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Fifa-Korruptionsskandal : Ein glücklicher Präsident

Umstritten, aber ungebrochen mächtig: Fifa-Präsident Joseph Blatter Bild: REUTERS

Joseph Blatter denkt nicht daran, in sich zu gehen. Zwar untersucht seine neue Ethik-Kommission die ISL-Akten. Doch selbst die Reformkräfte in der Fifa glauben, ihn zu brauchen.

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          Wer erwartet hatte, dass Joseph Blatter um seine Position als Herrscher über den Weltfußball würde kämpfen müssen, ist an diesem Dienstag in Zürich mal wieder enttäuscht worden. „Sie sehen einen glücklichen Präsidenten vor sich, weil der Reformprozess weitergeht“, verkündete der 76 Jahre alte Schweizer mit fröhlicher Miene, als er die Ergebnisse der Sondersitzung der Fifa-Exekutive zusammenfasste.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf seine bewährte Art drückte der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) die Schwierigkeiten einfach weg, die sich auftürmen bei seiner Organisation, mit der er über Jahrzehnte eins geworden ist. Abgeperlt auch die Forderungen etwa aus Deutschland, dass er endlich abtreten solle. „Verstehen Sie, wenn ich jedes Mal reagieren würde, wenn irgendjemand auf der Welt erzählt, ich müsste zurücktreten, dann würde ich mich blau und grün ärgern“, sagte er schon fast genüsslich.

          Unterstützung von Zwanziger

          Dabei erhielt er Unterstützung vom deutschen Vertreter im Exekutivkomitees, Theo Zwanziger. Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes verneinte die Frage, ob während der Sitzung ein möglicher Rücktritt Blatters, wie ihn der deutsche Ligapräsident Rauball gefordert hatte, überhaupt ein Thema gewesen sei. „Ich hatte auch gar nicht den Auftrag, das zu fordern“, sagte Zwanziger.

          Eins mit dem Weltverband: Blatter betritt die Fifa-Pressekonferenz in Zürich

          Immerhin wird sich die neu gegründete Ermittlungskammer der Fifa-Ethik-Kommission mit den amtlichen Belegen für massive Korruptionsfälle innerhalb von Blatters Verband befassen. Einiges hat sich wieder zusammengebraut, nachdem in der vergangenen Woche die Gerichtsakte zu den Vorfällen rund um die ehemalige Sportrechteagentur ISL veröffentlicht worden ist. Aus ihr geht hervor, dass sich zwei Topfunktionäre des Verbandes einst schamlos mit Bestechungsgeldern bereichert hatten - Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange und dessen brasilianischer Landsmann Ricardo Teixeira.

          Blatter gab zu, davon gewusst zu haben. Er wies allerdings darauf hin, dass Korruption damals nicht strafrechtlich relevant gewesen sei, was für eine Empörungswelle sorgte. Weil Blatter mit düsteren Andeutungen konterte, die Vergabe der WM 2006 an Deutschland sei womöglich durch Korruption zustande gekommen, forderten einige deutsche Politiker sogar, dass Blatter das Bundesverdienstkreuz, das er im Zuge der Sommermärchen-WM 2006 erhalten hatte, aberkannt werde. An diesem Dienstag jedoch drehte Blatter den Spieß wieder um.

          Strategie zur Vorwärtsverteidigung

          Im Zentrum seiner Strategie zur Vorwärtsverteidigung standen vor allem die neuesten Beschlüsse des Fifa-Vorstands hinsichtlich des Reformprogramms. Er führte an, dass alle Entscheidungen, dem weiterhin dubiose Funktionäre angehören, einstimmig gefallen seien und er im Vorstand über die nötige Rückendeckung verfüge. So existieren fortan ein neuer Ethik-Kodex sowie zwei angeblich schlagkräftige Arme der sogenannten Ethikkommission, die sich auf Grundlage der neu gefassten ethischen Vorgaben auch der Verfehlungen von Funktionären annehmen soll.

          Anti-Korruptionsexperte: der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth

          Der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert, Vorsitzender der 6. Strafkammer des Landgerichts München, der auf Wirtschaftsverfahren spezialisiert ist, wird die rechtsprechende Kammer anführen. Der amerikanische Bundesanwalt Michael J. Garcia wird Chef der Ermittlungskammer. Beide sind gut beleumundet und wurden vom Anti-Korruptionsexperten Mark Pieth vorgeschlagen. Der Schweizer Strafrechtler führt die Governance-Kommission an, die den Reformprozess bei der Fifa seit dem vergangenen Jahr maßgebend begleitet.

          Wie Blatter mitteilte, wird Garcia nun die ISL-Akte übergeben, damit dieser die Inhalte nach „ethisch-moralischen Verfehlungen“ der Vergangenheit prüft. Eine Verjährungsfrist ist offenbar nicht vorgesehen. Garcia erhielt im Fifa-Vorstand den Vorzug gegenüber dem Argentinier Luis Moreno Ocampo, Chefankläger des Internationalen Gerichtshofes. Blatter selbst gab an, im ISL-Fall keine weitere Kenntnis von Schmiergeldzahlungen außer denen an Havelange und den ehemaligen Fifa-Vorstand Teixeira zu haben. „Ich weiß nichts von weiteren Personen“, beteuerte er. Aber kann man sich da wirklich sicher sein?

          Vieles bleibt intransparent

          Blatters Vergangenheit liegt weiterhin im Dunkeln. Er gibt sich als Reformer, aber vieles in dem begonnenen Prozess bleibt intransparent. Zum Beispiel konnte er nicht mitteilen, in welchem Maß der neue Ermittler Garcia personell und finanziell unterstützt wird, was für eine gute Aufklärungsarbeit unbedingt notwendig wäre. Zudem bestehen die weiteren Mitglieder in den beiden Kammern der Ethikkommission aus Vertretern der Konföderationen weltweit und sind damit keinesfalls unabhängig.

          Auch wand sich der Fifa-Vorstand um seine eigentliche Pflicht, gegen den Schmiergeldempfänger Havelange weiter vorzugehen und die Aberkennung von dessen Ehrenpräsidententitel voranzutreiben. An Glaubwürdigkeit hat Blatter damit nicht gewonnen. Sein Versuch, der Fifa ein seriöses Geschäftsgebaren zu geben, erscheint nicht überzeugend.

          Pieth spricht sich für ihn aus

          Doch der höchst umstrittene Fifa-Präsident kann sich seiner Position trotzdem sicher sein, weil er ausgerechnet von den wenigen Reformkräften unterstützt wird. Offenbar sehen sie in ihm im Vergleich zu anderen fragwürdigen Figuren innerhalb des dubiosen Fußballreichs noch eine kontrollierbare Größe. „Ohne ihn wäre der Reformprozess nicht in Gang gekommen“, sagte Zwanziger. Und der Strafrechter Pieth glaubt ebenfalls nicht an einen Vorteil, würde Blatter zu einem vorzeitigen Abschied getrieben. „Im Moment wäre es für den Reformprozess nicht gut, wenn die Mannschaft gewechselt würde. Wir verlören zwei Jahre“, sagte Pieth.

          Fifa-Präsident Joseph Blatter

          Name: Joseph S. Blatter
          Geburtstag: 10. März 1936
          Nationalität: Schweizer
          Position: Fifa-Präsident (seit 1998)
          Muttersprache: Deutsch
          Fremdsprachen: Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch
          Wohnort: Zürich, Schweiz

          Weitere Funktionen in der Fifa: Mitglied des Exekutivkomitees seit 1998, Fifa-Generalsekretär von 1981-1998, Technischer Direktor von 1975-1981

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