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Fifa-Präsidium : Brüder im Kampfe

Aus Freunden werden Rivalen: Bin Hammam und Blatter Bild: dpa

Der Qatarer Mohamed Bin Hammam sieht sich als die neue Macht im Weltfußball. Nun bringt er sich selbst als Nachfolger von Fifa-Chef Joseph Blatter ins Gespräch. Der sanft wirkende Strippenzieher Hammam scheut nicht vor rabiaten Mitteln zurück.

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          Entspannt saß Mohamed Bin Hammam auf einem Stuhl in einem Saal des Khalifa-Stadions und formulierte seine Kernbotschaft. Es stünde noch reichlich Arbeit bevor, doch Qatar hätte in den vergangenen Wochen bewiesen, welch guter Ausrichter das Emirat sein kann für das alles überstrahlende Ereignis - nämlich die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2022. Gewandet in arabischer Kluft lobte der Präsident der Fußball-Konföderation Asiens die Organisation und blickte am Finaltag voller Zufriedenheit auf den Asien Cup, der über drei Wochen in der Hauptstadt Doha ausgespielt wurde. Doch beim brisantesten Thema verstummte Bin Hammam. „Wir sollten heute lieber den asiatischen Fußball hochleben lassen“, sagte er am Samstag und gab sich betont zurückgenommen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nie verfügte der Qatarer über mehr Einfluss. Sein Name hat in der Fußballwelt inzwischen so viel Gewicht, dass spekuliert wird, ob dieser Mann nun die letzte Stufe zur Macht erklimmen will und Mitte des Jahres den angeschlagenen, 74 Jahre alten Joseph Blatter aus dessen Position als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) herausdrängen wird. Seit Monaten setzt der Qatarer den seit 14 Jahren herrschenden Fußballregenten aus der Schweiz unter Druck. Mal stellt er die Führungskraft des Fifa-Granden in Frage, dann bringt er sich selbst als Nachfolger ins Gespräch. Es scheint, als werde der Fifa-Präsident vor seiner geplanten Wiederwahl Anfang Juni zielstrebig demontiert - und das in aller Öffentlichkeit, was in dieser Schärfe selten zuvor passierte. Die von Korruptionsvorwürfen begleitete Wahl der beiden WM-Standorte Russland (2018) und Qatar (2022) hat Blatter schwer zugesetzt, aber zugleich Bin Hammam weiter gestärkt. Gestern in Doha verbat er sich allerdings Fragen zu seinen Ambitionen.

          „Bruder Mohamed“

          Der 61 Jahre alte Bin Hammam vermeidet im Gegensatz zu Blatter die ganz großen Auftritte und Ansagen. So verlief auch sein Aufstieg in den Machtzirkel des Weltfußballs eher aus dem Hintergrund. Einer der entscheidenden Gründe ist seine enge Freundschaft zum Emir Qatars, die seit Jugendtagen besteht. Als der schnauzbärtige Hamad Bin Khalifa Al Thani 1995 seinen Vater wegputscht und die Regierungsgeschäfte übernimmt, erfährt auch die Karriere des Fußballfunktionärs einen wichtigen Kick. Bin Hammam ist zwar selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann, aber eben kein Scheich aus royalem Hause. Die enge Verbindung mit dem Emir eröffnet ihm auf seinem Weg neue Chancen. Der Ministaat in der Wüste modernisiert sich, öffnet sich zum Westen, tritt in der Region als politischer Mittler auf und sieht zudem den Sport als Vehikel zur Imagebildung. Der Thani-Clan investiert Milliarden - und schickt seinen umtriebigen Fußball-Gesandten auf die Reise.

          Global Player: Mohamed Bin Hammam ist Fußball-Präsident Asiens

          Im Jahr 1996 kommt dieser ins Fifa-Kabinett und erkennt schnell das Potential des listigen Generalsekretärs Blatter. Er wird zu seinem engsten Helfer, besorgt Geld für den Wahlkampf und die Stimmen für den Schweizer. 1998 geht Blatter nach einer schmutzigen Wahlschlacht als Sieger hervor und wird Präsident. Vier Jahre später hilft der loyale Bin Hammam wieder mit seinen guten Kontakten, damit die Macht des Fifa-Oberhaupts erhalten bleibt. Als Blatters Günstling ist es für ihn nicht schwer, 2002 asiatischer Fußball-Präsident zu werden. Der in der Öffentlichkeit eloquent wirkende Qatarer baut ein riesiges Netzwerk auf, dabei hilft ihm auch seine Position als Vorsitzender des berüchtigten Goal-Programms der Fifa. Aus dem Entwicklungshilfefonds werden Hunderte Millionen Dollar verteilt, an benachteiligte Regionen, für Fußballprojekte. Kritiker bemängeln die Transparenz, aber Bin Hammam hat alles im Sinn von Blatter gut im Griff und ist eine der Schlüsselfiguren im Reich des Fifa-Regenten. Blatter nennt ihn damals „Bruder Mohamed“.

