https://www.faz.net/-gtl-71b50

Fifa-Korruption : Blatter bekennt sich fröhlich zur Mitwisserschaft

P1: Joseph Blatter Bild: dpa

Die Akten der Staatsanwaltschaft Zug dokumentieren die moralische Verkommenheit der Fifa. Der Präsident und selbst ernannte Reformer fühlt sich unschuldig.

          3 Min.

          Wenn die Sache nicht so ernst wäre, könnte man die Erklärung des Internationalen Fußballverbandes für Kabarett halten. „Die Fifa ist erfreut“, heißt es da unter dem Foto eines zufrieden dreinblickenden Präsidenten Joseph Blatter, „dass die ISL-Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug ... nun veröffentlicht werden kann.“ Erfreut?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Bei den Dokumenten, die nun durch ein Urteil des Schweizer Bundesgerichts ans Licht kommen, handelt es sich um ein vernichtendes Zeugnis für die Geschäftspraktiken und die Moral der Funktionäre im Fußball-Weltverband - und Blatter bekennt sich fröhlich zur Mitwisserschaft - zur Verantwortung allerdings nicht.

          Das Papier dokumentiert einen der größten Bestechungsskandale der Sportgeschichte. Es belegt, dass der langjährige Fifa-Präsident (von 1974 bis 1998) und jetzige Ehrenpräsident Joao Havelange sich schamlos am Fifa-Vermögen bereichert hat, genau wie sein einstiger Schwiegersohn Ricardo Teixeira - der eine um mindestens 1,5 Millionen Schweizer Franken (im März 1997), der andere 12,74 Millionen (zwischen August 1992 und November 1997).

          Sie hatten sich die Schmiergelder vom später Konkurs gegangenen Rechtehändler ISL/ISMM auszahlen lassen. Diese Firma war einst Weltmarktführer im Sportmarketing. Mit Hilfe von Bestechungsgeldern an mächtige Sportfunktionäre sicherte sich das Unternehmen Fernseh- und Marketingrechte in Milliardenhöhe. Zwischen 1989 bis 2001 flossen Schmiergeldzahlungen in Höhe von 138 Millionen Schweizer Franken.

          P1? Ja, das bin ich

          Schwarz auf weiß steht in der Verfügung, dass „verschiedene Mitglieder des Exekutivkomitees Gelder erhalten hatten.“ Und dass der ehemalige Finanzchef der Fifa als Zeuge ausgesagt hat, dass eine für Havelange vorgesehene Zahlung von einer Million Schweizer Franken irrtümlicherweise direkt auf einem Fifa-Konto eingegangen sei, „wovon nicht nur er, sondern unter anderem auch P1 Kenntnis gehabt hätten.“

          P1? „Ja, das bin ich“, sagte Präsident Blatter in einem vom Verband verbreiteten Interview mit einem verblüffenden Sinn für Effekte. Zur Zeit, in der die Bestechungsgelder flossen, war er Generalsekretär des Weltverbandes, seit 1998 ist er Nachfolger von Havelange.

          Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur war Blatter 1990, nach neun Jahren als Fifa-Generalsekretär, mit den Befugnissen eines Exekutivdirektors ausgestattet worden.

          Es könne, so wird der Fifa in der Einstellungsverfügung bescheinigt, die Feststellung nicht in Frage gestellt werden, dass „die Fifa Kenntnis von Schmiergeldzahlungen an Personen ihrer Organe hatte.“

          Ehrenpräsident? Darf Havelange bleiben

          Auf die Frage, ob er Bescheid gewusst habe, antwortet Blatter im Verbands-Interview: „Worüber? Dass Provisionen gezahlt wurden? Damals konnte man solche Zahlungen als Geschäftsaufwand sogar von den Steuern abziehen. Heute wäre dies strafbar ... Ich kann also nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war.“

          Der heute 96 Jahre alte Havelange, einst ein despotischer Präsident, blieb in all den Jahren Fifa-intern unbehelligt. Erst angesichts der drohenden Öffnung der ISL-Akten befasste sich das andere Sport-Großorgan, das Internationale Olympische Komitee, mit seinem Fall, worauf er sich im Dezember vergangenen Jahres gezwungen sah, aus gesundheitlichen Gründen zurückzutreten. Ehrenpräsident der Fifa darf er bis auf Weiteres bleiben. Blatter sieht seine Hände gebunden, es liege nicht in seiner Kompetenz, seinem Vorgänger den Titel zu entziehen.

