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Fifa-Skandal : FBI ermittelt offenbar auch gegen Blatter

  • -Aktualisiert am

Joseph Blatter am Dienstag in der Fifa-Zentrale in Zürich Bild: Reuters

Fifa-Präsident Joseph Blatter überrascht mit seinem Rücktritt. Spätestens im März 2016 soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung einen Nachfolger wählen. Der Druck der amerikanischen Justiz wurde zu groß. Am Mittwoch werden neue Enthüllungen erwartet.

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          Das hatte niemand erwartet: Am Dienstagabend trat Blatter in Zürich zu einer eigens einberufenen Pressekonferenz vor die Mikrofone und sprach aus, was Millionen Fußball-Fans zwar lange erhofft, aber zuletzt nicht mehr für möglich gehalten hatten: „Ich habe ernsthaft über meine Präsidentschaft nachgedacht und über die vierzig Jahre, in denen mein Leben untrennbar mit der Fifa und diesem großartigen Sport verbunden gewesen ist“, sagte Blatter auf Französisch.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Durch die Wahl am vergangenen Freitag habe er noch einmal das Mandat durch die Fifa-Mitglieder bekommen, „aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht das Mandat der gesamten Fußball-Welt habe. Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlich Kongress niederzulegen“, sagte der 79-jährige Schweizer, der den Posten 1998 übernommen hatte. Allerdings wird er die Geschäfte noch bis wenigstens Dezember dieses Jahres führen.

          Aus logistischen und Satzungsgründen sei eine neue Wahl auf einem außerordentlichen Kongress nicht früher organisierbar, teilte die Fifa mit. Spätestens im nächsten März soll  Blatters Nachfolger feststehen. „Es ist der absolut überfällige Schritt“, sagte Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Es ist tragisch für ihn, dass er sich es nicht erspart hat, diesen Weg früher zu wählen. Wenn Blatter an der Spitze der Fifa geblieben wäre, dann wären die Probleme nicht zu lösen gewesen.“ Niersbachs britischer Amtskollege Greg Dyke sagte lakonisch: „Er ist abgetreten, er ist weg. Lasst uns feiern.“

          Fragen an Blatter wurden im Moment der Bekanntgabe nicht erlaubt. Es ist zu vermuten, dass der Fifa-Chef mehr gedrängt wurde von den jüngsten Entwicklungen und bevorstehenden Enthüllungen als von der Einsicht. Am vergangenen Freitag hatte er nach seinem Triumph (133:73) über seine Gegner, vor allem die Europäer, noch voller Zuversicht die Gestaltung der Fifa unter seiner Leitung ausgemalt. Und den Erfolg sichtlich genossen. Tags darauf begann Blatter mit einem kleinen Rachefeldzug, indem er genussvoll die Uneinigkeit seiner Widersacher vorführte. Unter anderem behauptete er, Franz Beckenbauer habe DFB-Chef Niersbach wegen dessen Opposition „zusammengefaltet“. Gleichzeitig aber wuchs im Verlauf des Wochenendes sowie am Montag der Druck mehr und mehr. So musste die Fifa am Montagabend einräumen, dass zehn Millionen Dollar, die die amerikanische Justiz als Teil der jahrelangen Schmiergeldzahlungen im Fifa-Betrieb bezeichnete, über ein Konto der Fifa verschickt worden sind.

          Korruptions-Skandal : Fifa-Präsident Joseph Blatter tritt zurück

          Zehn Millionen Dollar nach Trinidad und Tobago

          Es handelt sich um Geld, das Südafrika in die Karibik transferierte, auf ein Konto, das der damalige Präsident der Konföderation, Jack Warner, kontrollierte. In diesem Fall geriet auch einer der engsten Vertrauten Blatters ins Zwielicht. Nach einem Bericht der „New York Times“ war Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke der „hochrangige Fifa-Offizielle“, der laut Anklageschrift der amerikanischen Staatsanwälte im Jahr 2008 den Auftrag für Überweisungen der zehn Millionen Dollar von einem Fifa-Konto auf ein Konto in den Vereinigten Staaten veranlasst haben soll.

