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Fifa-Kongress : Kehrtwendung der Entehrten

  • -Aktualisiert am

Zum Nachlesen: Blatter mit einer Broschüre zum Thema Fairplay Bild: dapd

Jack Warner und Mohammed bin Hamman fordern ihre Verbände auf, Joseph Blatter abermals zum Fifa-Präsidenten zu wählen. Aber dennoch: Um den Schweizer wird es einsam. Auch die Großsponsoren sind beunruhigt.

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          Überraschung, Überraschung: Der Mann, der dem Internationalen Fußballverband (Fifa) noch am Sonntag einen „Tsunami“ der Schreckensenthüllungen angekündigt und dabei ausgerufen hatte, „stoppt Joseph Blatter“, hat sich am Tag vor der Wahl des alten und wohl auch neuen Präsidenten für den Amtsinhaber aus der Schweiz ausgesprochen. In einem Brief an die Mitgliedsverbände der von ihm angeführten nord- und mittelamerikanischen Konföderation (Concacaf) sprach sich derselbe Jack Warner, obwohl von der Fifa-Ethikkommission vorläufig wegen Korruptionsverdachts suspendiert, für die Wiederwahl Blatters aus. „Ich, Jack Warner, ein treuer Diener, der an die Grundsätze dieses wunderschönen Spiels glaubt, bitte Sie, meine Brüder und Schwestern, demütig, die Einleitung einer Protestaktion beim Fifa-Kongress zu unterlassen.“ In blumiger Suada wurde aus dem Rächer der Enterbten ein Verteidiger des Fifa-Establishments.

          Da wenig später auch der vom Gegenkandidaten Blatters zum gesperrten Fußballfunktionär abgestiegene Mohamed bin Hammam die Delegierten des von ihm angeführten Asiatischen Fußballverbandes (AFC) dazu aufrief, „den Kongress nicht zu boykottieren“, steht Blatters vierter Wahl zum Oberhaupt der Fifa mit einer nun wahrscheinlich hohen Stimmenzahl aus dem Kreis der 208 Mitgliedsverbände nichts Entscheidendes mehr im Wege.

          Dabei hatte es noch am Dienstagmittag geheißen, dass neun Verbände aus dem Asiatischen Fußballverband (AFC) abgereist seien, weil ihr qatarischer Vormann bin Hammam wie Warner wegen eines ihm zur Last gelegten Bestechungsversuchs vorläufig von allen Fußballaktivitäten verbannt wurde. Die Initiative des englischen und schottischen Fußballverbandes, die die Fifa dazu aufgerufen haben, die Präsidentenwahl wegen der vielen derzeit ungelösten Probleme und der skandalösen Lage, in der sich die Fifa befindet, fürs erste zu unterlassen, dürfte nun keinerlei Aussicht auf Erfolg haben. Gleichwohl hat die Öffentlichkeit trotz aller Volten der für Überraschungen jederzeit guten Fifa-Exekutivkomiteemitglieder Warner und bin Hammam derzeit zu Recht den Eindruck, dass auf der obersten Etage des Fußball-Weltverbands jeder gegen jeden kämpft und die Grundgesetze des Anstands, Respekts und Fairplays dabei außer Kraft gesetzt werden.

          Weiter unter Druck: Fifa-Präsident Blatter

          „Wir haben Schwierigkeiten, die wir in der Familie lösen werden“

          Allein Fifa-Präsident Joseph Blatter hatte sich tags zuvor taub gestellt und so getan, als herrschte er noch immer über eine heile Fifa-Familie. Von der tatsächlich unverkennbaren tiefen Krise wollte der 75 Jahre alte Chef des Weltfußballs deshalb auch gar nicht erst reden. „Was für eine Krise? Wir haben Schwierigkeiten, die wir in der Familie lösen werden“, hielt Blatter allen Schwarzmalern entgegen. Tags darauf, zur Eröffnung des 61. Fifa-Kongresses, hatte sich auch der Präsident der Realität aufs neue angenähert. „Ich dachte“, rief er den Delegierten im Zürcher Messestadion zu, „wir lebten in einer Welt, in der Fairplay und Respekt herrschen. Leider muss ich feststellen, dass das nicht mehr der Fall ist. Unsere Fifa-Pyramide schwankt in ihren Grundfesten. Es ist Gefahr im Verzug.“

          Welche, will er an diesem Mittwoch en detail verraten, wenn der Fifa-Präsident sich in seiner Bestandsaufnahme an die Spitze der neuen Reformbewegung zu setzen gedenkt. Dabei geht es ihm nicht um Einzelschicksale, weshalb auch Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke möglicherweise Gefahr läuft, seinen Job zu verlieren - wegen einer „privaten“ E-Mail an Warner, in der er unterstellt hatte, dass die für 2022 an Qatar vergebene WM „gekauft“ gewesen sei.

          Blatter wäre, wenn die Indizien eindeutig gegen Qatar sprächen, vielleicht sogar bereit, die Vergabe der WM an den winzigen Wüstenstaat am Golf noch einmal zu überdenken. Fürs erste aber scheinen er und die Fifa-Administration die Quertreiber Warner und bin Hammam wieder eingefangen zu haben. Zu dem Bild der mühsam wieder herbeigeführten Resteinheit im globalen Fußball passte es auch, dass eine noch am Montag angekündigte Pressekonferenz ausfiel, in der angeblich mit Bankbelegen dokumentiert werden sollte, dass vier führende Fifa-Funktionäre mit zwanzig Millionen US-Dollar von Qatar bestochen worden seien.

          Platini geht auf Distanz

          Der Ruf der Fifa aber bleibt bis auf weiteres ramponiert. Dafür sprachen auch Stellungnahmen von drei Großsponsoren des Verbandes, die ihr Missbehagen an den weltweiten Turbulenzen auf den Marktplätzen des Weltverbandes bekundeten. Adidas, Emirates Airline und Coca Cola zeigten sich beunruhigt ob der zahlreichen Verwerfungen. Petro Kacur, der Sprecher des Brausegetränkherstellers, sagte: „Die gegenwärtigen Korruptionsvorwürfe sind besorgniserregend und schlecht für den Sport.“ Blatter, ein Überlebenskünstler des Sports, rettete sich am Dienstag wieder einmal notdürftig über die Runden.

          Der 75 Jahre alte Patriarch, den ein großer Machterhaltungstrieb, aber keine große Glaubwürdigkeit auszeichnen, versucht derzeit eine rasante Richtungsänderung. Er will in seiner letzten Amtsperiode an der Spitze des Fortschritts stehen und beharrt nur in eigener Sache auf einem „Weiter so“. Das nennt man Fußballdialektik à la Blatter. Aufräumen, ehe es auch für ihn zu spät ist: Joseph Blatter, der sich seit seiner Amtsübernahme im Jahr 1998 einer Reihe seiner besten hauptamtlichen Mitarbeiter auf teils wenig feine Art entledigte und deshalb keinen starken Apparat mehr hinter sich hat, kämpft gegen die Einsamkeit eines alten und von vielen verlassenen Präsidenten an.

          Sein mutmaßlicher Nachfolger Michel Platini, der französische Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), hat sich schon elegant von ihm abgesetzt. „Wir sind“, hat er in einem Interview gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender CNN gesagt, „am Ende eines Systems, das von der Politik bestimmt wurde. Als nächstes werden wieder Leute aus dem Sport kommen. Wir müssen zum Fußball zurückkehren und zu dessen Werten.“ Dafür braucht es nicht einmal eine Ethikkommission.

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