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Fifa-Chef Infantino : Die ganze Welt soll mitkicken

Sein neuster Streich: Infantino will die WM erheblich aufstocken Bild: dpa

Fifa-Chef Infantino will künftige WM-Turniere erheblich aufstocken. Doch sein Expansionsprogramm erhöht auch die Anfälligkeit für Korruption um ein Vielfaches.

          Nach einem völlig missglückten Start in seine Präsidentschaft, bei welchem er sich gleich in den ersten Monaten wegen mehrerer Fehltritte einer Untersuchung der internen Ethikkommission stellen musste, hat sich Gianni Infantino in seiner Funktion als Chef des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) nun im Freischwimmen versucht. Nicht sehr erfolgreich. Zwar zündete er bei den Sitzungen des Fifa-Rates am Donnerstag und Freitag in Zürich ein Feuerwerk der Vorhaben, doch kann dies keinesfalls sein weiterhin dubioses Fifa-Gebilde überstrahlen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mehr Wachstum, eine erhebliche Aufstockung des WM-Turniers, mehr Aufbauhilfe in der Welt, mehr Partizipation von Frauen im Fußball – mit diesem Expansionsprogramm will die Infantino-Fifa die Zukunft angehen. Durchsetzen konnte sich der Schweizer schon mal nicht überall, bei der WM-Ausweitung von 32 auf 40 oder sogar 48 Mannschaften hat sich der Fifa-Rat auf Januar vertagt. „Wir befinden uns noch in einem intensiven Diskussionsprozess“, sagte Infantino. Fest steht nur, dass nach Russland (2018) und Qatar (2022) das nächste Weltturnier im Jahr 2026 weder in Europa noch Asien stattfinden wird. Favorit sind die Vereinigten Staaten.

          Von 45 Prozent auf 60 Prozent will der neue Fifa-Chef den Anteil der Weltbevölkerung erhöhen, der sich am Fußball beteiligt. Die Zahl der Fußballspielerinnen soll auf 60 Millionen verdoppelt werden, bis 2026 sollen in die Fußball-Entwicklungshilfe vier Milliarden Dollar fließen. Die Fifa will rund um den Globus elf Regionalbüros einrichten, um besser auf die Bedürfnisse ihrer Mitgliedsverbände reagieren zu können. Doch was bringen solche Konzern-Ziele, wenn die mit Wachstum und steigenden Umsätzen einhergehenden Risiken des Geschäfts zu wenig Beachtung finden?

          Ein Beispiel: Die Organisation denkt darüber nach, die Sponsorensuche, bei der es um Hunderte Millionen Dollar geht, aus dem eigenen Haus auszulagern und wieder Agenturen damit zu beauftragen. Dabei ist die Erkenntnis des großen Korruptionsskandals, der derzeit vor allem Fußballfunktionäre in Mittel- und Südamerika betrifft, dass genau dieses Verhältnis zwischen Funktionär, der über das werthaltige Sponsorship bestimmt, und externem Vermarkter, anfällig ist für Bestechung. Das Korruptionsrisiko gilt gleichermaßen für steigende Investitionen in die Entwicklungshilfe. Die Frage ist offen, ob mit dem Wachstumskurs des Weltverbandes auch die Compliance-Systeme mitwachsen werden und dann auch effektiv arbeiten.

          Bisher ist Infantino in seiner Fifa-Position nicht mit Akkuratesse und Bereitschaft zur Stärkung von Kontrollmechanismen aufgefallen. Er setzt auf undurchsichtige Seilschaften, agiert intransparent. Den Beschluss der Vergütungskommission, dass der Präsident nur noch ein fixes Gehalt erhalten solle, überging er einfach und ließ sich per neuer Entscheidung von einem veränderten Gremium doch wieder von 2017 an jährliche Bonizahlungen zusichern – möglicherweise sogar nicht gedeckelt. Beteiligt daran war der neue Vorsitzende der eigentlich unabhängigen Audit- und Compliance-Kommission, Tomasz Vesel. Der Slowene hätte wohl die Stelle gar nicht antreten dürfen, war er zuvor doch in Fußballgremien des slowenischen Verbandes vertreten. Unabhängigkeit sieht anders aus.

          Die von Infantino zurzeit oft angeführte zusätzliche Governance-Kommission hat derweil nur beratende Funktion für den Fifa-Rat der Topfunktionäre. Dieses Gremium, dem auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, irgendwann angehören soll, konnte bis dato noch nicht gebildet werden, weil Integritätsprüfungen mehrerer Mitglieder fehlten. Derweil sagte Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge, zugleich Vorsitzender der europäischen Klubvereinigung, fürs sogenannte Stakeholder-Komitee der Fifa ab – wegen zeitlicher Überbeanspruchung.

          Bei der Fifa gibt es nur einen Boss

          Was sind Infantinos smarte Ankündigungen wert? Weiterhin gilt die von ihm initiierte Ermächtigung des Fifa-Rats, die Mitglieder der Kontrollorgane jederzeit entlassen zu können. Im Ohr sind einem auch noch Aussagen des Fifa-Präsidenten vom Mai hinter verschlossenen Türen. Man sei „die Geisel“ einer Situation, die keiner gut finden könne. Dies war in diesem Moment offensichtlich auf nicht genehme Compliance-Richtlinien und den harten Kurs des danach zurückgetretenen Audit-Chefs Domenico Scala gemünzt. Wie wenig Infantino von festen Vereinbarungen und Regularien hält, zeigt sich im Umgang mit der neuen Generalsekretärin Fatma Samoura. Eigentlich sollte diese Position auf Grundlage der Fifa-Reformen gleich einem Vorstandschef eines Konzern aufgewertet werden. Doch das interessiert Infantino nicht. Nun verdient die ehemalige UN-Managerin nicht nur weniger als der Präsident, der eigentlich wie ein Aufsichtsrat wirken soll. Er lässt sie bei gemeinsamen Veranstaltungen auch nicht mehr zu Wort kommen. Bei der Fifa gibt es nur einen Boss – und der heißt Infantino.

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