          Teixeira behielt jahrelang seinen Sitz in der Exekutive und stimmte auch bei der skandalösen Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Qatar mit. Er blieb Präsident des brasilianischen Fußballverbandes und hatte zudem eine führende Rolle im Organisationskomitee der Fußball-WM 2014 inne. Erst im März dieses Jahres trat der Brasilianer, der auch in seiner Heimat mit dem Anti-Korruptionsgesetz in Konflikt geraten ist, von seinen Ämtern zurück.

          Anonymisierung? Unnötig

          Auf all diese Belege für eine von der Spitze her verkommene Organisation, die doch nur noch untermauern, was längst auf anderen Wegen an die Öffentlichkeit gelangt ist, reagiert Blatter mit Unschuldsmiene. Nach der scharfen öffentlichen Kritik an der jüngsten WM-Vergabe und seiner Wiederwahl 2011, und mit Blick auf die bevorstehende Akten-Öffnung hat er sich längst zum Reformer ausgerufen.

          Der brasilianischen Reizfigur Teixeira und einiger anderer sportpolitischer Zeitbomben hat er sich rechtzeitig entledigt. Blatter erlaubte es sich sogar, die gerichtliche Anonymisierung der weiteren Beschuldigten für unnötig zu befinden.

          „Von mir aus hätte man das ganze Dokument ,clean‘ herausbringen können. Um ein für alle Mal den Spekulationen einen Riegel vorzuschieben“, ließ er sich zitieren. In der Fifa-Mitteilung wird noch einmal betont, was Blatter immer wieder im Zusammenhang mit den Schmiergeldzahlungen gesagt hat. Es seien „keine Schweizer beteiligt“, also auch nicht er.

          Die Strafuntersuchung des Untersuchungsrichteramtes Zug gegen die Fifa, gegen Havelange und Teixeira war im August 2005 eröffnet worden. Der Anfangsverdacht hatte sich aus Beweiserhebungen ergeben, welche die Staatsanwaltschaft in einer anderen Untersuchung unternommen hatte.

          Ausgangspunkt war die Anzeige der Fifa gegen Verantwortliche des Managements von ISL/ISMM im Jahr 2001. In diesem Jahr war der Sportrechte-Vermarkter in Konkurs gegangen. Dieser Prozess wurde 2005 abgeschlossen, das daraus folgende Verfahren am 11. Mai 2010.

          Um dies zu erreichen, zahlten Havelange, Teixeira und die Fifa insgesamt 5,5 Millionen Franken Wiedergutmachung. Eine Veröffentlichung der Akten war zuletzt nur noch am Widerstand der beiden Betroffenen gescheitert, die vor das Schweizer Bundesgericht gezogen waren. Die letzte Instanz gab dem Widerspruch jedoch nicht statt.

          Weitere Themen

          Trump kritisiert weitere Zeugin

          Amtsenthebungsverfahren : Trump kritisiert weitere Zeugin

          Angriff ist die beste Verteidigung – zumindest in der Welt von Donald Trump. Auf den Druck in den Impeachment-Ermittlungen reagiert der amerikanische Präsident mit der Diskreditierung von Zeugen. Doch damit zieht er nur weitere Kritik auf sich.

          Topmeldungen

          Frankfurt am Main : Stadt der Türme

          Nicht nur den Banken hat Frankfurt seine in Deutschland einzigartige Skyline zu verdanken. Auch Gewerkschaften und Seifenfabrikanten bauten schon Hochhäuser. Wir zeigen die größten und schönsten.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.
          Trotz geringer Einwohnerzahl: Mit mehr als einer Billion Dollar ist der norwegische Staatsfonds der größte der Welt.

          Staatsfonds in Deutschland : Schaut nach Norwegen

          Deutschland altert, das Rentensystem stößt an seine Grenzen. Kommt als Lösung nun ein deutscher Staatsfonds? Klarheit könnte der anstehende CDU-Parteitag bringen.
          Donald Trump jr. im Oktober in San Antonio

          Die Familie des Präsidenten : Wahlkampf mit Trump Junior

          In der Familie von Präsident Donald Trump hat fast jeder seine Aufgabe. So ist Donald Trump jr. auf Wahlkampftour, während Schwester und Schwager direkt im Weißen Haus arbeiten. Zielgruppe sind besonders junge Leute.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.