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Fifa-Krise : Kronprinz Platini im Sturzflug

„Ich bin der geeignetste Kandidat“: Michel Platini. Bild: AFP

Wie sein alter Förderer und jetziger Erzfeind Joseph Blatter hat sich auch Michel Platini ins Aus gedribbelt. Alle wissen es, nur er selbst nicht. Dazu führten einige Irrtümer Platinis.

          3 Min.

          Der Franzose Michel Platini war zu seiner Zeit der beste Mittelfeldstratege der Welt. Er wusste und fühlte, wann ein Pass wohin zu schlagen war. Der Mann hatte den Überblick auf dem Fußballfeld. Doch obwohl ihn seine Karriere als Sportfunktionär bis an die Spitze der Europäischen Fußball-Union Uefa führte, scheint es so, als müsste man heute sagen: 68 mal 105 Meter, das war offensichtlich das ideale Areal für Platinis Aktivitäten. Auf dem globalen Spielfeld der internationalen Sportpolitik nämlich hat sich der 60 Jahre alte ehemalige Superstar höchstwahrscheinlich ins Aus gedribbelt, und alle wissen es schon, außer ihm selbst.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Seine Irrtümer: Platini glaubte, der ausgewiesene Sesselkleber Joseph Blatter werde ihm in absehbarer Zeit freiwillig sein Amt als Präsident des Weltverbandes Fifa überlassen. Der pfiff ihm eins - und trat im Mai mit 79 Jahren noch einmal an. Und Platini dachte, er könnte aus der dramatischen Krise, in der sich das internationale Fußball-Funktionärstum seit der Verhaftungen von Zürich im Auftrag der amerikanischen Justiz befindet, durch lethargisches Blockieren und heimliche Machtspiele Kapital schlagen.

          Doch die Kräfte, die zurzeit bei der Fifa wirken, sind vielfältig und nicht mehr einzuschätzen. Nun steht er da, für drei Monate von allen Ämtern suspendiert, und es droht ihm eine Sperre durch die Ethik-Kommission. Die zwei Millionen Schweizer Franken, die er 2011 von Blatter erhielt, stinken zum Himmel. Platinis und Blatters Legende von einem Berater-Job, der erst nach neun Jahren honoriert wurde, wirkt nicht gerade glaubhaft.

          Das Vertrauen in seine Entschlossenheit, dem Fußball bestmöglich zu dienen, ist ohnehin erschüttert: Jeder weiß, dass er 2010 als Exekutivmitglied für die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Qatar gestimmt hat, in deren Folge die ganze Verdorbenheit des internationalen Funktionärswesens erst offenbar wurde. Und doch glaubt der Franzose weiter daran, dass er nächstes Jahr im Februar zum Fifa-Präsidenten gewählt werden müsste. „Ich habe alle Chancen zu gewinnen“, sagte er in dieser Woche mehreren internationalen Medien. „Ich bin der geeignetste Kandidat.“

          Diese sieben Männer kandidieren um die Fifa-Präsidentschaft.

          Allerdings hat die Uefa angesichts der Lage - sein erster Einspruch gegen die Suspendierung wurde abgeschmettert - nun doch lieber für einen Ersatz gesorgt, falls Platini doch nicht, wie er selbst es erwartet, termingerecht von allen Vorwürfen reingewaschen werden sollte. Weil die europäischen Verbände offensichtlich nicht mehr an ihn glauben, haben sie ihren Generalsekretär Gianni Infantino ins Rennen geschickt.

          Immerhin: Über dessen Haltung gegenüber den anstehenden Fifa-Reformen kann sich Platini nicht beklagen. Infantino stand bisher für Blockaden, Bremsmanöver und die Überzeugung, dass eine Ethik-Kommission, wie die Fifa sie eingeführt hat, in der Uefa vollkommen überflüssig sei. Infantino, so heißt es immer wieder, werde im Fall von Platinis rechtzeitiger Reinwaschung von seiner Kandidatur zurücktreten. Offiziell aber verkündete die Uefa: „Er weiß, dass er unsere ganze Unterstützung hat.“

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          Es ist fast schon Ironie des Schicksals, dass Platinis Zukunft als Fußballfunktionär - jetzt natürlich unfreiwillig - so eng mit der von Joseph Blatter verknüpft bleibt. Die zwei Millionen Franken kleben die beiden auf fatale Weise zusammen: Blatter hat bezahlt, Platini hat genommen, beide sind dafür suspendiert worden, beide könnten dafür gesperrt werden. Der einstige König und sein Kronprinz, die längst Erzfeinde geworden sind, sehen sich gezwungen, einander zu verteidigen, um sich nicht selbst hineinzureiten.

          In seinem kämpferischen Interview in dieser Woche mit der russischen Nachrichtenagentur Tass hat Blatter dem Franzosen noch einmal einen schmerzhaften Hieb verpasst. Platini, so stellt es Blatter dar, ist an allem schuld. Er erinnerte an das berühmte Essen am 23. November 2010, an dem Platini, der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der damalige Kronprinz und heutige Emir von Qatar, Tamim bin Hamad Al Thani, teilnahmen. Die Zeitschrift „France Football“ berichtete darüber.

          Damals soll vereinbart worden sein, dass mit Geld aus Qatar der Fußballklub Paris St-Germain gekauft und ein Sportsender in Frankreich gegründet werde. Beides trat ein. Blatter behauptet, dass nicht nur Platinis, sondern alle vier europäischen Stimmen damals von den Vereinigten Staaten zu Qatar gewandert seien. Zuvor habe man die WM 2018 und 2022 an die beiden Großmächte Russland und die Vereinigten Staaten geben wollen. Aber das Essen habe „das Modell verändert“. Sprich, skandalöserweise: die Absprache.

          Platini bestritt damals, er habe seine Prioritäten nach dem Essen geändert. Er habe aus freien Stücken für Qatar gestimmt. „Die Kandidatur brachte eine Einzigartigkeit und eine Öffnung in die Welt, die ich von Anfang an als wunderbar empfand“, schwadronierte er diese Woche vor ausgewählten Medien. Die Vereinigten Staaten aber waren draußen - das Land, aus dem die härtesten Attacken gegen die Fifa kommen. Blatter strickt gerne an dieser Legende: „Platini hat angefangen, dann wurde es Politik“, steckte er der Tass.

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