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Fifa-Sicherheitschef Eaton im Gespräch : „Wir befinden uns in einem Krieg“

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Fifa-Sicherheitschef Chris Eaton: „Die Sportverbände müssen da genauer hinsehen” Bild: dpa

Die organisierte Kriminalität ist für den internationalen Fußball eine Bedrohung. Mit verschobenen Spielen setzen Banden Milliarden um. Fifa-Sicherheitschef Chris Eaton macht Jagd auf die Wettmafia.

          5 Min.

          Profis in Südkorea, Vereinsbosse in der Türkei und Schiedsrichter in Ungarn sitzen in Untersuchungshaft. In der vergangenen Woche hat der Weltverband Fifa jeweils drei Schiedsrichter aus Bosnien-Hercegovina sowie Ungarn wegen des Vorwurfs der Spielmanipulation auf Lebenszeit ausgeschlossen. Der Australier Chris Eaton war in leitender Position bei Interpol, bevor er zur Fifa wechselte. Der Verband will nun enger mit der Polizeiorganisation zusammenarbeiten und hat dafür 20 Millionen Euro freigeräumt.

          Welche Leute stecken hinter den Spielmanipulationen?

          Das ist organisierte Kriminalität. Wir sehen hier zwar keine bis ins letzte Glied durchorganisierten Mafiastrukturen, aber dennoch unternehmerisch tätige Gangsterbanden. Und sie sind im Sport aktiv, weil dort viel Profit zu machen ist.

          Sind diese kriminellen Gruppen auf Fußball spezialisiert?

          Ich habe keinen Zweifel: Je näher wir den Hintermännern und Financiers dieses Geschäfts kommen, desto mehr werden wir Verbindungen zwischen dem Fußball und anderen Sportarten erkennen. Ich bin mir sicher: An dem einen Tag manipulieren diese Betrüger Fußballspiele, am nächsten sind sie im Cricket und dann beim Basketball aktiv. Ich vergleiche das mit den heutigen Drogenhändlerringen - die verkaufen auch alles, was auf dem Markt ist.

          Die Fifa selbst spricht von einer Art Flächenbrand.

          Das Problem der Spielmanipulationen ist global und umfangreich. Sie erstrecken sich über alle Kontinente - und es gibt auch eine signifikante Zahl von Betrugsfällen speziell in Europa. Wir werden darauf reagieren und unseren Kampf verstärken. Wir befinden uns in einem Krieg. Wir werden im nächsten Jahr Sicherheitsbüros in Südostasien, in der Region Mittel- und Südamerika sowie eines für den Nahen Osten und Nordafrika öffnen. Wir brauchen Spezialisten, die sich auch in den Kulturen der jeweiligen Länder gut auskennen.

          Wie viele Spezialisten beschäftigen sich bei der Fifa mit der Investigation?

          Ich kann das nicht spezifizieren. Ich beschäftige Leute, die sich gut auskennen und unterschiedlichste kulturelle Hintergründe haben. Ich verfüge zudem aus meiner Zeit bei Interpol über ein großes Netzwerk an Experten.

          Soll eine Fifa-Schutztruppe aufgebaut werden?

          Das ist nicht unser Anliegen. Wir wollen enger mit den Polizeiorganisationen und Ermittlungsbehörden in den verschiedenen Ländern kooperieren, auch mit Interpol. Der globale Kontext ist hier ganz wichtig, weil die Banden auch global aufgestellt sind. Wir wollen unser Wissen aus dem Fußball einbringen. Als in diesem Jahr in Finnland ein Verdächtiger gefasst wurde, konnte die dortige Polizei zuerst gar nicht die Tragweite einschätzen, weil ihr nicht alle Informationen vorlagen. Wir haben dann die entscheidenden Hinweise gegeben.

          Sie sprechen von Wilson Perumal aus Singapur. Er war jahrelang auf der Flucht. Er gilt als ein Drahtzieher und wurde inzwischen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

          Er gehörte zu einer Gruppe von Betrügern, die in viele Spiele gerade in unteren Ligen, aber auch Länderspiele in Südostasien, Afrika und Südamerika verwickelt ist. Perumal war der Frontmann, der die Kontakte zu Spielern, Schiedsrichtern und auch Funktionären hergestellt hat. Diese Leute sind aber nur die Basis der Pyramide. Hinter Perumal stehen ganz andere Figuren mit viel Geld. Das sind die Financiers und Organisatoren des Betrugs. An die wollen wir kommen.

          Das Problem wurde jahrelang unterschätzt.

          Die Fußballfunktionäre haben gedacht, das ist doch Sache der Polizei. Aber die Polizei ist oftmals überfordert, weil es sich um ein globales „Geschäft“ handelt und die Kriminellen sowie die geschmierten Spieler oder Schiedsrichter aus verschiedenen Ländern kommen und unterschiedliche Nationalitäten haben. Da sind oftmals die Zuständigkeiten unklar. Deshalb braucht der Fußball einen eigenen Ansatz. Er muss selbst Nachforschungen anstellen und die Ermittlungsbehörden auf dem Laufenden halten. Die wenigsten Länder haben bisher verstanden, welche Dimension dieses Problem hat. Die Kriminellen können doch mit Spielmanipulation mehr Geld machen als durch Drogenhandel. Auf jeden Fall ist es einfacher, und auch die Strafen sind wesentlich geringer, wenn man mal erwischt wird. Einer wie Perumal, der zig Spiele in der ganzen Welt verschoben hat, bekam gerade mal zwei Jahre.

          Wenn man in der Bundesliga oder in der Premier League nachfragt wegen der Gefahren des Wettbetrugs, heißt es dort meistens, dass die hohen Gehälter die Spieler vor solchen Taten bewahren würden. Ist das ein gutes Argument?

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