          Bin Hammam fühlt sich von Blatter hintergangen

          Doch Bin Hammam will sich offenbar nicht auf den Job als Helfer reduzieren lassen. Er treibt eigene Ziele voran, legt viel Kraft und Geld in die Entwicklung des asiatischen Fußballs. „Vision Asia“ heißt sein Programm. Kräftig befördert werden die Aktivitäten vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer. Ein ganzer Kontinent entwickelt im Schlepptau von China und Indien ein neues Selbstbewusstsein, zugleich drängt die Golfregion mit ihren Öl- und Gas-Reichtümern als wichtiger Mitspieler auf die Weltkarte.

          Schließlich fühlt sich Bin Hammam vom flatterhaften Blatter hintergangen. Der Schweizer mischt sich plötzlich in asiatische Angelegenheiten ein und unterstützt seinen einstigen Gefährten nicht mehr bedingungslos. Im eigenen Hause hat Blatter schon mehrere Generalsekretäre und PR-Manager verschlissen. Vor einem Jahr sagt Blatter, dass die Beziehung „ganz plötzlich zerbrochen“ sei.

          „Wer sich mir in den Weg stellt, dem schlage ich Kopf und Hände ab“

          Seither verstärkte der Mann vom Golf seine eigene Machtbasis. Dabei scheut der sanft wirkende Strippenzieher auch nicht vor rabiaten Mitteln zurück. Als es 2009 um seinen Sitz im Exekutivkomitee der Fifa geht, schlägt er mit Hilfe von Tricksereien eine Revolte in Asien nieder und sorgt mit einem Satz für viel Aufsehen. „Wer sich mir in den Weg stellt, dem schlage ich Kopf und Hände ab“, raunzte Bin Hammam. Die asiatische Sportwelt schrie auf. Gemeint war der mächtige Südkoreaner Chung Mong-joon, der selbst schon mal gegen Blatter aufbegehrte und nun den aufstrebenden Qatarer abservieren wollte. Das misslang.

          Gerade hat der Hyundai-Milliardenerbe auch noch seine Position als Fifa-Vizepräsident verloren. Dafür wurde auf der Versammlung der Asiaten vor drei Wochen in Doha der junge, in höheren Fußball-Fragen bisher völlig unerfahrene Bruder des Königs von Jordanien nominiert. Somit hat keine der wichtigen Fußballnationen Asiens - Japan, Südkorea, China, Iran und Saudi-Arabien - mehr eine Repräsentanz in der Fifa-Regierung. Dafür sitzen nun vom Mai an Vertreter aus Jordanien, Sri Lanka, Thailand und natürlich Qatar in diesem Gremium.

          Der Dilettantismus von Blatters Organisation

          Die sensationelle Wahl Qatars zum WM-Ausrichter hat gezeigt, welche Einflussmöglichkeiten mittlerweile vorhanden sind. Die alte Fußballwelt schaut verunsichert zu und steht wie angewurzelt in der Defensive. Der sonst so mitteilsame Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, will sich derzeit mit Kommentaren zurückhalten. Er will Mitte des Jahres als Nachfolger von Franz Beckenbauer ins Fifa-Exekutivkomitee. Der europäische Fußball-Präsident Michel Platini, selbst Mitglied im höchsten Fifa-Gremium, fällt derweil damit auf, dass er eine Verlegung der Hitze-WM in den Winter und eine Turnierteilhabe weiterer Golf-Länder fordert. Bin Hammam ließ ihn gestern wieder abblitzen. An den offiziellen Planungen soll festgehalten werden. Die Vorschläge Platinis zeigen den Dilettantismus von Blatters Organisation, lagen die Fakten zu den verschiedenen WM-Bewerbern doch vor dem Wahlprozedere schwarz auf weiß vor. Beckenbauer konnte sich jedoch nicht daran erinnern, dass über das Hitzeproblem geredet wurde. Die Mitglieder des Komitees erhalten sechsstellige Jahresbezüge und fette Spesen.

          Bin Hammam hat die merkwürdige Gemengelage geholfen. Doch das Spiel um den finalen Schritt an die Spitze bleibt undurchsichtig. Dass er zuletzt mehr Transparenz forderte, ist löblich, aber erscheint in seinem Fall eher skurril. Es bleibt abzuwarten, ob Blatter nun wirklich herausgedrängt wird. Vielleicht nützt dem Qatarer ein schwacher Fifa-Präsident mehr, und er plant die Übernahme zu einem späteren Zeitpunkt. Denn ein bisschen Ungewissheit bleibt immer. Und schließlich ist der Hausherr in Zürich ein Überlebenskünstler. „Niemand kann gegen ihn gewinnen“, sagte Bin Hammam einmal über Blatter. Seinen freiwilligen Rückzug plant der Schweizer für 2015. Aber auch da sollte man nicht zu sicher sein.

          Mitarbeit von Arunava Chaudhuri

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