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Fifa : Bin Hammam gesperrt, Blatter angeschlagen

  • -Aktualisiert am

Angeschlagen: Auch Blatter steht weiter in der Kritik Bild: dapd

Weitreichende Folgen einer vermeintlichen Schmiergeldaffäre: Die Fifa sperrt Mohamed bin Hammam, Präsident Sepp Blatter hat damit keinen Herausforderer mehr. Kurz vor seiner vermutlichen Wiederwahl ist er aber unglaubwürdiger denn je.

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          Sein Rückzug war mit ebenso hehren Worten verziert wie der Anspruch seines Gegenspielers, weiterhin Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) zu bleiben. Seit Samstag (die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung meldete es exklusiv) weiß Joseph Blatter, dass er seinen Widersacher losgeworden ist, seit Sonntag weiß Blatters gestürzter Herausforderer Mohamed bin Hammam, dass er wegen Korruptionsverdachts vorläufig, für zunächst dreißig Tage, suspendiert ist - so wie Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago, der wegen desselben möglichen Verstoßes gegen den Ethikcode des Weltverbandes gesperrt wurde. Für beide gilt bis auf weiteres die Unschuldsvermutung.

          Die beiden Spitzenfunktionäre sollen bei einem Treffen der Karibischen Fußball-Union (CFU) am 10. und 11. Mai in Trinidad versucht haben, bin Hammam gegen Geld Stimmen zu besorgen für die Präsidentschaftswahlen beim Fifa-Kongress in Zürich an diesem Mittwoch. Die Entscheidung, bin Hammam und Warner bis zum Abschluss einer fortgesetzten Untersuchung zu suspendieren, traf am Sonntag die Fifa-Ethikkommission unter ihrem stellvertretenden Vorsitzenden Petrus Damaseb aus Namibia. Keine weiteren Ermittlungen und deshalb keine Sanktionen gibt es gegen den am Sonntag ebenso gehörten Fifa-Präsidenten Joseph Blatter.

          Blatter: „Image der Fifa hat sehr gelitten“

          Ihn hatte bin Hammam bei der Ethikkommission angezeigt, weil der Schweizer von dem Korruptionsvorwurf gewusst, ihn aber nicht angezeigt habe. „Es gibt keinen Grund, die Wahl zu verschieben“, stellte Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke am Sonntagabend fest, „die Anschuldigungen gegen Herrn Blatter werden nicht aufrechterhalten.“

          Gequältes Lächeln? Oder führt er noch was im Schilde? Bin Hammam beid er Ankunft zur Einvernahme in Zürich

          Blatter räumte am Sonntagabend einen immensen Ansehensverlust der Fifa ein. „Die Ethikkommission der Fifa hat ihre Urteile gefällt. Dazu möchte ich mich nicht äußern“, so Blatter. „Nur so viel: Ich bedauere, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. Das Image der Fifa hat sehr darunter gelitten, zum Leidwesen der Fifa selbst und aller Fußballfans.“

          Das Thema Korruption lastet wie eine Hypothek auf der Fifa

          Blatter steht am Mittwoch vor einem Alleingang. Möglicherweise wird er nun in der Zürcher Messe per Akklamation zum vierten Mal zum Fifa-Präsidemten bestimmt. Doch damit sind die die Glaubwürdigkeitsprobleme des 75 Jahre alten Wallisers ebenso wenig gelöst wie die tiefe Krise, in die Männer wie Blatter, bin Hammam und der skandalumtoste Jack Warner den Fußball-Weltverband gestürzt haben. Das Thema Korruption lastet seit langem wie eine Hypothek auf der Fifa, der neben dem Internationalen Olympischen Komitee größten und wichtigsten Sportorganisation der Welt.

          Bin Hammams Karriere dürfte spätestens seit Sonntag wie die von Warner ihrem Ende entgegengehen. Der Präsident des Asiatischen Fußballverbandes (AFC) und der Präsident des nord- und mittelamerikanischen Dachverbandes (Concacaf) sind über ein von bin Hammam bezahltes und von den beiden Fifa-Spitzen arrangiertes Treffen mit den Mitgliedern der Karibischen Fußball-Union gestolpert. Dabei soll nach einem Bericht des Londoner „Daily Telegraph“ 25 bei der Fifa-Präsidentschaftswahl stimmberechtigten Verbandsfunktionären ein „Geschenk“ in Höhe von umgerechnet jeweils 28.000 Euro (40.000 Dollar) angeboten worden sein, verbunden mit Warners Bitte, „niemandem davon zu erzählen“.

