär des Fifa-Klüngels. Er will neuer Uefa-Präsident werden.

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          Dies alles wirft kein gutes Licht auf die Top-Funktionäre. Anders als sie vorgeben, sträuben sich viele weiterhin nach Kräften gegen eine Reform des maroden Systems. Dafür steht ebenfalls das zweifelhafte Verhalten des nun selbst ins Visier der Ethikermittler geratenen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Möglicherweise wird der Blatter-Nachfolger gleich wieder gesperrt wegen verschiedener Verstöße. Derweil wird in den Hinterzimmern des Weltverbandes weiter intrigiert und geschachert. Währenddessen lassen DFB und Liga Niersbach auf internationalem Terrain gewähren.

          Die Veröffentlichung des Garcia-Reports liegt unterdessen gar nicht in den Händen der sich als allmächtige Instanz aufspielenden Fifa-Funktionäre. Darüber kann, wenn es die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zulassen, nur Hans-Joachim Eckert, Vorsitzender des rechtsprechenden Organs der Fifa-Ethikkommission, befinden. Die Kammer des pensionierten deutschen Richters entscheidet auch über das Strafmaß gegen Niersbach. Eckert ist hier jedoch außen vor, weil er sich aufgrund derselben Staatsbürgerschaft nicht den Vorwurf der Befangenheit machen lassen will. Den Niersbach-Fall leitet sein Stellvertreter Alan Sullivan aus Australien.

          „WNI kannte nach Einschätzung von HRS das Problem“

          Monatelang informierte Niersbach im vergangenen Jahr die Kollegen im DFB-Präsidium nicht über die dubiosen Vorgänge bezüglich des deutschen WM-Turniers 2006. Nur ein kleiner Kreis war eingeweiht. Unterlagen wurden zurückgehalten, Aktenordner in der DFB-Zentrale verschwanden. Von den Freshfields-Anwälten gab es in der Schlussbetrachtung erhebliche Bedenken, ob Niersbach nicht schon Jahre früher über die kaschierte Zahlung der 6,7 Millionen Euro von 2005 im Bilde war. Zwischen 2001 und 2006 war er geschäftsführender Präsident des WM-Organisationskomitees.

          Inzwischen ermittelt auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen ihn - wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung. Der F.A.Z. liegt eine Kopie des Protokolls aus einem Gespräch am 15. Oktober vergangenen Jahres vor, an dem neben Horst R. Schmidt noch der Justitiar und der Mediendirektor des DFB sowie der damalige stellvertretende DFB-Generalsekretär Stefan Hans teilnahmen.

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          Hintergrund der Zusammenkunft war der Eingang eines Fragenkatalogs von Journalisten des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zu einer dann am 17. Oktober veröffentlichten Geschichte rund um den WM-Skandal. In dem Gesprächsprotokoll steht: „WNI kannte nach Einschätzung von HRS das Problem (…).“ WNI ist das DFB-Kürzel für Wolfgang Niersbach, HRS für Horst R. Schmidt. Der zeitliche Bezug der Aussage richtete sich auf das Jahr 2005.

          Zugleich lehnte sich Niersbach bei Integritätsfragen stets weit aus dem Fenster. In einem offenen Brief am 10. Juni vergangenen Jahres an die sechs Millionen DFB-Mitglieder in den Vereinen, als er schon das Hochkommen des deutschen WM-Skandals befürchten musste, geißelte er hinsichtlich der Blatter-Fifa „fehlende Moral“. Selbst vier Monate später, bei seiner peinlichen Pressekonferenz am 22. Oktober, gab Niersbach den Ahnungslosen. „Was habe ich mir persönlich vorzuwerfen? Ich habe von dem Vorgang erfahren im Juni etwa, den Tag genau kann ich nicht sagen, über Umwege.“ Glaubwürdig ist das längst nicht mehr.

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