          Das Geld sei dann beim inzwischen von der Fifa lebenslang gesperrten Fifa-Vizepräsidenten Warner aus Trinidad und Tobago gelandet. Hinter dem Geldtransfer soll der südafrikanische Fußballverband stehen, der diese Summe als Gegenleistung für Stimmen bei der gewonnenen WM-Vergabe 2004 im Hinblick auf das Turnier 2010 Nationalverbänden aus der Karibik angeblich versprochen hatte. Die Fifa bestätigte in einer Stellungnahme die Überweisung der Summe 2008. Sie sei vom damaligen Vorsitzenden des Finanzkomitees genehmigt und gemäß der eigenen Regularien vorgenommen worden. Der Zuständige hieß Julio Grondona. Der Argentinier aus dem Fifa-Vorstand starb im vergangenen Jahr, um ihn herum hatte es gerade in der Heimat immer wieder Korruptionsvorwürfe gegeben. Auch Grondona war mit Blatter über Jahrzehnte eng verbunden.

          Weitere Vorwürfe

          Blatters Gegner hatten wohl auch mit der Einschätzung Recht, dass der Fifa-Boss keine Ruhe mehr haben würde, nachdem die amerikanische Justiz und Steuerfahndung sich den Verband vorgenommen und bislang sieben Fifa-Funktionäre verhaftet hat. An diesem Mittwoch, so hieß es am Dienstag in Berlin, wo sich Delegierte des Europäischen Fußball-Verbandes anlässlich des Champions-League-Finales für Samstag verabredet haben, würden weitere Vorwürfe gegen Blatter bekannt. Quelle soll ein Kronzeuge der Amerikaner sein: der frühere amerikanische Fußballfunktionär Chuck Blazer, der selbst wegen Korruption seine Ämter verlor und dem FBI als Spitzel bei der Enttarnung von Kollegen in der Fifa diente. Vielleicht wollte Blatter dem zuvorkommen.

          Die „New York Times“ berichtete am späten Dienstagabend deutscher Zeit unter Berufung auf anonyme amerikanische Strafverfolger, Blatter sei inzwischen das Ziel der FBI-Ermittlungen.

          Die Justizministerin der Vereinigten Staaten, Loretta Lynch, bezeichnete die Fifa als Organisation, „die bis in die höchsten Ebenen korrupt ist“. Sie äußerte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Anklagen gegen weitere Personen seien in Vorbereitung. Lynch trat Vorwürfen entgegen, sie habe den Zeitpunkt der Festnahmen gezielt gewählt, um Blatters Wiederwahl zu verhindern: „Wir haben die Anklage erhoben, als sie fertig war.“

          Mit seinem Rückzug könnte der Weg frei werden – für eine Aufarbeitung und zugleich den personellen Neuanfang. „Die Fifa kann nicht von Leuten benutzt werden, die ihr Schaden zufügen wollen“, sagte Domenico Scala, der Integritätsbeauftragte der Fifa, ein Schweizer Wirtschaftsmanager. Er wies, ein paar Meter neben Blatter stehend, nochmals darauf hin, dass er den Fifa-Vorstand von seiner Macht und Zusammensetzung immer als Integritätsrisiko gesehen hätte.

          Blatter will noch Reformen anstoßen

          Bis zum außerordentlichen Kongress will Blatter, unter Aufsicht von Scala, tiefgreifende Reformen auf den Weg bringen. Die Exekutive, die sich bisher hauptsächlich aus Repräsentanten der Kontinentalverbände zusammensetzt, soll verkleinert werden, ihre Mitglieder sollen künftig vom Kongress gewählt werden. Einige der Fifa-Regierungsmitglieder hatten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Position schamlos missbraucht und sich am Rechtehandel und bei der Vergabe von Großereignissen bereichert.

          Blatter möchte auch eine zentral organisierte Leumundsprüfung für Spitzenfunktionäre durchsetzen, wie sie bisher von den Konföderationen, auch Europas, blockiert wurde. Auch eine Amtszeitbeschränkung will der scheidende Präsident jetzt einführen, wenige Tage nachdem er sich selbst für eine fünfte Amtszeit hatte wählen lassen. Dies solle nicht nur für den Präsidenten gelten, sondern für alle Mitglieder der Exekutive.

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