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Kritik am Fußball-Weltverband : „Die Fifa wird deswegen leiden“

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„Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird, bis jemand anders mit diesen Fällen umgehen wird“: Hans-Joachim Eckert. Bild: Picture-Alliance

Der Fußball-Weltverband setzt die Spitze seiner Ethikkommission ab. Beide erfahren das aus den Medien – und üben deutliche Kritik an der Fifa um Präsident Infantino. Auch DFB-Chef Grindel äußert sich.

          Die abgesetzte Spitze der Fifa-Ethikkommission sieht die Verfolgung von „mehreren hundert“ offenen Fällen im Skandal um den Fußball-Weltverband gefährdet. Auch die Ermittlungen gegen die Macher der WM 2006 in Deutschland um Franz Beckenbauer sind damit weiter offen. „Das wirft die Reformen um Jahre zurück, die Fifa wird deswegen leiden“, sagte der frühere Chef-Ermittler Cornel Borbely am Mittwoch in Manama. Es gebe keine Phase des Übergangs. „Mehrere hundert Fälle sind noch offen. Wir haben viele laufende Untersuchungen“, sagte Borbely bei einer kurzfristig einberufenen Presse-Konferenz im 13. Stock des Al Raya Suites Hotel.

          Der Schweizer und der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert waren zuvor vom Fifa-Council nicht wieder zur Wiederwahl vorgeschlagen worden. Damit können sie vom Kongress am Donnerstag in der bahreinischen Hauptstadt nicht gewählt werden. „Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird, bis jemand anders mit diesen Fällen umgehen wird“, sagte Eckert. „Die erfahrensten Verfolger und Richter sind weg“, sagte Borbely. Bis auf zwei Mitglieder der beiden Ethikkammern wurde das Personal komplett ausgetauscht. „Wir haben viel Know-how aufgebaut, wie man diese Fälle verfolgen muss.“

          Beide erfuhren nach eigenen Angaben die Entscheidung nach der Landung in Bahrein durch die Medien. „Die Absetzung war unnötig und deswegen ausschließlich politisch motiviert“, sagte Borbely. Seit 2015 habe die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer über siebzig Funktionäre verurteilt.

          „Ich habe eindringlich darauf hingewiesen, dass es eine sehr schwierige Entscheidung ist“: DFB-Präsident Reinhard Grindel.

          Eckert sieht durch die Personalentscheidungen auch offene Fragen für die strafrechtlichen Verfolgungen in der Schweiz und den USA im Korruptionsskandal rund um den Weltverband. „Was werden die Strafverfolger in Bern machen, was werden die Strafverfolger in den USA machen?“, fragte der Korruptionsexperte aus München. „Aber es wird nicht einfacher für die Fifa.“ Im laufenden US-Verfahren gilt die Fifa bislang als Opfer, kann nach amerikanischem Recht somit von Verurteilten Entschädigung verlangen.

          Eckert saß der rechtsprechenden Kammer seit knapp fünf Jahren vor, Borbely war seit zwei Jahren Chef der Untersuchungskammer. Die beiden wollten ihre Posten für vier weitere Jahre behalten. Unter ihrer Führung wurden unter anderen der ehemalige Verbandschef Joseph Blatter sowie der frühere Uefa-Boss Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt und auch Verfahren im Skandal um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland geführt. Als neue Chefermittlerin schlug das Fifa-Council die Kolumbianerin María Claudia Rojas vor, die rechtsprechende Kammer soll der frühere Präsident des Europäischen Gerichtshofs, Vassilios Skouris aus Griechenland, leiten.

          Der Reformprozess bei der Fifa und Präsident Gianni Infantino stockt.

          DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte sich nach eigener Aussage bei seiner ersten Fifa-Councilsitzung für einen Verbleib der bisherigen Ethikchefs eingesetzt. „Ich habe eindringlich darauf hingewiesen, dass es eine sehr schwierige Entscheidung ist, da nach meiner Einschätzung die Arbeit von Eckert und Borbely durchaus geschätzt worden ist“, sagte Grindel am Mittwoch in Manama. Den Antrag für eine Änderung an der Spitze mehrerer Kommissionen hatte Fifa-Präsident Infantino damit begründet, dass es Beschwerden über eine europäische Dominanz gegeben hatte. „Das war die einzige inhaltliche Begründung, die offiziell für personelle Veränderungen genannt worden ist – insofern möchte ich mich zu anderen Spekulationen auch nicht äußern“, sagte Grindel. „Dass die beiden ihre Arbeit gerne fortgesetzt hätten und die Entscheidung deshalb auch als Rückschlag für den Reformprozess betrachten, kann ich nachvollziehen und auch menschlich verstehen.“

          In der Gesamtbewertung der Councilsitzung betonte Grindel, dass es auch „ermutigende Signale“ gegeben hatte. So gab es zunächst keine Vorvergabe unter Bedingungen der WM 2026 an die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Auch eine Statutenänderung, durch die ein kleiner Councilausschuss um Infantino mehr Macht erhalten hätte, wurde zurückgewiesen. „Die Sensibilität, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, ist durchaus vorhanden“, sagte Grindel. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Reformprozess langwierig ist und wir viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.“

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