https://www.faz.net/-gtl-9kmop

FC St. Pauli : Tore und Werte

  • -Aktualisiert am

Zusammenhalt: Die Junioren des FC St. Pauli hoffen, dass die Profis um Alex Meier (M.) möglichst oft treffen Bild: dpa

Der etwas andere Weg: Im Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli soll es für die kommenden Jungprofis um mehr als Fußball gehen. Im Derby gegen den HSV geht es dennoch um den Sieg.

          Manche Wochenenden haben teure Folgen für Roger Stilz und sein Team. Wenn alle Leistungsmannschaften des FC St. Pauli gewinnen, lädt die Leitung des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) die Trainer zum Essen in St. Pauli ein. Am letzten Februarwochenende war es wieder so weit: Von der U 15 bis zur U 23 siegten die Jugendteams. „Dabei geht es nicht primär um die drei Punkte der einzelnen Mannschaften, sondern um den Zusammenhalt im NLZ-Team. Ich will, dass sich die Mitarbeiter füreinander interessieren“, sagt Stilz.

          Prunkstück ist die A-Jugend. Die Mannschaft um Nationalspieler Finn-Ole Becker jagt Tabellenführer VfL Wolfsburg. Emotionaler Höhepunkt war das 2:1 gegen den Hamburger SV am 2. Februar – der Siegtreffer fiel in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Ein Ergebnis, das die Profis beim „großen“ Derby am Sonntag ab 13.30 Uhr (Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Bundesliga) am Millerntor jubeln ließe: Der FC wäre in der zweiten Bundesliga dann bis auf einen Punkt an den HSV herangerückt.

          Dass es für die Braunweißen so gut läuft, liegt auch am frischen Wind, den der Nachwuchs verbreitet. Es ist noch ein langer Weg der A-Junioren zur Meisterschaft in der Staffel Nord/Nordost. Dass sich St. Pauli aber überhaupt für die Endrunde qualifizieren könnte, ist eine große Überraschung im Wettkampf mit Wolfsburg und Leipzig, Bremen und Hertha. Roger Stilz, 41, ist seit zweieinhalb Jahren Leiter des NLZ. Der gebürtige Schweizer war dort Profi in der zweithöchsten Liga, ist ausgebildeter Grundschullehrer und Literaturwissenschaftler.

          Er hat sich im deutschen Fußball positioniert, spielte hier in der vierten Liga, war Assistent von Torsten Fink, Bert van Marwijk und Mirko Slomka beim HSV, war mit Valërien Ismaël in Nürnberg und hat anschließend seinen Fußball-Lehrer gemacht. Stilz vereint Wettkampfhärte mit einem menschlichen Blick auf den Fußball und seine Protagonisten – beim FC St. Pauli soll niemand verheizt werden. „Ich kann Vergleiche anstellen, wie es bei anderen Vereinen war und ist“, sagt Stilz, „das hilft. Wir sind hier nicht besser als andere. Aber wir setzen andere Schwerpunkte. Wir arbeiten absolut professionell im Jugendbereich. In einer warmen Atmosphäre. Professionell und warm muss sich nicht ausschließen. Man darf mit den Träumen der Jugendlichen nicht leichtfertig umgehen.“ In den Bewerbungsgesprächen um die Aufnahme ins NLZ sitzen die Eltern dabei. Stilz preist die Lebenswelt der Jugendlichen und ihrer Familien mit ein. Er sagt: „Trainer brauchen pädagogisches Geschick. Die tiefe Auseinandersetzung mit der Lebenswelt des Jugendlichen ist elementar geworden. Und bei allem Ernst: Oft hilft Humor weiter.“

          Wenn Eltern oder Berater bei ihm pokern, haben sie keine Chance. Mit Leipzig oder Wolfsburg kann St. Pauli nicht mithalten. Aber anderes bieten: „Viele Vereine sagen, dass sie sich sehr individuell kümmern. Wir tun es wirklich. Es ist wichtig, dass wir keine Versprechen geben, die wir nicht halten können. Die Eltern werden überrollt vom Fußball als Geschäft. Da hilft es, wenn wir genau einordnen, wie die nächsten Schritte des Kindes aussehen können. Wir punkten über lange Betreuung.“ Dreimal im Jahr gibt es Feedback-Gespräche mit den Spielern. Die schulische Ausbildung wird von einer festangestellten Pädagogin koordiniert. Das Mentoren-Programm „Joblinge“ unterstützt die Spieler beim Aufbau eines zweiten Standbeins.

