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Fußball-Weltverband : Die nächste Fifa-Krise

Mit ihm sollte eigentlich alles besser werden: Fifa-Präsident Gianni Infantino. Bild: AP

Präsident Infantino gerät drei Monate nach seiner Wahl unter schweren Druck. Anti-Korruptions-Experte Pieth fordert Untersuchungen wegen dubioser Sitzungen, die jetzt durch Tonaufnahmen belegt werden.

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          Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) und sein Präsident Gianni Infantino haben am Samstag auf die Enthüllung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung reagiert. Es sei sehr bedauerlich, teilte der Weltverband mit, dass einige wenige Personen weiterhin ihre eigenen Ziele verfolgten und in den Medien gegenstandslose Unterstellungen bezüglich der Beratungen in Mexiko-Stadt vorbrächten. Die Diskussionen und Beratungen in den Sitzungen des Fifa Council seien lebhaft, aufrichtig und offen gewesen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Jegliche gegenteiligen Unterstellungen sind unbegründet. Insbesondere was die Ernennung und Entlassung von Mitgliedern der Fifa-Kommissionen betrifft, gab es gegenüber den Medien vorsätzlich falsche Darstellungen“, heißt es in dem Schreiben der Fifa. Die F.A.Z. hatte am Samstag von einem Komplott führender Funktionäre berichtet. Demnach sollten die Kontrollgremien der Fifa - eingerichtet, um der Organisation zu Transparenz, guter Verbandsführung und Glaubwürdigkeit zu verhelfen - geschwächt werden.

          Grundlage der Berichterstattung über das Verhalten der Funktionäre sind Tonaufnahmen von den betreffenden Council-Sitzungen in Mexiko-Stadt hinter verschlossenen Türen am 10. und 13. Mai. Sie bestätigen die im Bericht der F.A.Z. aufgeführten Gedächtnisprotokolle. Daraus geht hervor, dass der Fifa-Chefkontrolleur Domenico Scala vor dem Fifa-Kongress auch auf Betreiben des neuen Präsidenten Infantino gezielt aus dem Amt getrieben werden sollte.

          Die einzelnen Aussagen in den Aufzeichnungen, die der F.A.Z. vorliegen, belasten die Funktionäre. Sie stellen die Integrität, Glaubwürdigkeit und Reformbereitschaft der Herren in Frage. Als Einziger im abgeschirmten Sitzungssaal wendete sich Fifa-Vizepräsident David Gill aus England aktiv gegen die Stimmung, wie auch die Tonaufnahmen belegen. Er verstünde das gar nicht. Für ihn käme dies aus „heiterem Himmel“. Welche Gründe sollten gegen Scala angeführt werden? „Das ist doch unglaublich.“

          „Es besteht ein Anfangsverdacht“

          Zum Start der Sitzung am 10. Mai in Mexiko-Stadt nahm Infantino vor den Council-Mitgliedern Stellung zu dem von der Fifa-Vergütungskommission festgesetzten Präsidentengehalt. Es soll rund zwei Millionen Franken im Jahr betragen. Infantino sagte vor den fast 30 Kollegen im Saal, dass er den Vertrag noch nicht unterschrieben habe, und bezeichnete die für ihn vorgesehene Summe hörbar als „beleidigend“. Dann höhnte der neue Chef, dass er sich jetzt möglicherweise bei Council-Mitgliedern Geld leihen müsste.

          Der Anti-Korruptions-Experte und frühere Fifa-Reformbeauftragte Mark Pieth fordert nun eine Aufklärung des Falles. „Auf Grundlage dieser Informationen ist eine Voruntersuchung der Ethikkommission zwingend notwendig. Es besteht ein Anfangsverdacht“, sagte Pieth der F.A.Z. Offensichtlich liege Material bei der Fifa vor, zudem seien die betreffenden Leute verfügbar. „Die könnten sofort einvernommen werden.“

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          Auf Anfrage bei der zuständigen Ermittlungskammer der Ethikkommission wird vom Sprecher zwar auf das stets formelle Vorgehen hingewiesen und der spezielle Fall nicht kommentiert. Dennoch kann derzeit davon ausgegangen werden, dass die aktuellen Vorwürfe in eine Untersuchung münden könnten. „Der Artikel (der F.A.Z./d. Red.) wurde aufgegriffen und zur Kenntnis genommen. Wir prüfen immer alles“, hieß es von der Ermittlungskammer. Die existierenden Tonaufnahmen könnten die Sache zusätzlich forcieren.

