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WM-Vergabe 2018 und 2022 : Fifa ermittelt doch weiter gegen Beckenbauer

„Ich habe mit Franz Beckenbauer telefoniert“: Joseph Blatter (rechts) macht den Deutschen zu seinem Kronzeugen (Bild von 2012) Bild: dapd

Die Fifa ermittelt nach Informationen von FAZ.NET doch weiter gegen Franz Beckenbauer und seine Rolle bei den WM-Vergaben an Russland und Qatar. Joseph Blatter setzt derweil seine Attacken fort – und erzählt pikante Details aus persönlichen Gesprächen.

          Das Verfahren der Ethikkommission des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) gegen den früheren Fifa-Vorstand Franz Beckenbauer ist noch nicht eingestellt worden. „Dies entspricht nicht den Tatsachen“, bestätigte der Sprecher der Fifa-Ermittlungskammer, Andreas Bantel, gegenüber FAZ.NET. Am Wochenende gab es in dem Fall anderslautende Spekulationen. Es geht bei Beckenbauer um seine Rolle im Rahmen der WM-Vergabe an Russland (2018) und Qatar (2022).

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Überprüft werden offenbar Besuche und Verträge des ehemaligen Fifa-Funktionärs aus Deutschland im Zusammenhang mit den WM-Gastgeberländern. „Das Verfahren der unabhängigen Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission unter dem Vorsitz von Cornel Borbély gegen Franz Beckenbauer wegen möglichen Verstoßes gegen das Ethikreglement der Fifa läuft weiter“, heißt es. Zu Inhalt und möglicher Dauer der Untersuchung äußerte sich die Untersuchungskammer nicht.

          Unterdessen hat Ligapräsident Reinhard Rauball in der Diskussion um die fragwürdige Wiederwahl Joseph Blatters und die jüngsten Skandale bei der Fifa ein neues Kontrollgremium gefordert. Über dem Fifa-Vorstand müsse ein Aufsichtsrat installiert werden, „der ausschließlich aus Fußball-Externen besteht, die zum Beispiel aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik oder Kirchen kommen“, sagte der Präsident von Borussia Dortmund gegenüber FAZ.NET.

          Nur eine derartige unabhängige Instanz könne wieder ein erstes Stück Glaubwürdigkeit schaffen. Zugleich kritisierte Rauball in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den europäischen Verband für die Blamage bei der Fifa-Wahl: „Die Uefa muss intern kritisch ihren Auftritt auf dem Fifa-Kongress hinterfragen, Schwachpunkte klar definieren und eine Strategie entwickeln, wie künftig europäische Interessen durchgesetzt werden können“, sagte er.

          Blatter setzte am Sonntag die Attacken gegen Uefa-Chef Michel Platini und den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach mit Berichten aus persönlichen Gesprächen fort. Beckenbauer, der ihn nach seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten verteidigte, benutzt er dabei als Kronzeugen. „Ich habe mit Franz Beckenbauer telefoniert. Er sagte mir, er jedenfalls habe den deutschen Verbandspräsidenten zusammengefaltet, weil der gegen mich stimmte“, sagte Blatter in einem Interview der Schweizer Zeitung „Sonntagsblick“.

          Beckenbauer widersprach. „Ich habe mit Wolfgang Niersbach freundschaftlich diskutiert“, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Von Zusammenfalten kann überhaupt keine Rede sein. Es steht mir auch nicht zu, einen DFB-Präsidenten zusammenzufalten. Wolfgang Niersbach und ich haben ein herzliches und offenes Verhältnis.“ Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) reagierte verwundert auf die Aussage des kritisierten Fifa-Chefs. „Keine Ahnung, wie Blatter auf sowas kommt, ein Telefonat mit dem Inhalt hat überhaupt nicht stattgefunden. Im Übrigen war es ein Beschluss des gesamten DFB-Präsidiums, für den Wechsel an der Fifa-Spitze zu stimmen“, sagte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker.

          Über Platini erzählte Blatter, dass dieser ihm bei dem Vier-Augen-Gespräch in seinem Büro in der Fifa-Zentrale zur Mittagszeit am Donnerstag vorgeschlagen habe, „einen guten Whisky unter Freunden“ zu trinken. Dies habe er abgelehnt. Anschließend habe ihm der Franzose offenbar eine goldene Brücke bauen wollen: „Und dann meinte er allen Ernstes: ’Sepp, du machst den Kongress und am Schluss gibst du bekannt, dass du zurücktrittst. Du bekommst ein gigantisches Fest und dein Büro hier bei der Fifa kannst du behalten.’“

          Eine Reaktion von Platini hierzu gab es vorerst nicht. Blatters Aussagen belegen jedoch, dass der Konflikt mit den Gegnern der Uefa noch lange nicht ausgestanden ist. Platini und Niersbach hatten sich neben dem amerikanischen Verbandschef Sunil Gulati nach dem jüngsten Korruptionsskandal um mehrere aktuelle und frühere Fifa-Funktionäre am deutlichsten gegen Blatter positioniert.

          DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

          Die Uefa hat derweil noch keine Entscheidung über das Prozedere zur Wahl eines Nachfolgers von David Gill im Fifa-Exekutivkomitee getroffen. Der frühere Direktor von Manchester United hatte sein Mandat nach der Wiederwahl von Blatter aus Protest niedergelegt. Gill sollte den für die vier britischen Verbände reservierten Sitz im Fifa-Exko einnehmen. Laut Statuten müsste die Uefa einen Kongress aller 54 Mitglieder einberufen, da nur dieser die europäischen Fifa-Delegierten bestimmen kann. Der nächste ordentliche Uefa-Kongress findet am 23. März 2016 in Budapest statt.

          Eventuell wird das Thema beim Treffen der Uefa-Verbände vor dem Champions-League-Finale in Berlin in der kommenden Woche erörtert. Dabei wollen die Blatter-Gegner in der Uefa auch ihr generelles Vorgehen nach dem jüngsten Korruptionsskandal um aktuelle und frühere Fifa-Funktionäre und der Wiederwahl des Schweizers beraten.

          Der frühere Chef des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 räumte einem Bericht zufolge eine Sonderzahlung von 10 Millionen Dollar ein. Das Geld sei jedoch entgegen einer Anklageschrift der amerikanischen Justizbehörden keine Bestechung der Fifa gewesen, sagte Danny Jordaan der Zeitung „Sunday Independent“. Der südafrikanische Sportminister und der damalige Präsident Thabo Mbeki hatten nach Bekanntwerden der Anschuldigungen am Donnerstag zunächst jegliche Zahlung außer der Reihe an den Fußball-Weltverband bestritten.

          Jordaan zufolge wurde das Geld 2008 an die Konföderation von Nord- und Mittelamerika Concacaf bezahlt, um den Sport dort zu fördern. Concacaf-Präsident war zu dem Zeitpunkt Fifa-Vizepräsident Jack Warner, der diese Woche aufgrund der Bestechungsvorwürfe der amerikanischen Justiz zeitweise festgenommen worden war. Jordaan, der auch Präsident des südafrikanischen Verbands Safa ist, sagte, das Geld sei direkt von einer Zahlung der Fifa für die Austragung der WM an Safa genommen worden. Da Südafrika bereits 2004 den Zuschlag bekommen habe, könne es sich bei der Zahlung vier Jahre später kaum um Bestechung dafür handeln, argumentierte er weiter.

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