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Jürgen Klopp : Warum die Bundesliga Jürgen Klopp vermisst

Rot ist seine neue Liebe: Jürgen Klopp ist jetzt beim FC Liverpool. Bild: Reuters

An diesem Montag leitet Jürgen Klopp sein erstes Training in Liverpool. Dann wird es schnell vorbei sein mit der Charme-Offensive. Und die Bundesliga wird bald merken, warum Klopp ihr fehlt.

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          Die deutsche Unterhaltungsbranche ist nicht als Exportschlager bekannt. Schon gar nicht dort, wo die globale Popkultur in den Sechzigern begann; unter anderem mit ein paar Pilzköpfen aus einer grauen Hafenstadt namens Liverpool. Ein halbes Jahrhundert später erobert ein deutscher Popstar endlich die Insel. Er konnte sich dafür keinen besseren Ort aussuchen als Liverpool, die Stadt der Beatles. Und zugleich die Stadt der „Reds“. Sie stehen schon lange nicht mehr an der Spitze der Charts, sind aber immer noch der leidenschaftlichste Fußballklub in England.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Jürgen Klopp war noch gar nicht richtig da und schon der große Liebling. Sind schon mal einem Deutschen, der auf die Insel kam, die Herzen so zugeflogen wie ihm? Jürgen Klinsmann jedenfalls nicht, als er 1994 nach Tottenham kam und als „Diver“, als Schwalbenkönig, beschimpft wurde; schon gar nicht, als 2007 der damalige Besitzer des FC Liverpool, der bei den Fans verhasste Amerikaner Tom Hicks, hinter dem Rücken des beliebten Trainers Rafael Benítez mit ihm verhandelte. Als die Sache rauskam, leugnete Hicks und behauptete, er habe „erst mal im Internet nachgucken müssen, wer Klinsmann ist“.

          Ja, wohl nicht mal Boris Becker, damals mit 17, bekam solch vorauseilende Verehrung, wie sie nun Klopp überall erfährt, selbst in den sonst kritischsten Zeitungen. Becker musste dafür erst Wimbledon gewinnen. Klopp reichte eine Pressekonferenz.

          „Die größte Herausforderung im Fußball“

          „The Normal One“ wurde in den Schlagzeilen der Zeitungen und in den Social Media der Renner des Tages. Dieses Etikett könnte ein bleibendes für Klopp werden. José Mourinho, der wichtigste Trainerimport der Premier League im vergangenen Jahrzehnt, stellte sich beim ersten Auftritt bei Chelsea 2004 als „The Special One“ dar, der Besondere. Klopp bezieht, in kluger Bescheidenheit, die Gegenposition.

          So sprach er, in Jeans und Sakko bei der Pressekonferenz, über das „Besondere“ von Mainz 05 und Borussia Dortmund und den „Reds“ als logischer Fortsetzung. Und, im noch ungewohnten roten Shirt mit indonesischer Fluglinie darauf, im TV-Interview von Liverpool als der „größten Herausforderung im Fußball“, ja gar vom „interessantesten Job im Weltfußball“. Die Botschaft: Ich bin klein, ich bin normal. Das Große, das Besondere ist der Verein.

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          Liverpool ist wirklich etwas Besonderes. Man muss sich als neuer Spieler oder Trainer bei den „Reds“, anders als bei vielen austauschbaren anderen Klubs, nicht verbiegen, um sich als Verehrer gerade dieses Vereins darzustellen – und nicht nur der Millionen, die er auf den Tisch legt. Schon der Sound von Anfield ist unvergleichlich.

          Dieses Klanggewitter vom „Kop“, der berühmten Tribüne in diesem unfassbar lauten Stadion. Oder der Gesang, den Klopp zwar von der Dortmunder Südtribüne kennt, „You’ll never walk alone“, von Zehntausenden Kehlen zum immer wiederkehrenden Gänsehautmoment veredelt. Aber so wie hier, in Anfield, hat er es noch nie gehört, es ist das Original.