          Infantino gerät drei Monate nach seiner Wahl weiter unter Druck. Es verdichten sich die Hinweise, dass gegen ihn schon eine offizielle Voruntersuchung der Ethikkammer eröffnet wurde. Vorausgegangen war eine Meldung aus der Audit- und Compliance-Kommission an die Fifa-Ermittler, bei der Fragen um Spesenabrechnungen Infantinos und um einen angeblich geplanten Hauskauf in Zürich über 25 Millionen Franken aufgeworfen wurden.

          Kein Kommentar, heißt es bei den Ethik-Ermittlern

          Infantino brachte die Informationen bei der Sitzung am 10. Mai selbst ins Spiel und berichtete über einen Kontakt zum Ermittlungskammer-Vorsitzenden Cornel Borbély. Dieser soll ihn entlastet haben. Diese Aussage Infantinos ist auch auf der Tonaufnahme zu hören. Was aber ist zwischen der Ethikkommission und Infantino vorgegangen? Gab es das formelle Verfahren? Gehörte die Einschätzung von Borbély, wenn es sie so gab, wie Infantino sagt, zur Ermittlungstaktik der Kontrolleure? Läuft die Untersuchung also weiter? Kein Kommentar, heißt es bei den Ethik-Ermittlern.

          Aus Sicht des Strafrechtsprofessors Pieth hat Infantino bei seiner Aussage vor den Council-Mitgliedern zu der Einschätzung des Ermittlungskammerchefs Borbély ein heikles Feld betreten. „Es könnte sich hier der Eindruck der Befangenheit bei der Ethikkommission ergeben“, sagt Pieth. Gemeint ist damit, dass die Fifa-Ermittler dem Präsidenten einen Informationsvorteil verschafft haben könnten, falls die Darstellung stimmt. Pieth fordert, dass Borbély trotzdem aktiv wird und sich erklärt.

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          Der ehemalige Reformbeauftragte des Weltverbandes warnte zudem vor Schaden für die Fifa. „Hier findet gerade ein ungeschminktes Machtspiel zum Nachteil der Fifa und zu Lasten der gewählten Strukturen statt“, sagte der Strafrechtler aus Basel. Er hatte den Wirtschaftsmanager Scala 2012 zur Fifa gebracht. Scala war noch unter Blatter vom Fifa-Kongress zum Vorsitzenden der Audit- und Compliance-Kommission gewählt worden. Pieth war Vorsitzender der unabhängigen Governance-Kommission, er verließ die Fifa 2013. Scala war nach dem Kongress in Mexiko-Stadt vor zwei Wochen aus freien Stücken zurückgetreten, nachdem sich das Council per Kongressbeschluss zur weitgehenden Kontrolle über die unabhängigen Aufsichtsorgane für ein Jahr ermächtigen ließ.

          Fortan können Vorsitzende und Mitglieder der Kontrollorgane von der Fifa-Spitze nicht nur benannt, sondern auch jederzeit abberufen werden. Die Gewaltenteilung ist somit aufgehoben, zuvor war der gesamte Kongress dafür zuständig. „Mit diesem Entscheid wird es dem Council künftig möglich sein, Untersuchungen gegen einzelne Mitglieder jederzeit zu verhindern, indem die zuständigen Komiteemitglieder abgesetzt oder mit der Drohung der Absetzung fügsam gehalten werden“, sagte Scala nach seinem Rückzug.

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