Fifa erlaubt Torlinientechnik : Die technische Revolution ist da
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Spektakuläre Rettungstat von Terry: Tor oder kein Tor? Bild: dpa
Technik oder Torrichter? Das Fifa-Regelkomitee Ifab wählt den Kompromiss: Es erlaubt technische Systeme, die anzeigen sollen, ob ein Ball die Linie überquert hat oder nicht. Trotzdem lässt es Veranstaltern die Option, auch weiterhin Torrichter einzusetzen.
Eine solch gravierende Neuerung hat es im Fußball lange nicht gegeben: Tor oder kein Tor – die wichtigste Frage des Spiels soll künftig mit technischer Hilfe geklärt werden. Die Regelhüter im International Football Association Board (Ifab) gaben an diesem Donnerstag in Zürich grünes Licht für die Einführung zweier Systeme, die dem Schiedsrichter anzeigen, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht.
Dabei sollen sowohl das bereits beim Tennis erprobte Hawk-Eye zur Überwachung der Torlinie (Torkamera) als auch das magnetfeldbasierte GoalRef-System, eine Entwicklung des Erlanger Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen, zum Einsatz kommen. Die Entscheidung des Gremiums fiel wie üblich einstimmig aus.
„Ganz entscheidender Tag für den Fußball“
„Natürlich ist es ein ganz entscheidender Tag für den Fußball. Es wurde jahrelang diskutiert. Nun haben wir eine klare Richtlinie“, sagte Jérôme Valcke, der Generalsekretär des Internationalen Fußball-Verbands (Fifa). Allerdings soll der Einsatz der neuen Systeme auf Fifa-Ebene vorerst auf die Klub-Weltmeisterschaft im Dezember in Japan, den Confederations Cup 2013 und die WM 2014 in Brasilien beschränkt sein.
Über die Einführung eines der Systeme in den deutschen Ligen müssen nun der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) befinden. Beide Verbände hatten bereits Zustimmung signalisiert für den Fall, dass die Technik zuverlässig funktioniere. Das ist in den Augen des Ifab der Fall. Nach ausgiebigen Tests durch die Schweizer Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) erhielten beide Systeme das Placet.
Frühestens zur übernächsten Saison
Zu klären wird nun vor allem sein, wie hoch die Kosten für Installation und Wartung sein werden und wer sie zu tragen hat. Eine Einführung in der Bundesliga erscheint frühestens zur übernächsten Saison realistisch. Das bestätigte auch Liga-Chef Reinhard Rauball in einer ersten Reaktion. In der englischen Premier League hingegen könnte die Technik nach Angaben von Verbandsvertretern schon in der kommenden Saison zum Einsatz kommen.
Jahrelange Diskussion über Technik-Einsatz
Mit der Entscheidung findet eine jahrelange Diskussion über den Technik-Einsatz im Fußball wohl ein vorläufiges Ende. Seit Beginn des Jahrtausends war bei der Fifa immer wieder kontrovers debattiert worden. Zunächst schienen die technischen Möglichkeiten nicht ausgereift, dann die Kosten für eine flächendeckende Einführung viel zu hoch.
Fifa-Präsident Joseph Blatter hatte sich erst nach den Fehlentscheidungen bei der WM 2010 in Südafrika wieder aufgeschlossen gegenüber Technologien gezeigt. Damals war unter anderem England ein Tor von Frank Lampard im Achtelfinale gegen Deutschland nicht gegeben worden. Bei der EM in diesem Jahr erwies sich die Variante mit Torlinienrichtern als anfällig, als ein klarer Treffer der Ukraine gegen England nicht anerkannt wurde.
FAZ.NET-Torvideo : Was hat der Torrichter gesehen?
Dennoch entschied das Ifab an diesem Donnerstag, auch weiterhin den Einsatz von Torrichtern zuzulassen. Jeder Veranstalter solle selbst entscheiden können, ob Torrichter eingesetzt werden. Das dürfte zugleich ein Zeichen des Kompromisses in Richtung von Michel Platini sein. Der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) hat sich vehement gegen den Einsatz von Technik ausgesprochen und bevorzugt die Variante mit den Torrichtern – trotz der jüngsten Fehlleistungen.
Nach dem Ifab-Votum scheint es nun möglich, dass in Uefa-Wettbewerben weiterhin Torrichter eingesetzt werden, während bei den großen Fifa-Turnieren Torlinientechnik genutzt wird. Nach der grundsätzlichen Entscheidung des Ifab sind nun weitere Fragen zu klären. Denn Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund und ihre Profiligen müssen den Zeitpunkt für die Einführung der Systeme selbst bestimmen. „Zu den deutschen Verbänden kann ich nichts sagen. Der Ball liegt bei ihnen“, sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke.
Die Systeme arbeiten völlig unterschiedlich
Nach Angaben englischer Verbandsvertreter könnte die Technik noch in der kommenden Premier League-Saison eingeführt werden. Die infrage kommenden technischen Systeme müssen noch von der Fifa zertifiziert werden. Die beiden zertifizierten Systeme arbeiten auf völlig unterschiedlicher technischer Basis. Bei der aus England stammenden aus dem Tennis bekannte Hawk-Eye-Technologie sind mehrere Hochgeschwindigkeitskameras auf das Spielgeschehen in der Nähe der Tore gerichtet. Ein Computer ermittelt mit Hilfe geometrischer Berechnungen die genaue Position des Balles und sendet bei einem Tor ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters.
Schlaufenantennen, kein Chip
Beim GoalRef-System wird im und um das Tor ein Magnetfeld erzeugt. Überschreitet der mit drei Schlaufenantennen – und nicht etwa, wie bei Vorläufertechnologien, einem Chip – ausgerüstete Ball die Torlinie, registriert das Magnetfeld eine Veränderung, und der Schiedsrichter erhält das entsprechende Signal. Der Ball enthält drei Magnetspulen. Überschreitet der Ball die Torlinie, wird durch das Magnetfeld im Tor ein Magnetfeld im Ball aktiviert und ein zugeschalteter Computer sendet ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters. Ob beide Systeme in der Praxis gleich zuverlässig arbeiten, wird sich erst noch weisen. Sicher ist: Beide Anbieter dürfen sich auf lukrative Aufträge freuen.