          „Der etwas andere Verein“

          St. Pauli wird von der Konkurrenz oft vorgehalten, als „der etwas andere Verein“ bewusst mit der Karte moralische Überlegenheit aufzutrumpfen: Antirassismus, Antisexismus, Antifaschismus – welcher deutsche Klub kann das so ganzheitlich gedacht und gelebt vorweisen? Stilz findet, dass sich Profifußball und politische Haltung nicht ausschließen. Wer im Nachwuchsinternat aufgenommen wird, das hier Jugendtalentehaus heißt und acht Spielern Platz bietet, hat einen dreitägigen Kurs in Antifaschismus absolviert. Stadtteilrundgänge in St. Pauli mit Blick auf Vertreibung und Migration gehören dazu. Auch afghanische Geflüchtete sind schon auf Nachwuchsspieler des FC getroffen. „Das ist nicht nur blanke Pädagogik, sondern Wertevermittlung“, sagt Stilz.

          Natürlich werden Stilz und sein Team daran gemessen, wer es nach oben schafft. Die Quote ist gerade gut; Carstens, Brodersen und Zehir spielen bei den Profis, Talent Becker reiste mit ins Wintertrainingslager. Stilz hätte gern noch mehr Talente im Kader der Profis. Aber er versteht Trainer Markus Kauczinski und Sportchef Uwe Stöver. Sie brauchen erfahrene Kräfte, um St. Pauli im Aufstiegsrennen zu halten. Dass Stöver in den vergangenen Tagen die Verträge mit fünf Stammspielern verlängerte, macht die Sache für den Nachwuchs nicht leichter. Stilz sagt trotzdem: „Ich habe einen regelmäßigen Austausch in die Lizenzspielerabteilung. Der Trainer will wissen, wer demnächst hochkommt. Ich finde Gehör, und der Austausch ist offen, gerade auch zu Uwe Stöver.“

          Auch das ist der FC St. Pauli:  Blinde und Sehbehinderte spielen Fußball

          Zur Entwicklung gehört auch, freie Flächen hinter dem NLZ im Norden der Stadt für weitere Plätze und Funktionsgebäude zu nutzen. Stilz will das anstoßen, wie er auch zugibt, dass die Konstruktion mit zwei Zentren nachteilig ist: hier der Nachwuchs und die Trainingsplätze, am Millerntor die Verwaltung und das Stadion. Lange Wege. Stilz will kurze. Tatsächlich hat der FC nicht nur das siebte Jahr nacheinander Gewinn erwirtschaftet, sondern eine Führungsstruktur, die sich schätzt und am selben Strang zieht. Präsident Oke Göttlich, dessen Vize Joachim Pawlik, die Chef-Kontrolleurin Sandra Schwedler und Geschäftsführer Andreas Rettig: Sie sind davon überzeugt, dass der Weg der richtige ist, den der St.-Pauli-Nachwuchs seit Sommer 2016 eingeschlagen hat.

          Nicht jedes Loch im Kader kann über den Nachwuchs gelöst werden. Als Alex Meier greifbar war, der 36 Jahre alte Stürmer aus Frankfurt, griff Stöver zu. Meier hat in sechs Spielen fünfmal getroffen. Gerade haben die Gespräche über eine Vertragsverlängerung begonnen. Der Platz fürs nächste Talent ist erst einmal blockiert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Lieber Klimakrise als Flüchtlingskrise lautet das Motto

          Union und SPD fehlte bei der Europawahl die Kraft zur harten Auseinandersetzung. Bei Anne Will machen Armin Laschet und Sigmar Gabriel die Hilflosigkeit ihrer Parteien sichtbar. Insgesamt ähnelt Deutschland in einem Punkt dem restlichen EU-Europa.
          Unser Sprinter-Autor: Martin Benninghoff

          FAZ.NET-Sprinter : Grüne auf der Main-Stage

          Nach ihrem Wahlerfolg auf europäischer Bühne stimmen die Grünen Siegesgesänge an. Bei der SPD stellt sich nach dem nächsten Debakel die Frontfrau-Frage. Was heute sonst noch wichtig ist, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.