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Fifa-Skandal : Wieder geht es um Korruption

Erklärungsnot: Fifa-Präsident Joseph Blatter steht unter Druck Bild: dapd

Drei weitere Mitglieder des Exekutivkomitees des Fußball-Weltverbandes Fifa sollen Gelder kassiert haben. Doch am Termin der WM-Vergabe für 2018 und 2022 ändert sich nichts. „Wir ziehen das durch“, sagt Franz Beckenbauer.

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          Neue Korruptionsvorwürfe gegen Spitzenfunktionäre stürzen den Internationalen Fußballverband (Fifa) in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise. Betroffen sind drei weitere Mitglieder des Exekutivkomitees. Zwei andere Repräsentanten aus dem höchsten Gremium der Fifa waren schon zuvor wegen ihres offensichtlichen Hangs zur Annahme von Bestechungsgeldern vorübergehend suspendiert worden. So spitzt sich die Lage nun nochmals zu und gerät für die Fifa und deren Präsident Joseph Blatter mehr und mehr außer Kontrolle. Das Exekutivkomitee, de facto die Regierung des Weltfußballs, will am Donnerstag in Zürich über die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 entscheiden. Stimmen aber die aktuellen Enthüllungen, stellt sich die Frage nach dem Sinn der nun hochbelasteten Veranstaltung.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“ berichtete am Montag über eine geheime Zahlungsliste der ehemaligen Fifa-Hausagentur ISL. Diese war im Jahr 2001 in Konkurs gegangen und stand danach im Zentrum von Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden in der Schweiz, welche in einen Prozess mündeten. Die Erkenntnis der Richter: Die Manager der einstigen Sportvermarkters haben Millionen Franken Schmiergelder an die Fifa gezahlt, um an Werbeaufträge zu gelangen.

          Laut den Recherchen des „Tages-Anzeigers“, an denen sich auch die britische BBC mit ihrem investigativen Magazin „Panorama“ beteiligt hat, sollen neben dem brasilianischen Verbandschef Ricardo Teixeira auch Issa Hayatou, Fifa-Vizepräsident und Präsident der afrikanischen Fußball-Konföderation aus Kamerun, sowie der Paraguayer Nicolas Leoz, Präsident der südamerikanischen Konföderation und mit 82 Jahren das älteste Mitglied im höchsten Fifa-Zirkel, zum Teil hohe Schmiergeldzahlungen in Empfang genommen haben. Alle drei sind langjährige Mitglieder des Exekutivkomitees.

          Franz Beckenbauer sagt: „Wir ziehen das durch”

          „Der Sport lebt in einer anderen Welt“

          Die Vorwürfe werfen wiederum ein schlechtes Bild auf Fifa-Präsident Blatter. Der 74 Jahre alte Walliser hatte zur Einstellung des ISL-Prozesses im vergangenen Juni veranlasst, dass die hausinternen Schmiergeldempfänger als Wiedergutmachung eine Summe von 5,5 Millionen Franken zurückzahlen, dafür aber im Gegenzug anonym bleiben sollten. Diese Vorgehensweise war von der zuständigen Staatsanwaltschaft im Schweizer Ort Zug mitgeteilt worden. Nun könnten die korrupten Funktionäre doch enttarnt sein – zu der Gruppe soll neben Fifa-Granden auch ein bekanntes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gehören.

          Die wichtigsten Organisationen des Sports bringt dies wieder einmal in Verruf. Der bekannte Schweizer Strafrechtler und federführende Korruptionsbekämpfer der Weltwirtschaftsorganisation (OECD), Mark Pieth, hatte sich zuletzt für eine Gesetzesrevision in der Schweiz ausgesprochen, damit auch die dort ansässige Fifa und das Internationale Olympische Komitee nicht mehr vom Schweizer Antikorruptionsgesetz ausgenommen bleiben. Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte er: „Unternehmen riskieren heutzutage Strafbarkeit, Manager ihre Karriere. Bei Sportverbänden ist es bislang umgekehrt: Es ist förderlich für die Karriere, wenn ich Stimmen kaufen kann. Im Vergleich zur Wirtschaft sind sich die Sportverbände noch lange nicht klar, welche Verantwortung sie haben. Der Sport lebt in einer anderen Welt und ist um Jahrzehnte zurück.“

          Ein Paradebeispiel eines Sportfunktionärs der üblen Art scheint der Brasilianer Teixeira abzugeben. Wie der „Tages-Anzeiger“ berichtet, soll der einflussreiche Schwiegersohn des ehemaligen Fifa-Präsidenten Havelange zwischen 1992 und 1997 alleine 9,5 Millionen Dollar von der Agentur ISL erhalten haben – ohne erkennbare Gegenleistung. Es gibt weitere Vorwürfe gegen Teixeira, die derzeit in Brasilien für Empörung sorgen. Dabei geht es um den Fußballverband und das Organisationskomitee für die WM 2014. So soll Fußball-Präsident Teixeira als Halter eines Minderheitsanteils an der gemeinsamen WM-Gesellschaft von 0,01 Prozent die Hälfte des zu erwartenden Profits der Großveranstaltung erhalten. In Deutschland lag der 2006 bei 256 Millionen Euro.

          „Wir ziehen das durch“

          Durch die Verwicklungen ihrer höchsten Repräsentanten gerät die Fifa schwer unter Druck. Zwei der ursprünglich 24 Mitglieder des Exekutivkomitees sind schon suspendiert, gegen drei gibt es neue schwere Vorwürfe, zudem sind weitere Funktionäre aus dem Führungszirkel nicht gerade gut beleumundet. Wie sauber und seriös können also die Entscheidungen am Donnerstag um die WM 2018 und WM 2022 überhaupt noch ausfallen? Es geht um Milliardenprojekte mit hohem Prestigewert. Der deutsche Fußball-„Kaiser“ Franz Beckenbauer, der ebenfalls in dem Fifa-Gremium mitstimmen wird, kann sich allerdings nicht vorstellen, dass die WM-Vergabe aus triftigen Gründen verschoben wird.

          Eine Organisation wie Transparency International rät zu dieser Vorgehensweise, zumal auf die Fifa hohe Schadenersatzklagen von Ländern zukommen könnten, die in der Wahl am Donnerstag unterliegen. „Wir ziehen das durch“, sagte Beckenbauer. Dagegen übt er Kritik grundsätzlicher Art: „Es war ein Fehler, beide Weltmeisterschaften gemeinsam zu vergeben.“ Aus Sicht der Aufklärer könnten die Vorkommnisse um die erstmalige Doppel-Wahl von WM-Standorten jedoch für eine Beschleunigung eines lange notwendigen Selbstreinigungsprozesses sorgen. Die Fifa und Blatter wollten sich gestern zu den Vorwürfen nicht äußern.

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