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Fifa in der Krise : Blatter mit großer Mehrheit wiedergewählt

  • -Aktualisiert am

Durch trübe Wasser, durch schwere See: Kapitän Blatter hält sich für unverzichtbar Bild: dpa

Joseph Blatter sieht sich als Kapitän, der „das Schiff namens Fifa in schwierigen Zeiten durch turbulente, trübe Wasser“ zu führen habe. Der Kongress folgte ihm, wählte den 75 Jahre alten Schweizer zum vierten Mal zum Präsidenten.

          Joseph Blatter hat sich zeit seines Lebens stets auch als Vortragskünstler, Rollenspieler und Metaphernschöpfer gesehen. Am Mittwoch gab sich der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) beim Zürcher Wahlkongress seiner Organisation als Kapitän, der „das Schiff namens Fifa in schwierigen Zeiten durch turbulente, trübe Wasser“ zu führen habe, damit es „in den sicheren Hafen einlaufen“ könne. Der 75 Jahre alte Schweizer wurde um 18.00 Uhr nach geheimer Wahl mit der deutlichen Mehrheit von 186 der 203 abgegebenen Stimmen zum vierten Mal zum Präsidenten des neben dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wichtigsten und größten Sportverbandes der Welt gewählt. 206 Fifa-Verbände waren wahlberechtigt.

          „Zusammen werden wir die nächsten vier Jahre bestreiten, vorausgesetzt, der liebe Gott gibt mir die Kraft, mein Werk fortzuführen“, sagte Blatter nach seiner Wiederwahl. „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Solidarität und Einheit wieder in die Fifa einziehen zu lassen.“

          Der präsidiale Antrag wurde mit 97,8 Prozent Zustimmung genehmigt

          Blatter hatte zuvor eine kämpferische Wahlrede gehalten, in der er die Krise nicht verschwieg, in der die Fifa nach einer Reihe von bewiesenen und noch untersuchten möglichen Korruptionsaffären höchster Verbandsrepräsentanten steckt. Blatter setzte sich vor den Delegierten des Kongresses an die Spitze der Kolonne beim bevorstehenden Hausputz und rief wie nie zuvor nach radikalen, basisorientierten Reformen im System Fifa. „Wir haben Schläge eingesteckt und ich persönlich einige Ohrfeigen, wir haben Fehler gemacht, und wir werden die Lehren daraus ziehen“, rief er seiner ihm großteils noch immer folgsamen Großfamilie zu.

          Blumen für Blatter

          Und dann wurde der Präsident konkret. „Ich möchte“, lautete eine von starkem Applaus begleitete Kernforderung Blatters, „dass Weltmeisterschaften in Zukunft vom Kongress - und nicht mehr wie bisher vom teilentmachteten 24köpfigen Exekutivkomitee - vergeben werden.“ Der präsidiale Antrag wurde mit 97,8 Prozent Zustimmung genehmigt. Blatter selbst hatte den Lapsus begangen, eine Doppelvergabe der WM 2018 (an Russland) und 2022 (an Qatar) für den 2. Dezember des Vorjahrs vorzuschlagen. Mit dieser falschen Entscheidung, die zu Absprachen, Mauscheleien und Bestechungsversuchen einlud, wurde der Weg zur größten Krise geebnet, in die die Fifa während ihrer 107jährigen Geschichte jemals getaumelt ist. Seitdem gerieten gleich zehn der 24 Mitglieder in Blatters Exekutivkomitee unter mehr oder wenigen dringenden Korruptionsverdacht, der aber bisher nur zu zwei Sperren für den Nigerianer Amos Adamu und den Tahitianer Reynald Temarii führte.

          „Wir müssen den Ethikkodex stärken“

          Vorläufig suspendiert wurden am vergangenen Sonntag Mohamed bin Hammam, der eigentlich Blatter als Fifa-Präsident beerben wollte, und Jack Warner, der sturmerprobte Präsident der nord- und mittelamerikanischen Fußballverbände. Ob diese beiden Spitzenfunktionäre aus Blatters Kabinett, wofür derzeit eine Reihe von Indizien sprechen, tatsächlich gegen den Verhaltenskodex der Fifa verstoßen haben, indem sie einen Stimmenkauf für den Präsidentschaftskandidaten bin Hammam initiierten, wird die Ethikkommission des Verbandes unter Hinzuziehung externer Hilfe bis spätestens Juli zu beantworten haben.

          In Blatter hat die Ethikkommission, die er selbst im Jahr 2006 eingesetzt hat, ihren stärksten Förderer. „Die Ethikkommission“, sagte Blatter, „hat von Nulltoleranz gesprochen. Genügt es, darüber zu sprechen? Nein. Es müssen Taten folgen.“ Den Kongressteilnehmern, die Kapitän Blatter auf Reformkurs brachte, rief er zu: „Wir müssen den Ethikkodex stärken, wir brauchen eine Ethikkommission, die unabhängig arbeiten kann. Die Mitglieder der Ethikkommission sollen in Zukunft vom Kongress gewählt werden.“

          Ein „Rat der Weisen“ soll wie bittere Medizin wirken

          Anders als bei ähnlichen Anlässen zuvor verzichtete Blatter diesmal darauf, das Hohelied der Finanzmacht Fifa zu singen, die weit über eine Milliarde US-Dollar an Rücklagen angehäuft hat. In Zürich sah sich der Mann, der alle Tricks im Verdrängungswettkampf unter Fußballfunktionären beherrscht, als Steuermann gefragt - auf dem Weg zu mehr Respekt und Fairplay in seinem globalen Klub. Als Drittes verlangte der Fifa-Vorsitzende die Gründung einer sogenannten Lösungskommission mit herausragenden Repräsentanten der Fifa.

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