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Felipe Scolari und der FC Chelsea : Wunschlos unglücklich

Den Job von Scolari macht die Finanzkrise sicher: Eine Trainerentlassung kostet Millionen Bild: AFP

Ein großer Irrtum: Felipe Scolari kommt beim FC Chelsea nicht voran. Doch die Finanzkrise macht den Job des Weltmeistertrainers sicher. Und so erlebt London noch nicht das Ende des Trainers, aber das Ende des Kuscheltrainers Scolari.

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          Neben Toren sind Emotionen die Währung des Fußballs; sind das, was das Publikum sehen will. Doch der Gefühlsausbruch von Luis Felipe Scolari am Mittwoch war eher irritierend. Ein Weltmeistertrainer, der einen Wiederholungsspiel-Pokalerfolg bei einem Drittligaklub mit einem Siegestänzchen feiert, wirkt entweder verwirrt. Oder er enthüllt, wie wenig er seinem Team noch zutraute.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nach der 0:3-Kapitulation des FC Chelsea bei Manchester United hatte Scolari die Partie in Southend als "Spiel des Jahres" bezeichnet. Es wurde, nach frühem Rückstand und frechen Gesängen der Zuschauer ("Morgen früh wirst du entlassen") eine Zitterpartie. Erst nach dem Ausgleich durch Michael Ballack kurz vor der Pause wendete Chelsea das Schlimmste ab und gewann 4:1.

          Steht Scolari in London auf der Kippe? Sein Auftreten verrät, dass er weiß: Er muss diesem Eindruck entgegenwirken. Und auch der verbreiteten Auffassung, die ein BBC-Reporter von einer "gutplazierten Quelle" im Klub bestätigt fand: "Scolari hat zugelassen, dass die Spieler das Sagen haben. Er muss zeigen, dass er das Team führt, nicht die Spieler." So glaubten Beobachter in dieser Woche "einen neuen Scolari" zu erleben. Erstmals trat der Trainer nicht väterlich-mild, sondern mit demonstrativer "Ich bin der Boss"-Tonlage auf. Einige Spieler hätten zuletzt "nur 35 bis 40 Prozent ihres Potentials" gezeigt, polterte er. Und forderte sie auf: "Ich will Antworten."

          Aus dem Murren der Spieler ist längst ein Klagen geworden - über das zu schlaffe, abwechslungslose Training

          Das Ende des Kuscheltrainers Scolari

          So erlebt Chelsea noch nicht das Ende des Trainers Scolari, aber das Ende des Kuscheltrainers Scolari. Erstes Opfer: der formlose Stürmer Didier Drogba. "Wenn ich einem vier oder fünf Chancen gegeben habe, gibt es keinen Raum mehr für Fragen", sagte Scolari und setzte den früheren Torjäger im Pokal nicht mal auf die Bank. Gestern drehte das Team in der Liga einen Rückstand gegen Stoke City erst in der Schlussphase zum 2:1.

          Die Probleme liegen tiefer. Aus dem Murren der Spieler ist längst ein Klagen geworden - über das zu schlaffe, abwechslungslose Training ("mal elf gegen elf quer über den Platz, mal längs"). Und über die Folgen: der Mangel an physischer und mentaler Frische, an Biss im Match. Als Nationaltrainer von Brasilien und Portugal bekam Scolari Spieler stets in bester Verfassung. Er konnte sich auf Taktik und Abstimmung konzentrieren. Nun, da er nach Rückkehr in den Klubfußball auch für Fitness und Frische der Profis verantwortlich ist, zeigt er dabei Defizite.

          Auch die tägliche Belastung und der wöchentliche Wettkampf-Stress zehren nach acht Jahren vergleichsweise gemütlicher Nationaltrainer-Tätigkeit erkennbar an der Spannkraft des 61-Jährigen. War es ein Irrtum, ins hektische Tagesgeschäft zurückzukehren? Die Statistik zeigt, dass noch kein Weltmeistertrainer später nachhaltigen Erfolg als Klubtrainer erzielte. Auch viel jüngere von den erfolgreichen Nationalmannschaftstrainern wie Menotti oder Beckenbauer schafften das nicht.

          Tag der offenen Tür

          Das passende Bild zur Situation bei Chelsea bot der Feueralarm, der das Team am Sonntag früh um sieben Uhr vor dem Spiel in Manchester aus dem Bett gescheucht hatte. Alarm macht inzwischen jeder Eckball oder tornahe Freistoß des Gegners - jene "Standards", bei denen der Chelsea-Strafraum unter dem Sicherheitsperfektionisten José Mourinho nahezu versiegelt war. Unter Scolari ist Tag der offenen Tür. Er sieht in dieser Schwäche "das einzige wirkliche Problem". Gegen Bordeaux (zum 1:1), Arsenal (zum 1:2), Fulham (zum 2:2 in der 90. Minute) und in beiden Pokalspielen gegen South-end kassierte Chelsea in den letzten Wochen Standard-Tore. In Manchester waren es sogar zwei. Als Reaktion verkündet Scolari, die Zonenverteidigung, die er von Beginn an bei Standards einführen wollte und dann zugunsten der von den Spielern gewünschten Manndeckung fallenließ, nun doch durchzuboxen.

          Der Kader ist alt, eine Auffrischung nötig, und so forderte Scolari große Verstärkungen, die aber im Zuge der Finanzkrise immer mehr schrumpften, bis er kurz vor Weihnachten "nur noch einen Stürmer" wollte. Einen Ballkünstler wie Robinho, den Chelsea im Sommer schon sicher glaubte, ehe Manchester City mit den Millionen aus Abu Dhabi kam. Inzwischen ist Scolari wunschlos unglücklich, er sagt: "Ich will keine neuen Spieler. Ich habe gute Spieler, mit ihnen werden wir es schaffen oder nicht. Ende."

          Überhaupt hat der Grundton des charmant-ruppigen Brasilianers einen schlitzohrigen, leise sarkastischen Witz angenommen. Der Job bei Chelsea sei wie jeder andere, "außer dem Wetter". Er möge Chelsea, die Leute, "sogar die Presse", aber wäre er in Kuweit oder Brasilien, "wäre es genauso". "Ob ich meinen Job verliere oder nicht, ich werde derselbe sein." Und wenn er ihn verliere, "dann werde ich einen neuen finden". Das wird wohl nicht nötig sein. Klubeigner Roman Abramowitsch hat laut russischen Quellen 2008 fast 18 Milliarden Euro verloren. Nun wird bei Chelsea jeder Penny gespart - und eine Trainerentlassung kostet Millionen. Die Finanzkrise lässt viele Menschen um ihren Job zittern. Den Job von Scolari macht die Krise sicher.

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