          „Es war mein erstes Mal in Anfield“

          Der frühere Liverpool-Spieler Michael Robinson nannte Anfield den Ort, „der einer Kathedrale am ähnlichsten ist“. Wenn Klopp, der an diesem Montag sein erstes Training leitet, bei seinem ersten Heimspiel, übernächsten Donnerstag in der Europa League gegen Rubin Kasan, durch den engen Treppengang hinab ins Freie, auf den Rasen treten wird, unter dem Schild „This is Anfield“ hindurch, das die Spieler im Vorbeigehen zur inneren Stärkung berühren, wird er sie erstmals wirklich betreten, die Kathedrale Anfield. Und eintauchen in den legendären „Roar“, den infernalischen Sound von Liverpool.

          Die „Reds“ spürten früh, dass Klopp zu ihnen passen könnte. Schon 2010 und 2012 fragte man bei ihm an. Aber erst im vorletzten Sommer kam er zum ersten Mal nach Liverpool, bei einem Testspiel mit Borussia Dortmund. „Es war mein erstes Mal in Anfield, und ich dachte darüber nach, wie es dort sein würde“, sagte er am vergangenen Freitag. „Nun bin ich hier. Ich hatte es immer im Kopf, einmal in England zu arbeiten, wegen der Art des Fußballs. Und Liverpool war erste Wahl.“

          Sound des Fußballs: Das Klanggewitter vom „Kop“ lässt die Herzen aller Fans erzittern.
          Sound des Fußballs: Das Klanggewitter vom „Kop“ lässt die Herzen aller Fans erzittern. : Bild: dpa

          Sein erster Auftritt als Trainer der „Reds“ reichte, um in den Fan-Foren die reinste Glückseligkeit auszulösen. Das erste kleine Kunststück der Anfield-Ära Klopp. Ob es eine wird? Im Vorgriff auf das Jahr 2019, wenn der Dreijahresvertrag inklusive Verlängerungsoption auslaufen wird, versprach Klopp: „Wenn wir dann wieder hier sitzen, haben wir einen Meistertitel gewonnen.“ Sie warten seit einem Vierteljahrhundert darauf - so lang wie noch nie seit der Vereinsgründung 1892.

          Die sportliche Situation sei nicht das „Desaster“, als das es dargestellt werde, betonte Klopp. Sein neues Team steht auf Platz zehn der Premier League, hat aber nur sechs Punkte Rückstand auf Tabellenführer Manchester City. Sechs Punkte Rückstand hätten derzeit 17 von 18 Klubs der Bundesliga gern. Es ist weniger, als Klopps alter Klub als Tabellenzweiter auf die Bayern hat. Doch die „Reds“, einst für Angriffswucht berühmt, trafen in zwölf Saisonspielen nur ein einziges Mal öfter als ein Mal ins Tor, beim 3:2 gegen den Drittletzten Aston Villa - das einzige Spiel, das sie seit Mitte August in Liga oder Europa League gewonnen haben.

          Liverpools Millionen wurden verplempert

          Seit 2014, als Liverpool dem Titel, zwei Punkte hinter Manchester City, so nahe kam wie seit der letzten Meisterschaft 1990 nicht, sind Torjäger Luis Suárez und Dribbelkünstler Raheem Sterling gegangen. Im aktuellen Kader fehlen seitdem herausragende Könner und auch Anführer, wie es die Eigengewächse Steven Gerrard und Jamie Carragher unter Trainer Benítez waren – in der „spanischen“ Anfield-Ära, die mit dem Champions-League-Sieg 2005, aber nicht mit der Meisterschaft gekrönt wurde.

          Das „Transfer-Komitee“, das der amerikanische Milliardär John W. Henry einführte, als er den FC Liverpool mit der Fenway Sports Group 2010 übernahm, hat, bei 31 Einkäufen für fast 400 Millionen Euro, eine schwache Bilanz, vor allem in den vergangenen zwei Jahren.

