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Fifa : Kein Interesse an Transparenz

Der Fußball-Weltverband: Grelles Licht wirft dunkle Schatten Bild: dpa

Die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes funktioniert offenbar wie ein Feierabendtreff. Der Rücktritt des deutschen Top-Juristen Günter Hirsch aus diesem Gremium wirft viele Fragen auf, doch Antworten bleiben aus.

          3 Min.

          Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) kommt nicht nur Ruhe. An Turbulenzen sind die Verantwortlichen um Joseph Blatter derzeit gewöhnt, doch nach dem Rücktritt des ehemaligen Präsidenten des Bundesgerichtshofs, Professor Günter Hirsch, aus der vierzehnköpfigen Fifa-Ethikkommission stellt sich wieder einmal die Frage, wie lange der Weltverband noch untätig bleibt beim Kampf gegen die Korruption in den eigenen Reihen. Der Rückzieher des deutschen Top-Juristen aus dem Gremium, dem er seit der konstituierenden Sitzung am 23. Oktober 2006 angehört, wurde am Montag von der Fifa bestätigt. Allerdings nur ganz spärlich ohne weitere Erklärungen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Beteiligten halten sich bedeckt - auch der 67 Jahre alte Hirsch selbst. Auf Anfrage dieser Zeitung in seinem Büro in Berlin, wo er nach seinem Ausscheiden beim Bundesgerichtshof als Versicherungsombudsmann tätig ist, ließ er mitteilen, für keine weiteren Aussagen mehr zur Verfügung zu stehen. In dem Schreiben an den Schweizer Kommissionsvorsitzenden Claudio Sulser, Rechtsanwalt aus dem Tessin und ehemaliger Profifußballer, in dem Hirsch seinen Schritt zu Beginn des Jahres dargelegt hatte und das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, erhob der Deutsche Vorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 gegen die Fifa-Verantwortlichen. In dem Brief schrieb Hirsch, „dass die Ereignisse der letzten Wochen bei mir den Eindruck erweckt und gefestigt haben, dass die Verantwortlichen der Fifa kein wirkliches Interesse daran haben, eine aktive Rolle bei der Aufklärung, Verfolgung und Vorbeugung von Verstößen gegen das Ethik-Reglement der Fifa zu spielen“. Hirsch kritisierte die Konstruktion der Ethikkommission und sieht diese als verfehlt an. Das Gremium, welches die Einhaltung von Gesetzen und Regeln in der Fifa überprüfen soll, kann bislang nur auf Initiative der höheren Fifa-Entscheidungsebenen seine Arbeit aufnehmen. Der Jurist bemängelte zudem die jüngsten Entscheidungen gegen einige Spitzenfunktionäre der Fifa, welche im Zuge der WM-Vergabe 2018 und 2022 wegen ihrer Bestechlichkeit bestraft worden waren. Die Sanktionen würden der Schwere der Verstöße nicht gerecht, urteilte der ehemalige Präsident des Bundesgerichtshofes.

          Schenk: „Der Rücktritt zu diesem Zeitpunkt verwundert schon“

          Hirsch ist nicht der erste unabhängige Fachmann, der die speziellen Gegebenheiten im Hause der Fifa kritisiert. Der Verband arbeitet wie ein multinationaler Konzern und setzt Milliarden um, doch fehlt es immer noch an modernen Kontrollmechanismen. Die Ethikkommission funktioniert offenbar mehr wie ein Feierabendtreff, welcher nur alle paar Monate tagt. Der Norweger Sondre Kaafjord, ehemaliger Fußball-Präsident seines Landes und ebenfalls Mitglied in der Ethikkommission, wusste auf Anfrage nicht einmal über den mehrere Tage zurückliegenden Rücktritt des Kollegen Bescheid. „Ich habe keine Information bekommen. Am 16. Februar haben wir unser nächstes Meeting, da erfahre ich bestimmt mehr“, sagte Kaafjord. Bei allen weiteren Fragen verwies er auf Kommissionschef Sulser - doch der schweigt eisern. Für mehr Transparenz bei der Fifa spricht das nicht gerade.

          Seine Ethik ist offenbar eine andere als die der Fifa: Günter Hirsch

          Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollte sich am Montag nicht zu dem Rücktritt Günter Hirschs äußern. Nur so viel: Der Jurist sei 2006 nicht vom DFB für diese Position in der Fifa vorgeschlagen oder entsandt worden. Vergeblich habe man bisher versucht, mehr Hintergründe über die Entscheidung zu erlangen. Doch auch für den DFB war Hirsch zumindest gestern nicht zu sprechen. Dabei gibt es in seiner Sache Erklärungsbedarf. Wie die Fifa am Montag mitteilte, habe der Professor, der bis 2006 Mitglied der Disziplinarkommission der Fifa war, lediglich an der konstituierenden Sitzung der Ethikkommission teilgenommen, seither sei er keiner weiteren Einladung zu einer Sitzung gefolgt. Auch das wirft Fragen auf.

          Günter Hirschs Bauchschmerzen waren zu stark geworden

          Sylvia Schenk, ehemalige Olympialeichtathletin und Sportfunktionärin, heute Vorstandsmitglied beim deutschen Ableger von Transparency International, betrachtet Hirschs Entscheidung auch nicht nur positiv. „Wenn es darum ging, dass ihm die Urteile der Kommission gegen die Fifa-Funktionäre zu milde waren, dann wäre es angebracht gewesen, dass er früher dagegen aufgestanden wäre. Der Rücktritt zu diesem Zeitpunkt verwundert schon“, sagt die Juristin aus Frankfurt und fügt an. „Dennoch rüttelt der Rücktritt weiter an der Glaubwürdigkeit der Ethikkommission und der Fifa. Dort hätte man auch längst tätig werden müssen in der Sache Teixeira.“ Ende vergangenen Jahres waren dubiose Abmachungen des brasilianischen Fußball-Präsidenten Ricardo Teixeira zur Fußball-WM in Brasilien bekannt geworden. Der Funktionär sitzt auch im Exekutivkomitee der Fifa, aber genießt dort unumstrittenen Status.

          All das hat Günter Hirschs Bauchschmerzen zuletzt wohl stärker werden lassen. In einem Interview im Mai 2009 in seiner Funktion als Versicherungsobmann ahnte er vielleicht schon, was er für sich zu entscheiden hat. „Mir scheint, dass die Ethikkommission der Fifa nicht die effizienteste Organisation ist, wohingegen der Ombudsmann der Versicherer ausgesprochen wirkungsvoll arbeitet. Ich sehe also eher Unterschiede als Parallelen“, sagte er damals.

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