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Fernsehen : Hat er was am Kopf?

  • -Aktualisiert am

Nicht vom Fach: Paolo Bonolis Bild: AP

Ein Seifendrama der Telekratie, bei dem es um Macht, Geld und Sport geht und der Moderator das eigene Team beleidigt: Warum die größte italienische Fußball-Fernsehshow geplatzt ist.

          „Mit Hilfe des Heiligen Stuhls und der UN konnte sein Rücktritt in letzter Sekunde verhindert werden. Nun ist unsere Regierung gerettet.“

          Diese pathetischen Worte zweier Showmaster in Italiens Staatsfernsehen Rai meinten nicht Ministerpräsident Berlusconi, sie verhöhnten den mindestens so populären Moderator Paolo Bonolis, der nach langem Hickhack gerade in seiner neuen Sportsendung staatstragend erklärt hatte, einstweilen im Amt zu bleiben. Eine italienische Staatsaffäre konnte aus dieser Personalie nur werden, weil es sich um „Serie A“ handelt, die neu konzipierte Fußballshow im Privatsender „Canale 5“. Und ihr „calcio“ ist den Italienern nun einmal heilig.

          Für acht Millionen abgeworben

          Um erstmals die exklusiven Übertragungsrechte von Italiens höchster Fußballklasse zu erwerben, war Berlusconis Medienimperium „Mediaset“ nichts zu teuer erschienen. Um die langen zwei Stunden am frühen Sonntagabend unterhaltsam zu füllen, hatte Piersilvio Berlusconi - Sohn des Regierungschefs und dessen Fernsehgewaltiger - bei der Konkurrenz den allseits beliebten Showmaster Bonolis für ein geschätztes Jahressalär von acht Millionen Euro abgeworben. Mit Komikern, der blondierten Komoderatorin Monica Vanali und endlosen Werbepausen sollte das Produkt Fußball ökonomisch optimal ausgebeutet werden. Doch die Verlagerung des Sports ins allzu Seichte ging schief; die Einschaltquoten von „Serie A“ dümpelten bald um die zwanzig Prozent und blieben damit nicht nur weit hinter den Erwartungen, sondern sogar hinter den Zahlen der nüchternen Vorgängersendung in der Rai zurück.

          Bonolis, der mit Nickelbrille und dem Charme eines verschmitzten Schwiegersohns die Herzen des vorwiegend weiblichen Showpublikums erobert hatte, fühlte sich sichtlich unwohl in der ungewohnten Rolle des Sportmoderators. Als alle Welt mit der Demission rechnete, führte Bonolis am Sonntag einen verunglückten Befreiungsschlag. Gegen Ende seiner Live-Übertragung leitete er einen elfminütigen Sermon in eigener Sache mit dem Geständnis ein: „Das hier ist nicht mein Fach.“ Doch statt deshalb von sich aus abzutreten, konfrontierte er seine geschockten Mitarbeiter mit der Botschaft, man werde die Sendung in neuem Format und vor allem ab sofort an Bonolis' Wohnort Rom produzieren - Geheimakkord mit Piersilvio Berlusconi. Die bisherigen Schwierigkeiten schob der beichtende Moderator ungalant seinem eigenen Sportchef Ettore Rognoni in die Schuhe, der offenbar psychische Probleme mit sich selbst habe und allseits nur der „Schattenmann“ genannt werde.

          Pamphlete verlesen

          Die Reaktion der Kollegen, die der sensible Star nicht nur öffentlich beleidigt hatte, sondern en passant zum Umzug aus den seit zwanzig Jahren angestammten Studios ins ferne Rom nötigen wollte, ließ nicht auf sich warten. Noch am selben Abend wurden weitere Sportsendungen der Berlusconi-Kanäle unterbrochen, Pamphlete gegen Bonolis verlesen, Ultimaten gestellt: „Er oder wir.“ Was dem italienischen Sicherheitsfußball an Spannung und Spektakel oft abgeht, das bot plötzlich die Sportberichterstattung selbst - ein Seifendrama der Telekratie. Denn natürlich geht es hier um Macht und Geld.

          Bonolis wollte als teuerster Angestellter von „Mediaset“ offenbar nicht auf seine Millionen verzichten, um so lieber aber auf einen Arbeitsplatz in Mailand, der ihn von seiner Familie und seinen zahlreichen Werbeterminen in und um Rom fernhält. Was lag da näher, als in Feudalmanier die Subalternen herumzuscheuchen, während Bonolis selbst Distanzen standesgemäß mit einem Privatjet überbrückt? Auch für Berlusconi jr. geht es ums Prestige. Die Konzeption der Fußballshow war der erste selbständige Coup, mit dem der Stammhalter aus dem Schatten seines Vaters heraustreten wollte.

          Frohlocken bei der Rai

          Die Stellungnahmen aus der Sportredaktion von „Mediaset“ ließen dem Imperium indes keine Wahl. Wie sollte Bonolis noch mit erbosten Kollegen zusammenarbeiten, die ihm live „Camorramethoden“ unterstellten und ihn als „erpresserischen Kollaborateur“ beschimpften? „Zu viel Scheinwerferlicht ist eben nicht gut für den Kopf“, kommentierte der Sportmoderator Sandro Piccinini von einem anderen Berlusconi-Kanal trocken. Daß die Kollegen der Rai, die bisher mit leeren Händen dastanden, über die Revolte frohlocken, ist keine Überraschung. Bisher kann der Staatssender mit beachtlichem Erfolg und unter Leitung der populären Moderatorin Simona Ventura nur eine Fußballshow ohne Bilder, aber mit eingeblendeten Spielständen präsentieren.

          Gerade dieser Versuch, mit Standfotos und Kürzestausschnitten das Exklusivrecht Berlusconis zu unterlaufen, hatte vor Wochen zu einem Rechtsstreit der Fußball-Liga gegen die Rai geführt. Bezeichnend für die verfilzte Lage in Italien: Der Ligachef Adriano Galliani ist Direktor von Berlusconis Club AC Mailand und treuester Sportmanager des Ministerpräsidenten. Zynisch könnte man also sagen, daß sich der Medienmogul die Fernsehrechte am Fußball selbst verkauft hat. Und weil sie brave Angestellte des Rechteinhabers sind, verweigern seit dieser Woche die Spieler des AC Mailand Interviews und Auftritte in der Rai.

          „Serie A“, Berlusconis sportliches Flaggschiff, lief bei all diesen Querelen nun aber grandios auf Grund. Zwar mußten weder die UN noch der Papst in den Konflikt eingreifen, aber Vater Berlusconi sprach, um das Ansehen von „Mediaset“ nicht weiter zu schädigen, höchstselbst ein telefonisches Machtwort und versetzte Bonolis, der sich darob nur halbherzig gekränkt gab, in die Showabteilung, die eher „sein Fach“ ist. Übernächstes Wochenende, wenn die Serie A wieder spielt, wird die wenig bekannte Komoderatorin Vanali die langen Minuten zwischen den Werbepausen wohl im Alleingang füllen müssen.

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