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Skandal um Weltverband : Die unauflösliche Ehe von Fifa und DFB

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Schöner Schein: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (links) und Joseph Blatter Bild: dpa

Wie geht es nach dem angekündigten Rücktritt von Joseph Blatter weiter? Wer übernimmt die Macht? Auch der DFB sucht seine Rolle. Bei genauem Blick wird deutlich, wie abhängig er vom Weltverband ist.

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          Das Geschäftsmodell des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) würde schwer belastet, käme es zu einem längerfristigen WM-Ausstieg mit der Nationalmannschaft. Die Nichtteilnahme an einer Weltmeisterschaft, der Verzicht auf Qualifikationsspiele fürs Turnier oder sogar ein Austritt aus dem krisengeschüttelten Verbund des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) hätte tiefgreifende finanzielle Auswirkungen auf den DFB. Das gilt gerade jetzt nach dem angekündigten Rücktritt des umstrittenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, durch den die Zukunft der Fifa und die Nachfolgeregelung völlig ungeklärt sind.

          Was passiert an der Spitze des Weltverbandes? Wer übernimmt die Macht? Welche Skandale kommen unabhängig von Blatter noch auf? So erklärt sich die abwehrende Position der deutschen Fußballfunktionäre, die alles vermeiden wollen, was in Richtung eines selbstgewählten Ausstiegs aus dem System läuft. „Das Präsidium ist sich mit den Ligavertretern und Vereinsrepräsentanten wie Karl-Heinz Rummenigge einig, dass ein Boykott kein geeignetes Mittel ist“, sagte der DFB-Mediendirektor Ralf Köttker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Mindestens 70 Prozent des Umsatzes von zuletzt 211 Millionen Euro holt der DFB direkt oder indirekt über seine wichtigste Mannschaft herein. Die deutsche Weltmeisterelf ist Mittelbeschaffer für Jugendförderung, Frauenfußball, die einzelnen Landesverbände, den gesamten Amateurunterbau, gesellschaftliche Initiativen und zukünftige Großprojekte. Fürs Jahr 2024 könnte die Europameisterschaft nach Deutschland geholt werden.

          Auf dem Gelände der bisherigen Pferderennbahn in Frankfurt soll bis Ende 2018 für rund 90 Millionen Euro die neue DFB-Akademie als Elitezentrum mit Forschung und Entwicklung entstehen. Hierzu fehlt nur noch die Bestätigung durch einen Bürgerentscheid in drei Wochen. Es ist das größte Bauprojekt in der Geschichte des DFB, wobei die Fifa und der europäische Fußballverband 7,6 Millionen Euro dazugeben. Der Weltverband würde seine Fördergeld im Fall eines DFB-Boykotts aber bestimmt zurückziehen.

          5,10 Euro für jedes verkaufte Trikot

          Eine mehr oder minder stillstehende Nationalmannschaft ohne WM-Spiele und WM-Turniere würde die Einnahmen des Verbandes von Sponsoren, Fernsehanstalten und aus dem Merchandising drastisch verringern. Es fehlte die lukrative Werbeplattform zur Darstellung. Derzeit nimmt der DFB allein durch Wirtschaftspartner mehr als 60 Millionen Euro ein. Adidas, bis 2018 noch der Ausrüster, trägt 25 Millionen Euro für ein Jahr bei. Durch den WM-Erfolg von Brasilien profitiert der DFB ganz besonders vom Sportartikelkonzern in Herzogenaurach.

          Denn zur Sponsorensumme kommt von Adidas die Lizenzgebühr von 5,10 Euro für jedes verkaufte Nationalmannschaftstrikot dazu. Bisher sind mehr als drei Millionen über den Ladentisch gegangen. Der wie Adidas genauso lang gebundene Generalsponsor Mercedes zahlt etwa 15 Millionen Euro im Jahr in die DFB-Kasse. Hinzu kommen Werbepartnerschaften zu Unternehmen wie die Commerzbank, Deutsche Post, SAP, Deutsche Lufthansa oder Rewe. Mehr als 40 Lizenzpartner gibt es.

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          Seit dem Bedeutungsgewinn der Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Einnahmen aus dem Sponsoring vervierfacht. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff bezeichnet das Team als „Cashcow“ des DFB. In der vergangenen Dekade stiegen die Einkünfte des Verbandes um 50 Prozent. Als Prämie für den Titelgewinn schüttete die Fifa im vergangenen Jahr 25,7 Millionen Euro an den DFB aus.

          Innerhalb von Europa diskutierte Pläne, sich von der Fifa zu lösen und dafür neue Geldquellen zu erschließen, indem die Europameisterschaft der Uefa durch die Einbeziehung von Mannschaften aus Südamerika oder Asien aufgewertet würde, sind noch nicht ausgereift. Von mancher Seite ist zu hören, die fünf wichtigsten Fußballnationen Europas sollten gleich einen Gegenverband zur Fifa gründen.

          Neun Millionen Euro für jedes Länderspiel

          „Ein Szenario mit mehreren Weltverbänden wie beim Boxen taugt nichts. Oder will irgendjemand, dass Deutschland und Brasilien gleichzeitig Weltmeister sind?“, sagt DFB-Mann Köttker. Zudem fehlt die Einigkeit unter den großen Fußballnationen. Für Initiativen brauche man jedoch Allianzen. Aber diese Geschlossenheit gebe es derzeit nicht.

          Neben den längerfristigen Sponsorenverträgen kann der DFB um die neun Millionen Euro für jedes Länderspiel einnehmen, wenn es in Deutschland stattfindet. Fünf sind es in diesem Jahr 2015. Der durchschnittliche Erlös durch die Eintrittskarten liegt je Partie bei mehr als zwei Millionen Euro. Eine ähnliche Höhe bringt der Verkauf der Hospitality-Pakete für Logen und Business-Sitze im Stadion. Dazu kommt eine Million Euro, die der Verband für jede Partie aus der Bandenwerbung erhält. Das meiste Geld kommt vom Fernsehen, weil ARD und ZDF über den ausgehandelten TV-Vertrag mehr als vier Millionen Euro für jedes Spiel zahlen. Wer wollte diese einträgliche Geldmaschine schon zum Stottern bringen?

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          Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, welche die Fernsehrechte an der WM 2018 (Russland) und 2022 (Qatar) gerade erst für zusammen 430 Millionen Euro schon erworben haben, ist keine Absicht zu erkennen, die Fifa zu boykottieren. Es gibt nicht mal eine Drohung. Doch fest steht, dass reichlich Geld vom Gebührenzahler in die umstrittene Organisation des Weltverbandes fließt. Bei ARD und ZDF wird stets auf die Verträge mit der Fifa und die im Rundfunkstaatsvertrag verankerte Schutzliste verwiesen, wonach wichtige Fußballspiele wie bei einer WM im Fernsehen frei empfangbar bleiben müssen, wenn deutsche Mannschaften beteiligt sind.

          Diese Grundversorgung könnten allerdings auch Privatsender leisten. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten hat schon auf die exorbitant hohen Minutenkosten für Sportsendungen hingewiesen, die auch aus den Rechteeinkäufen wie bei einer Fifa-WM resultieren. Der teuerste Programmbereich bei ARD und ZDF ist der Sport mit dem Fußball.

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