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FC Southampton : Der SC Freiburg der Premier League

Erfolgsgemeinschaft: Southampton überrascht in der Premier League Bild: AP

Wie ein Erdbeben: In der englischen Premier League misst sich der FC Southampton vor dem Spiel gegen Manchester City (14.30 Uhr) mittlerweile mit den ganz Großen. Grund dafür sind sechs Richtige in der Transfer-Lotterie - und eine junge Schweizerin.

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          Von Southampton aus ging die „Titanic“ auf ihre Fahrt zum Meeresgrund. 102 Jahre später fürchteten die lokalen Fußballfans im vergangenen Sommer, dass ihrem Team Ähnliches blühe. Es stand ohne Trainer und fünf seiner besten Spieler da. Und der Klub machte vorerst keine Anstalten, die dabei eingenommenen 120 Millionen Euro in neue Spieler zu stecken. Da der FC Southampton wie viele Klubs der Premier League Spielball ausländischen Geldes ist, lag der Verdacht nah: Will sich dort eine Heuschrecke den Bauch vollschlagen?

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nur wenige Monate später ist die Welt an der südenglischen Küste eine andere - eitel Sonnenschein. Der kleine Klub steht auf Platz zwei der teuersten Liga der Welt. Eine völlig neue Rolle für die „Saints“, die Heiligen, die so etwas wie der SC Freiburg der Insel sind: als „Familienklub“ und „Ausbildungsverein“ beliebt bei Fans und Konkurrenz - die sich auf Suche nach Jungprofis gern dort bedient. Spieler wie Gareth Bale, Theo Walcott oder Alex Oxlade-Chamberlain kamen aus der Jugendakademie von Southampton, ein steter Ausstoß und zugleich Aderlass an Talent, der den Klub sportlich und finanziell so eben über Wasser hielt. Anders als die Titanic.

          Erlös für Eigengewächse

          Nun schwimmt man ganz oben. Der Grund sind sechs Richtige in der Transfer-Lotterie. Das Geld, das für die Eigengewächse Luke Shaw, Adam Lallana und Calum Chambers sowie für Rickie Lambert und Dejan Lovren erlöst wurde, warf man nicht so schnell und wirkungslos aus dem Fenster wie Tottenham vor einem Jahr die hundert Millionen von Real Madrid für Bale. Man wartete bis Ende der Transferperiode, schlug dann günstig zu - und hat noch 50 Millionen Euro übrig.

          Torwart Forster Fraser (von Celtic Glasgow gekommen) hat nur sechs Gegentore in zwölf Spielen kassiert, Bestwert der Liga. Dusan Tadic (FC Twente) wird mit sieben Torvorlagen nur von Chelsea-Star Cesc Fabregas übertroffen. Graziano Pellé, vom neuen Trainer Ronald Koeman aus Rotterdam mitgebracht, erwies sich als neuer Luca Toni: ein 1,93 Meter großer Spätzünder mit einer Eiseskälte im Abschluss, die man nicht lernen kann - bisher sechs Treffer. Auch Außenverteidiger Toby Alderweireld, von Atlético Madrid ausgeliehen, und Stürmer Shane Long (Hull City) überzeugten auf Anhieb. Und besonders bei Sadio Mané lohnte sich der geduldige Poker. Nachdem der Senegalese, weil ihn Red Bull Salzburg nicht ziehen lassen wollte, das Training boykottierte, intern gesperrt wurde und Salzburg ohne ihn in der Champions-League-Qualifikation scheiterte, durfte der Linksaußen doch nach England wechseln.

          Vater des Erfolgs: Trainer Ronald Koeman

          „Wir haben Glück gehabt, dass es bei allen sofort klick gemacht hat“, sagt Trainer Koeman. Dazu schaffte es der Niederländer, Mittelfeld-Star Morgan Schneiderlin, der Koemans Vorgänger Mauricio Pochettino nach Tottenham folgen wollte, zum Bleiben zu bewegen. Heute ist der Franzose froh und sagt: „Wenn wir tatsächlich um die Champions League spielen, wäre das für die Premier League wie ein Erdbeben.“ Ob die Liga wackelt, könnte sich in den nächsten neun Tagen zeigen. Bisher liegt von den Großklubs, die die Champions-League-Plätze seit mehr als zehn Jahren monopolisieren, nur Chelsea vor den „Saints“. Doch Southampton trifft Sonntag auf Meister Manchester City (zwei Punkte zurück), Mittwoch auf Arsenal (neun zurück) und am Montag darauf auf Manchester United (sieben zurück).

          Koeman mahnt zur Geduld: „Wir sind noch kein großer Klub. Aber wir wollen gerne ein großer werden.“ Und das bisher ohne die milden Gaben eines reichen Besitzers. Hinter Southampton steht nicht die üblich eitle Scheich- oder Oligarchen-Spendierlaune, sondern diskreter Schweizer Geschäftssinn. Als der Verein 2009 in der dritten Liga vor der Insolvenz stand, kaufte und rettete ihn der Unternehmer Markus Liebherr, dessen aus dem Allgäu stammender Vater Hans mit Kränen, Baumaschinen und Kühlschränken ein Familien-Imperium aufgebaut hatte. Nach dem Tod von Markus Liebherr erbte Tochter Katharina den FC Southampton - und begann 2013, dort selbst in das Geschäft einzugreifen.

          Die 36 Jahre alte, öffentlichkeitsscheue Schweizer Milliardärin hatte Mut zu unpopulären Maßnahmen. Der italienische Geschäftsführer Nicola Cortese musste den rote Zahlen erwirtschaftenden Klub verlassen. Sie machte einen Nicht-Fußballfachmann, den Deutsch-Kanadier Ralph Krueger, ehemals Trainer des Schweizer Eishockey-Nationalteams und des NHL-Klubs Edmonton Oilers, zu seinem Nachfolger.

          Auf die Befürchtungen, dass sie Geld herausziehen wolle, indem sie Spieler oder gar den ganzen Verein verkaufe, antwortete Katharina Liebherr mit einem offenen Brief, der die Fans beschwichtigte. Sollten noch Zweifel übrig sein, dass die „Phantom Lady“ („Daily Mail“) nur das Beste für die „Heiligen“ will - der Blick auf die Tabelle könnte sie zerstreuen.

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