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Liverpool gewinnt Supercup : „Das war eine verrückte Woche“

Neue Silberware für den Trophäenschrank: Liverpool gewinnt den Uefa-Supercup. Bild: dpa

Jürgen Klopp und sein Team holen den europäischen Supercup. Der Trainer ist begeistert und lobt vor allem zwei Akteure überschwänglich. Verlierer Chelsea sorgt immerhin für eine lustige Kuriosität.

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          Es war spät geworden in Istanbul. Um eine Minute vor ein Uhr Ortszeit in der Nacht zu Donnerstag stemmte Jordan Henderson die zwölf Kilogramm schwere Trophäe für den europäischen Fußball-Supercup in den dunklen Himmel über dem Stadion von Beşiktaş Istanbul. Sieger FC Liverpool und der FC Chelsea hatten das Duell um den ersten kontinentalen Titel dieser gerade erst anlaufenden Saison bis zum Letzten ausgereizt. Erst im Elfmeterschießen setzte sich die Elf von Trainer Jürgen Klopp durch, weil der junge Tammy Abraham bei seinem Versuch entscheidend scheiterte, nachdem zuvor alle Schützen getroffen hatten.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Wer geglaubt hatte, das englische Duell in der Türkei sei lediglich eine nette Saison-Ouvertüre für die wirklich wichtigen Spiele, sah sich getäuscht. Als Torwart Adrián den entscheidenden Elfmeter mit dem rechten Bein abwehrte, gab es bei Klopp kein Halten mehr. Er riss sich an der Seitenlinie los und sprintete Richtung Jubeltraube um den Schlussmann, der vielen bis vor wenigen Tagen kein Begriff war. Der 32 Jahre alte Spanier hatte in sieben Jahren bei Betis Sevilla lediglich 32 Partien gemacht, danach in sechs Saisons immerhin 132 für West Ham United in England. Im Sommer war sein Vertrag ausgelaufen. Und Adrián stand erstmal ohne Klub da.

          Dann holte ihn, nach dem Abgang von Simon Mignolet, der FC Liverpool als Rückhalt für Alisson Becker an die Anfield Road. Erst vor neun Tagen unterschrieb er den Vertrag. Ein routinierter Mann, der keine Ansprüche stellt, die Liga aber kennt und im Fall der Fälle auf qualitativ gutem Niveau aushelfen kann – das war die Stellenbeschreibung der „Reds“. Und der Notfall kam schneller als erwartet. Stammkraft Allison Becker zog sich im ersten Premier-League-Spiel am vergangenen Freitag eine Verletzung an der Wade zu und fällt vorerst aus. Adrián übernahm schon gegen Norwich City seinen Posten, war beim 4:1 aber kaum gefordert.

          Das änderte sich in Istanbul, wo er schon in der regulären Spielzeit stark agierte. „Das war eine verrückte Woche“, sagte Adrián beim TV-Sender BT Sports. „Ich bin sehr glücklich. Es war ein langes Spiel mit einem großartigen Ende für uns.“ Sein Trainer war ob der Leistung des unerwarteten Matchwinners voll des Lobes. „Seine Leistung über 120 Minuten war unglaublich“, sagte der Coach nach seinem 50-Meter-Sprint und der Feier auf dem Rasen. „Und der gehaltene Strafstoß war das Sahnehäubchen.“ Klopp betonte auch die Wertigkeit Adriáns abseits des Platzes. „Er ist auch in der Kabine großartig. In der Halbzeit war er vielleicht lauter als ich.“

          Olivier Giroud (36. Minute) hatte Chelsea nach Vorarbeit des früheren Dortmunders Christian Pulisic in Führung gebracht. In der zweiten Halbzeit glich Sadio Mané prompt aus (48.) und drehte in der Verlängerung (95.) die Partie. Chelsea kam durch einen umstrittenen Elfmeter von Jorginho (101.) zum Ausgleich. Im Elfmeterschießen landete nur der finale Schuss vom eingewechselten Abraham nicht im Netz. Die Chelsea-Spieler, die sich durch den Titel in der Europa League qualifiziert hatten, trösteten indes den 21 Jahre alten Stürmer, während Liverpool jubelte wie im Juni nach dem Sieg in der Champions League.

          Torwart Adrián wurde unerwartet zum Matchwinner: „Das war eine verrückte Woche“ Bilderstrecke

          Istanbul ist ganz offensichtlich ein guter Ort für dramatisch errungene Titel für Liverpool. Unvergessen ist der Sieg in der Königsklasse 2005 gegen den AC Mailand, als die Italiener schon mit 3:0 führten, die Engländer aber innerhalb von sechs Minuten ausglichen und letztlich das spektakulärste Endspiel um die Champions League im Shootout für sich entschieden. Ein wenig Drama gab es auch in der Nacht zum Donnerstag. Spätestens, als der gesamte Tross in Rot vor den Fans stand und die Klubhymne „You’ll never walk alone“ sang, war klar, dass der Supercup inzwischen für die Teams alles andere als eine lästige Pflichtnummer ist.

          Für Klopp war es das 800. Pflichtspiel als Trainer – und der 410. Sieg. Nach sechs verlorenen Finals gewann er nun binnen zweieinhalb Monaten das zweite. Im englischen Supercup, dem Community Shield, setzte es zuletzt noch eine Niederlage gegen Manchester City – auch im Elfmeterschießen. „Wir freuen uns unglaublich, die Trophäe mit nach Hause nehmen zu dürfen“, sagte Kapitän Jordan Henderson. „Es war hart.“ Mit dem Rückenwind des Triumphs möchte Liverpool in diesem Jahr erstmals seit 1990 die englische Meisterschaft gewinnen. Es dürfte auch in dieser Spielzeit wieder auf ein Dauerduell mit Pep Guardiola und Manchester City, das das erste Meisterschaftsspiel gar 5:0 gewann, hinauslaufen.

          Chelsea verlor zum Auftakt in England mit 0:4 bei Manchester United. Es war der Gau für den neuen Trainer Frank Lampard, der zwar eine Klubikone ist, als Trainer aber nur wenig Erfahrung hat. Für Chelsea dürfte es wohl nur darum gehen, sich für die Champions League zu qualifizieren; damit wäre schon sehr viel gewonnen. Immerhin hatten die „Blues“ beim Supercup die Lacher auf ihrer Seite. Der Brasilianer Jorginho lief mit einem Trikot auf, auf dem sein Name falsch gedruckt war. „Jorghino“ stand auf dem Rücken, das „h“ war ein wenig verrutscht. Schnell fragten sich die Fans im Internet während der Partie, wer denn dieser bisher unbekannte Spieler sei beim Verein, der wegen der Transfersperre eigentlich auf dem Basar des Fußballs gar nicht tätig werden durfte.

          Einen Namen machte sich auch Stéphanie Frappart. Die Französin pfiff als erste Frau ein wichtiges Spiel von Männern im europäischen Fußball. Und sie machte ihre Sache sehr gut. Einzig der Elfmeter, der zum 2:2 führte, war umstritten. Doch der Videoassistent sah die Entscheidung nicht als so eindeutig falsch an, dass er intervenierte. „Ich habe ihnen (dem Schiedsrichter-Team, d. Red.) nach dem Spiel gesagt, dass wir, wenn wir so gespielt hätten, wie sie das Spiel geleitet haben, 6:0 gesiegt hätten“, verteilte Klopp noch ein großes Lob am Ende eines langen Abends in Istanbul. „Ich könnte nicht mehr Respekt vor Stéphanie Frappart haben.“

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