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Fifa-Kongress : „Ich kann nicht jeden zu jeder Zeit beaufsichtigen“

  • Aktualisiert am

Fifa-Präsident Joseph Blatter (rechts) und Lebensgefährtin Linda Barras Bild: Reuters

Eine persönliche Verantwortung weist Präsident Joseph Blatter beim Fifa-Kongress zurück. Er zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft. Der festgenommene Jeffrey Webb wird suspendiert.

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          Ungeachtet weltweiter Kritik und Boykott-Drohungen hat Fifa-Präsident Joseph Blatter den 65. Kongress des Fußball-Weltverbandes eröffnet. Zwar steht die Fifa nach den skandalösen Entwicklungen mit Festnahmen und Suspendierungen weltweit am Pranger. Blatter kann sich nach den turbulentesten Stunden seiner Dauer-Regentschaft dennoch auf eine fünfte Amtszeit einrichten. „Sie werden mir zustimmen, dass dies beispiellose und schwierige Zeiten für die Fifa sind“, sagte der Schweizer am Donnerstag zu Vertretern der 209 Mitgliedsverbände und sprach von „Schande und Beschämung“ für den Fußball.

          Er wies eine persönliche Verantwortung für Fälle von Korruption und Vetternwirtschaft zurück. „Ich kann nicht jeden zu jeder Zeit beaufsichtigen.“ Den jüngsten Skandal mit Festnahmen von sieben Fußball-Funktionären in Zürich stellte Blatter als das Vergehen Einzelner dar. „Ich werde nicht erlauben, dass einige wenige die harte Arbeit der Mehrheit, die so hart für den Fußball arbeitet, zerstören.“ Die nächsten Monate würden nicht einfach für die Fifa. „Ich bin sicher, dass weitere schlechte Nachrichten folgen werden“, sagte Blatter.

          Sein bisheriger Vizepräsident, der festgenommenen Jeffrey Webb wurde am Donnerstag vom Fußball-Kontinentalverband Nord- und Mittelamerikas (Concacaf) des Amtes als Präsident der Concacaf entbunden. Neuer Präsident ist der bisherige Stellvertreter Alfredo Hawit aus Honduras. Auch der ebenfalls festgenommene Eduardo Li, Verbandspräsident von Costa Rica, wurde vom Kontinentalverband vorerst verbannt.

          Dessen ungeachtet stellt sich der 79-Jährige Blatter am Freitag zur Wiederwahl, der Kongress mit einer hochwahrscheinlichen fünften Kür des umstrittenen Schweizers kann wie geplant stattfinden. Die europäische Anti-Blatter-Fraktion wird die Vollversammlung und die Präsidentschaftswahl entgegen erster Überlegungen nicht boykottieren und will den jordanischen Gegenkandidaten Prinz Ali bin al-Hussein mit so vielen Stimmen wie möglich unterstützen.

          IOC-Präsident Thomas Bach forderte die Fifa zur vollständigen Aufklärung des jüngsten Korruptionsskandals auf. „Dies sind traurige und schwierige Tage für die Fifa. Dies sind auch sehr wichtige Tage für die Fifa“, sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees. „Alle Fans verfolgen diesen Kongress mit großer Aufmerksamkeit, ich bin einer von ihnen.“ Nach der Festnahme von sieben Fußball-Funktionären in Zürich, unter ihnen zwei Fifa-Vizepräsidenten, ermutige er die Fifa, „die Kooperation mit den Behörden fortzusetzen und alle notwendigen Maßnahmen zu unternehmen“, erklärte Bach. „Wir wissen, dass dieser Kampf herausfordernd und sehr schmerzhaft sein kann. Es gibt aber keinen anderen Weg, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.“ Er sei zuversichtlich, dass der Weltverband auf einem „Weg der Transparenz“ die Herausforderungen meistern könne, betonte der frühere Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes.

          Zuvor hatte die Europäische Fußball-Union (Uefa) Blatter zum Rücktritt aufgefordert. Uefa-Präsident Michel Platini reagierte damit auf die Verhaftungen von sieben Fifa-Funktionären und die Einleitung von Ermittlungsverfahren durch die amerikanische und die Schweizer Justiz wegen des Verdachtes der Korruption bei der Organisation von Turnieren und bei der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland (2018) und Qatar (2022). „Ich habe ihm gesagt: ,Bitte verlasse die Fifa. Lass es sein‘“, berichtete Platini. Blatter habe geantwortet, es sei zu spät. Er könne nicht aufhören, nicht zu Beginn des Kongresses.

          Platini deutete an, dass Nationalverbände der Uefa für den Fall der Wahl Blatters an diesem Freitag für eine fünfte Amtszeit über einen Rückzug ihrer Mannschaften aus den Wettbewerben der Fifa diskutieren wollten. Die Europäer wollen nach Angaben Platinis zum großen Teil für den Gegenkandidaten Prinz Ali bin al Hussein aus Jordanien stimmen. Die Fußball-Verbände von Asien und Afrika stellten sich am Donnerstag hinter Blatter. Auch Ozeanien scheint für den 79 Jahre alten Schweizer stimmen zu wollen, der dann auch ohne das bislang getreue Lateinamerika die Mehrheit der wahlberechtigten Delegierten (111 von 209) hinter sich hätte.

          Am Donnerstag erhielt Blatter vom russischen Präsidenten Wladimir Putin Unterstützung: „Wir wissen von dem Druck, der auf Blatter ausgeübt wurde, mit dem Ziel, Russland die WM 2018 wegzunehmen.“ Dagegen trat der britische Premierminister David Cameron für einen Wechsel an der Spitze der Fifa ein.

          Bundesinnenminister Thomas de Maizière setzt auf die „Kraft der Schweizer und amerikanischen Behörden. Was wir da jetzt erleben, macht einen schier fassungslos“. Zur Person Blatters falle ihm gar nichts mehr ein. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: „Wenn der Fußball Vorbild sein will, tut Aufklärung not.“ Auch Fifa-Sponsoren übten Druck aus. So mahnte das Kreditkarten-Unternehmen Visa „sofortige Maßnahmen“ an: „Sollte die Fifa das nicht tun, werden wir unsere Sponsoring neu bewerten.“

          Wie viele Nationen hinter Blatter stehen, wird erst die Wahl am Freitag zeigen

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