https://www.faz.net/-gtl-6l8yt

Fifa : Peinliche Stille in Zürich

  • -Aktualisiert am

Den Ball gibt Ricardo Teixeira an Fifa-Präsident Joesph Blatter, in anderem Zusammenhang soll der Brasilianer genommen haben Bild: dpa

Das IOC prüft neue Korruptionsvorwürfe. Die Fifa wiegelt ab. Der Weltfußballverband präsentiert sich in desolatem Zustand. Transparency International fordert die Verschiebung der für Donnerstag geplanten WM-Vergabe.

          3 Min.

          Am Tag danach ließ sich niemand der Fifa-Oberen in der Zürcher Messe blicken. Dort, wo Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), am Donnerstag bekanntgeben wird, wer die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 ausrichten darf, waren die Journalisten und das fleißige Fifa-Servicepersonal unter sich. Neuigkeiten gab es dennoch, wenn auch nur per Statement. Das eine kam aus dem Fifa-Home auf dem Zürichberg, das andere aus Lausanne, wo das Internationale Olympische Komitee (IOC) sein Domizil hat.

          Dass sich die beiden größten Sportorganisationen der Welt zu einer einzigen brisanten Angelegenheit äußerten, hatte damit zu tun, dass sich der am Montag vom Zürcher „Tages-Anzeiger“ namentlich publizierte Verdacht gegen drei möglicherweise korrumpierte führende Fifa-Funktionäre nun auch gegen drei IOC-Mitglieder richtet: den senegalesischen Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) Lamine Diack, den früheren brasilianischen Fifa-Präsidenten João Havelange und den Kameruner Fifa-Vizepräsidenten Issa Hayatou, der auch im IOC eine, wenn auch untergeordnete, Rolle spielt.

          Die erste Stellungnahme vom Genfer See war erfreulich eindeutig: „Das IOC“, hieß es dort, „hat eine Null-Toleranz-Grenze gegen Korruption und wird mögliche Beweise direkt an die Ethikkomission weiterleiten.“ Die Fifa äußerte sich ebenfalls unzweideutig, aber auf unerfreuliche Weise zum Fall ihrer drei Exekutivkomiteemitglieder Hayatou, Nicolas Leoz (Paraguay) und Ricardo Teixeira (Brasilien), die, so ist es in Zeitungsberichten und im BBC-Fernsehmagazin „Panorama“ kolportiert worden, vom in Konkurs gegangenen früheren Fifa-Agenturpartner ISL/ISMM in den neunziger Jahren Schmiergelder kassiert haben sollen. „Die Ermittlungen in diesem Fall“, verlautete aus der Zürcher Fifa-Zentrale, „sind definitiv beendet. Das Zuger Gericht (das den Insolvenzprozess gegen sechs ehemalige ISL-Manager führte) hat in seinem Urteil vom 26. Juni 2008 keine Fifa-Offiziellen verurteilt. Es ist deshalb wichtig, einmal mehr zu unterstreichen, dass in diesem Prozess kein Fifa-Offizieller wegen krimineller Taten angeklagt wurde.“

          Unbeeindruckt: Der Paraguayer Nicolas Leoz

          Das allerdings wäre auch nur schwerlich möglich gewesen, da Spitzenfunktionäre von in der Schweiz ansässigen internationalen Sportorganisationen – es sind rund 30 an der Zahl – bisher nicht der Strafverfolgung unterliegen. Die Fifa gilt nach schweizerischem Recht als Verein wie jeder Alphornbläserklub, und bis 2006 war passive Bestechung in der Alpenrepublik nicht strafbar. Der im Durchschnitt 63 Jahre alte Herrenklub Exekutivkomitee um den 74 Jahre alten Fifa-Präsidenten Joseph Blatter überstand auch deshalb die ISL/ISMM-Affäre einigermaßen unbeschadet, weil aus dem Kreis der möglichen Geldempfänger ein Millionenbetrag an den ISL-Konkursverwalter zurückfloss.