          Die mutmaßliche Schmiergeldaffäre deckte ein Dossier des amerikanischen Rechtsanwalts und Mitglieds im Fifa-Exekutivkomitee, Chuck Blazer, auf. Blazer, Concacaf-Generalsekretär, soll von vier unbestechlichen karibischen Kollegen über das unmoralische Angebot in Kenntnis gesetzt worden sein und habe danach den Fall an die Fifa-Zentrale in Zürich gemeldet.

          Enthüllungen und ein „Fußball-Tsunami“

          Während Warner, der 68 Jahre alte karibische Unternehmer, seit 1983 Mitglied in der Fifa-Exekutive, gegenüber einheimischen Medien vor der Anhörung in Zürich brisante Enthüllungen und einen „Fußball-Tsunami“ angekündigt hatte, begründete bin Hammam seinen Verzicht auf das Präsidentschaftsduell mit feinen Worten. „Ich kann nicht zulassen“, schrieb der in der Exekutive nach Blatter mächtigste Fifa-Funktionär auf seiner offiziellen Homepage , „dass der Name, den ich geliebt habe, mehr und mehr in den Schmutz gezogen wird wegen des Wettbewerbs zwischen zwei Einzelpersonen. Das Spiel und die Menschen, die es lieben auf der ganzen Welt, müssen an erster Stelle kommen. Deshalb gebe ich den Rückzug von der Präsidentschaftbewerbung bekannt.“

          In seinem Blog äußert sich der Qatarer auch mit einem Seitenhieb auf Blatter, dem er bei dessen ersten Wahlkämpfen als Freund und Helfer zur Seite stand: „Die jüngsten Ereignisse haben mich verletzt und enttäuscht zurückgelassen - auf professioneller und persönlicher Ebene.“ Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen nannte Bin Hammam „haltlos“; auch Warner sprach sich bei seinem Auftritt vor der Ethikkommission von jeglichem Verdacht frei.

          Ein Fifa-Präsident auf Abruf

          Blatter wiederum erscheint kurz vor seiner vermutlichen Wiederwahl geschwächt und unglaubwürdig wie nie seit seiner ersten Kür im Jahr 1998. Inklusive seiner eigenen Person gerieten seit Ende letzten Jahres - für den Fußball-Weltverband markiert durch die umstrittene Doppelvergabe der Weltmeisterschaftsturniere 2018 an Russland und 2022 an Qatar - zehn der 24 Mitglieder der Fifa-Exekutive ins Zwielicht, für Korruption empfänglich zu sein, Korruption aktiv betrieben zu haben oder Korruptionsvorwürfen nicht nachgegangen zu sein. Mit Sperren für drei Jahre und ein Jahr sanktioniert, mussten bisher nur die vergleichsweise unbedeutenden ehemaligen Exekutivkomitee-Mitglieder Amos Adamu (Nigeria) und Reynald Temarii (Tahiti) büßen. Sie konnten den Käuflichkeitsvorwurf, ihre Stimmen für die WM-Vergabe feilgeboten zu haben, nicht entkräften.

          Der Name Blatter selbst wurde im Laufe seiner dreizehn Jahre an der Spitze der Fifa auch ein paar Mal in Verbindung mit Bestechungsvorwürfen gebracht - doch nachweisen ließ sich dem missionarischen Schweizer, der die Welt durch den Fußball besser machen will, nichts. Den miserablen Zustand seiner Regierung hat der Chef zu verantworten, und deshalb ist Joseph Blatter von Mittwoch an bestenfalls ein Fifa-Präsident auf Abruf.

          Sein Nachfolger steht schon bereit, will aber vorerst weiter an der Spitze der Europäischen Fußball-Union (Uefa) bleiben. Michel Platini, als Spielmacher ein Weltklassefußballer und herausragender Sportsmann, dürfte spätestens 2015, vielleicht aber schon in zwei Jahren an die Spitze der Fifa gewählt werden. Der Franzose hat dieser Tage mit dem Blick auf die Fifa gesagt: „Es wird Zeit, dass wieder der Sport im Mittelpunkt steht.“ Einen solchen Spitzenmann hat die Fifa bitter nötig.

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