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Streit um WM 2022 in Qatar : „Ein Krieg gegen die Fifa wäre möglich“

Die Fußball-WM 2022 wird in Qatar gespielt – aber wann genau? Bild: dpa

Die Fifa berät derzeit über den endgültigen Termin der Fußball-WM 2022. Findet das Finale wirklich am Tag vor Heiligabend statt? Die Klubs wollen vom Weltverband zudem Ausgleichszahlungen. Doch das ist nicht so einfach.

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          Mit einer Mischung aus Konfusion und Ohnmacht treibt der Weltfußball auf die entscheidende Sitzung des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) zu, bei der die Fifa-Vorstandsmitglieder an diesem Donnerstag und Freitag in Zürich endgültig den konkreten Spieltermin für die umstrittene WM 2022 in Qatar festlegen wollen. Im Vorfeld wurde hinter den Kulissen hart gerungen, es ging vor allem um mögliche Kompensationszahlungen an die Vereine und Ligen, die sich von dem nun im November und Dezember vorgesehenen Turnier in ihrer Geschäftstätigkeit negativ getroffen sehen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Spielbetrieb in Europas Ligen muss schließlich unterbrochen werden. Zudem kam es in den vergangenen Tagen zu unterschiedlichen Positionen bei der konkreten Terminierung der WM. Fifa-Präsident Joseph Blatter hält es mit der englischen Premier League, die im Jahr 2022 so früh wie möglich vor Weihnachten das WM-Finale sehen will, damit der auf der Insel so populäre Liga-Spieltag am 26. Dezember nicht gefährdet ist.

          Der Chef der Europäischen Fußball-Union (Uefa), Michel Platini, der bei der WM-Vergabe im Dezember 2010 für Qatar gestimmt hatte, kann sich derweil den 23. Dezember als Final-Termin vorstellen, damit die europäische Champions League bis in den Oktober laufen kann. Das WM-Turnier fast bis zum Weihnachtstag? „Es gibt nicht nur die Premier League auf der Welt“, sagte Platini am Mittwoch am Rande einer vorbereitenden Fifa-Sitzung.

          Die Spitzenfunktionäre des Weltfußballs geben einmal mehr beim Qatar-Problem ein schwaches Bild ab. Strategische Weitsicht ist nicht zu erkennen, obwohl genug Zeit war für eine angemessene Klärung. Letztlich litt die Diskussion an der Dauerfehde zwischen Blatter und Platini. „Die WM in Qatar durchzuführen ist eine Entscheidung, die man sich hätte ersparen können“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, der Deutschen Presse-Agentur. „Die Verlegung in den Winter ist bei allen damit verbundenen Problemen jetzt ein Konsensmodell. Ob wir das Finale am 18. oder 23. Dezember haben, werden wir sehen.“

          Klubs wollen viel Geld von der Fifa

          Niersbach fordert bei allem Hin und Her nun einen konstruktiven Plan. „Wir sind an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen, ob wir sieben Jahre lamentieren oder uns mit den Fakten befassen“, sagte er. Wichtig sei, dass zunächst als Grundlage der internationale Spielkalender festgelegt werde, dann müsse über die Termine der Nations League, der Champions League und der nationalen Spielkalender gesprochen werden.

          Die großen Klubs, bei denen üblicherweise das Gros der WM-Spieler und vor allem die Stars unter Vertrag stehen, nehmen die Terminänderung im Zuge der Qatar-WM zum Anlass, so viel Geld von der Fifa herauszuschlagen, wie es geht. Man spricht von Kompensation oder Entschädigung. Eine rechtliche Grundlage ist dafür allerdings nicht zu erkennen. Niemand, auch keine der Ligen, hat fürs Jahr 2022 Verträge abgeschlossen - weder mit Sponsoren noch mit Fernsehanstalten. Nur die Fifa verfügt über einen Ausrichtervertrag mit Qatar, in dem nicht mal ein festes Datum fürs Turnier genannt wird.

          Am 2. Dezember 2010 wurde die Fußball-WM 2022 an Qatar vergeben

          Zudem dürfte es für die Klubs und Ligen schwer sein, den Schaden für eine WM mitten in der Saison konkret zu beziffern; wenn überhaupt einer entsteht. Es gibt auch Expertenmeinungen, nach denen die Winter-WM die allgemeine Geschäftstätigkeit der Fußballbranche weiter befördern wird. Trotzdem haben die Klubs und großen Ligen de facto über die Abstellung oder Nichtabstellung der Spieler für ein WM-Turnier einen gewaltigen Hebel in der Hand. „Ein Krieg gegen die Fifa wäre möglich“, sagt ein Ligamanager, der nicht genannt werden will. „Aber wer wird schon so weit gehen? Am Ende verdienen wir alle zusammen doch mehr.“ Die Fifa hat Schadensersatzforderungen fürs Erste eine Absage erteilt.

          Auf Anfrage wollte die Europäische Klub-Vereinigung nicht mitteilen, welche Strategie sie gegen die Fifa fährt. Die Ausrichtung ist längst klargeworden. Ihr Vorsitzender, Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge, hatte zuletzt schon betont, dass den Klubs und Ligen nicht zugemutet werden könne, allein den Preis für die Verlegung der WM in den Winter zu bezahlen. „Wir erwarten die seriöse Bereitschaft, den Schaden für die Klubs fair zu kompensieren“, sagte Rummenigge. Offiziell wird es keinen Schadensersatz von der Fifa geben, aber es kursierte schon eine Zahl von 150 Millionen Dollar. Dabei geht es um die Abstellgebühren, welche die Fifa jedes Mal nach einer WM an die abgebenden Vereine verteilt. Die Summe lag dieses Mal nach Brasilien bei 70 Millionen Dollar und könnte einfach mal verdoppelt werden.

          Zwanziger sieht Blatter auf seiner Seite

          Das deutsche Fifa-Vorstandsmitglied Theo Zwanziger mahnte unterdessen an, den Druck auf Qatar bezüglich der Verbesserung von Menschenrechten hochzuhalten. Zwanziger, der für dieses Thema innerhalb der Fifa verantwortlich ist, will dazu im Rahmen der Vorstandssitzung in Zürich noch konkretere Ausführungen machen. Er setzt sich vor allem für eine unabhängige Kontrollgruppe ein, welche die Veränderungen in dem Emirat begutachten soll. „Die Qatarer versprechen viel, haben aber Lücken bei der Umsetzung“, sagte Zwanziger am Mittwoch in „Bild“.

          Der ehemalige DFB-Präsident sieht den Fifa-Chef auf seiner Seite. Blatter hatte am vergangenen Sonntag Qatar besucht und dabei den Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani getroffen. Nach Informationen der Fifa habe Blatter weitere Fortschritte zur Verbesserung der Lage auf den Baustellen des Landes angemahnt. Dies sei nur durch „gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten - von den Baufirmen bis zu den Behörden“ möglich, wird der Fifa-Präsident zitiert. Derweil spitzt sich für den umstrittenen Blatter die Lage auf einer anderen Baustelle weiter zu. Nämlich Russland, wo die nächste WM im Jahr 2018 stattfindet. Zwar wird Boykott-Aufrufen mit Hilfe der Politik bisher widersprochen. Aber die Fifa wird auch hier nicht zur Ruhe kommen.

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