          Damit sollen sich die nun doch noch namentlich beschuldigten Fifa-Vormänner – Hayatou ist als afrikanischer Konföderationspräsident einer von Blatters Stellvertretern, Leoz führt den südamerikanischen Dachverband, und der brasilianische Verbandschef Teixeira gilt als einer der global mächtigsten Fußball-Strippenzieher – ihre Anonymität in dieser Causa erkauft haben, allerdings garniert mit dem Eingeständnis, gesündigt und damit die Hand aufgehalten zu haben.

          Anti-Korruptionskämpfer fordern Verschiebung der WM-Vergabe

          Nun sind trotzdem Namen genannt worden, weil offensichtlich eine ISL-Zahlungsliste in die Öffentlichkeit kam, auf die sich mehrere Publikationen bei ihrer Berichterstattung über den Fall Teixeira und andere berufen. Die Fifa aber stellte sich am Dienstag lieber taub gegenüber der veränderten Situation und argumentierte rein formal unter Verweis auf das Zuger Urteil. Dahinter steckte sicher auch die Absicht, die Abstimmung über die WM-Gastgeber in acht und zwölf Jahren auf keinen Fall zu verschieben. Augen zu und durch, lautet das bekannte Motto im Fifa-Home, in dem es seit Wochen hoch her geht – spätestens seit getarnte Reporter der Londoner „Sunday Times“ ein unmoralisches Angebot machten, auf das die inzwischen suspendierten Exco-Mitglieder Amos Adamu (Nigeria) und Reynald Temarii (Tahiti) mit einem erkennbaren Hang zur Käuflichkeit hereinfielen.

          Die weltweit agierende Organisation Transparency International forderte unterdessen die Fifa auf, den Wahlakt vom Donnerstag zu verschieben, „bis endgültig Licht in die Vorwürfe gebracht worden ist. Eine Entscheidung unter den momentanen Umständen würde die Kontroverse nur weiter anheizen“. Angeheizt genug ist die Atmosphäre schon, zumal um das bevorstehende Abstimmungsprozedere weiterhin Gerüchte von anrüchigen Absprachen wabern und dazu die Stimmung in Blatters Kabinett so schlecht wie nie und von gegenseitigem Misstrauen geprägt sein soll.

          Nur der greise Nicolas Leoz zeigt sich völlig unbeeindruckt von den gegen ihn gerichteten Vorwürfen. Der 82 Jahre alte Paraguayer sagte am Montag: „Das ist nichts Ernsthaftes. Vor zehn Jahren hat die Schweizer Justiz Klarheit geschaffen. Dies ist nur der Versuch bestimmter Personen, vor der Entscheidung am 2. Dezember Druck aufzubauen.“

          Weitere Themen

          Wenn ziemlich beste Feinde zusammenrücken

          Krise des Profiboxens : Wenn ziemlich beste Feinde zusammenrücken

          Die Zeiten sind karg im deutschen Profiboxen. Die Glanzzeiten mit Henry Maske, Dariusz Michalczewski, Sven Ottke oder auch Regina Halmich sind lange vorbei. Deshalb schmieden deutsche Boxpromoter vermehrt Allianzen.

          Darmstadt 98 und die verbrannten Finger

          Zweite Bundesliga : Darmstadt 98 und die verbrannten Finger

          Bei den „Lilien“ steht eingangs des neuen Fußballjahres einiges auf der Kippe. Ein schlechter Start hätte das Potential, das Betriebsklima zu erschüttern – und die Zukunft von Trainer Grammozis in Darmstadt in Frage zu stellen.

          Topmeldungen

          Dorota und Philipp Kisker bieten eine Videosprechstunde für Patienten an.

          Telemedizin : Video-Chat mit dem Gynäkologen

          Die Frankfurter Dorota und Philipp Kisker haben Deutschlands erste telemedizinische Gynäkologie-Praxis eröffnet. Patienten müssen den virtuellen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen. Das Modell funktioniert trotzdem.
          Wer sich nicht mehr im Spiegel sehen kann – sollte trotzdem nicht verzweifeln.

          Suizide durch Arznei? : Die Pickel und die Angst

          Pickel lassen manche Menschen verzweifeln. Ein Aknemittel soll helfen – doch es wirkt selbst auf die Psyche. Ist es vielleicht für den Selbsttod junger Menschen verantwortlich? Ein schrecklicher Verdacht lebt auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.