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          Für Suárez und Sterling bekam man fast 150 Millionen Euro und verplemperte sie für Spieler wie den inzwischen an den AC Mailand zurückverliehenen „Torjäger“ Mario Balotelli, der in 16 Ligaspielen einen Treffer schoss - aus einem Meter ins leere Tor. Dennoch erklärt Klopp, es sei für ihn „keine zehn Sekunden“ ein Problem gewesen, sich der Rolle dieses Gremiums zu fügen. Er sieht es so, dass er in Sachen Kaderplanung „das erste und das letzte Wort“ haben werde. „Dazwischen können wir diskutieren.“

          Die nächsten Transfers jedenfalls müssen passen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Liverpool in Sachen Merchandising, Sponsoring und globaler Vermarktung den Anschluss an Klubs wie Chelsea und Manchester United verloren, es aber durch gute Einkäufe ausgleichen können. Inzwischen ist der Klub profitabel geworden, lag dafür beim Spielerkauf oft falsch. Klopp soll es richten, er, der große Experte für Klubs, die einen Turnaround brauchen: taktisch und tabellarisch.

          Nicht alle Wünsche erfüllen sich für Klopp

          Dabei gilt er unter den Trainern wie sonst vielleicht nur Pep Guardiola als Attraktion – als einer, der große Spieler anlockt, die für ihn spielen, ihn hautnah erleben wollen. Doch bis Neue geholt werden können, muss Klopp zeigen, was er aus dem aktuellen Kader herauszuholen vermag. Anders als Mourinho 2004 kann Klopp sich das Team nicht nach seinen Wünschen zusammenstellen. Er hat keine sechswöchige Saisonvorbereitung und muss noch bis Mittwoch warten, bis er seine von Nationalteams heimkehrenden Spieler überhaupt kennenlernen kann. Schon drei Tage später muss er, für das Spiel bei Tottenham Hotspur, „ein Team gefunden haben“.

          Dass Klopp auch ganz anders kann als bei seiner Charme-Offensive für Fans und Medien, werden die Profis rasch lernen. Die Gemütlichkeit hat Grenzen. Das verriet schon der mit gefährlichem Lächeln vorgetragene Satz: „Jeder, der das will, was ich will, kann mein Freund sein. Und es ist nicht schlecht, mein Freund zu sein.“ So gelang Klopp gleich zu Beginn beides, was wichtig war. Im Zeitalter des großen Fußball-Monopolys, der Fifa-Korruption, der eitlen Selbstvermarktung von Spielern und Trainern, in einer Welt, in der sich dieses wunderbar simple Spiel von seinen Wurzeln als kindliches Stück Glück immer weiter zu entfernen scheint, gerade in England, erschien er als jemand, der die Engländer an das Gute im Fußball glauben lässt.

          Lange stand Klopp in Mainz und Dortmund für aufmüpfigen Power-Fußball.
          Lange stand Klopp in Mainz und Dortmund für aufmüpfigen Power-Fußball. : Bild: dpa

          Und zweitens schien hinter all der virtuosen Fußball-Romantik auch der gnadenlose Pragmatiker des Spiels durch, als den man ihn in Deutschland kennengelernt hat. „Wenn die anderen besser sind, musst du sie auf dein Level bringen“, sagte er. „Und auf deinem Level kannst du jeden schlagen.“ Klopp, der Anti-Tuchel. Es ist eine Einstellung, die ohne ihn in der Bundesliga zu fehlen beginnt.

          Niemand, nicht mal mehr seine alte Borussia, traut sich noch, es überhaupt zu versuchen: die Bayern auf sein Niveau herunterzuziehen. Nachfolger Thomas Tuchel zeigte sich vor und nach dem 1:5 in München, als die Dortmunder so chancenlos waren wie niemals unter Klopp, als glühender Bewunderer, ja geradezu als Jünger dessen, was die Bayern und Pep Guardiola tun. Klopp denkt, spricht, handelt anders: Fußball ist nicht das Bewundern, sondern das Bearbeiten des Gegners. Man wird ihn bald vermissen.

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