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FC Liverpool : Keine eitlen Toreros, sondern kühle Kämpfer

Liverpools Spanien-Connection: Trainer Benitez und Neuzugang Arbeloa Bild: AP

Die Zeiten, da sich spanische Fußballer zierten, ins Land der Tacklings und Tiefdruckgebiete zu gehen, sind vorbei. Der FC Liverpool stützt sich gegen Barcelona auf ein spanisches Rückgrat. Und die Hispanisierung der Merseyside geht weiter.

          3 Min.

          Bis zum 25. Januar war Liverpool für Alvaro Arbeloa so etwas wie der Mond. Fünf Tage später stand er drauf. Ein Anruf aus England, schon saß er auf gepackten Koffern. Die Zeiten, da sich spanische Fußballer zierten, ins Land der Tacklings und Tiefdruckgebiete zu gehen, sind lange vorbei. „Sieht aus wie ein guter Wechsel für mich“, sagte Arbeloa. „Und für La Coruña. Sie kriegen doppelt so viel, wie ich sie gekostet habe.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Und für Liverpool. Denn nach der Absage des Australiers Lucas Neill nutzte Trainer Rafael Benitez die Heimatkontakte, um einen Außenverteidiger zu finden. Binnen Stunden war Plan B realisiert, für vier Millionen Euro. Drei Wochen später stand Arbeloa erstmals in der Startelf: beim 2:1 in Barcelona (Ergebnisse Champions League). Im Trubel um die Tore der gezähmten Radaubrüder Bellamy und Riise ging das starke Debüt des jungen Spaniers etwas unter. Auf der ungewohnten linken Seite stoppte er Messi und half, eine glänzende Position fürs Rückspiel an diesem Dienstag (20.45 Uhr) zu schaffen (FAZ.NET-Liveticker).

          Hispanisierung der Merseyside

          Seit Benitez 2004 kam, sind die Leute in Liverpool misstrauisch geblieben. Dietmar Hamann drückte es so aus: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viele Spanier kriegen.“ Es war eine böse Ahnung des deutschen Nationalspielers. Xabi Alonso, den Benitez mitbrachte, verdrängte Hamann im zentralen Mittelfeld.

          Neu auf dem Mond: Arbeloa (l.)

          Nicht jeder von Benitez' Spanien-Transfers wurde ein Erfolg; etwa Fernando Morientes, der kein Jahr aushielt. Die meisten aber bissen sich durch - und ließen das Murren über die Hispanisierung der Merseyside nie zum Aufschrei werden. Der (derzeit verletzte) Garcia machte sich mit 13 Toren in der ersten Saison beliebt, die Fans widmeten ihm ein Lied („Luis Garcia, he drinks Sangria . . .“).

          Spanier besser in Europa als in England

          Alonso überzeugte mit Pässen und mit einer spanischen Spezialität, die er im Training übt: Toren aus der eigenen Hälfte. Mit seinem 50-Meter-Kunstschuss gegen Newcastle im September wurde er der Erste, dem das in England zweimal gelungen ist. Und Torwart José Reina führte sich mit 20 Zu-Null-Spielen in der Debütsaison gut ein.

          Dabei half Benitez auch Ahnenforschung: Alonsos Vater Periko war ein Barca-Star in den 80er Jahren, Reinas Vater Miguel stand im Tor des Meisterteams von Atletico Madrid, das den Europacup 1974 durch Schwarzenbecks Glücksschuss in der 120. Minute verpasste. Ein Nachteil der Transferpolitik zeigte sich im Alltag der Liga: Die Spanier funktionieren besser in Europa als in England. Sie kommen im mediterran geprägten taktischen Katz-und-Maus-Spiel der Champions League besser zurecht als in der englischen Treibjagd der Premier League. So machte Liverpool den zweiten Schritt vor dem ersten: den Gewinn der Champions League 2005.

          Expansion in Südamerika

          Die letzte vage Chance, noch in den Titelkampf einzugreifen, vergaben die „Reds“ am Samstag mit einem höchst unglücklichen 0:1 gegen Tabellenführer Manchester. Benitez, der letzten Sommer den Job bei Real Madrid ausschlug, muss sein Hauptziel abermals vertagen: den ersten Meistertitel für Liverpool seit 1990. Von den neuen Klubbesitzern, den Amerikanern Hicks und Gillett, hat er angeblich die Zusage, im Sommer groß einzukaufen. Als Hauptziel gilt Samuel Eto'o, den Benitez schon 2004 aus Mallorca holen wollte. Auch Sevillas Torjäger David Villa soll auf der Wunschliste stehen. Dabei ist Benitez' Jagdrevier nicht auf Spanier beschränkt. Es ist die ganze spanische Liga. Aus der kamen auch der Chilene Mark Gonzalez, der Brasilianer Fabio Aurelio und Momo Sissoko, ein Mittelfeldmann aus Mali, der die Barca-Stars im Hinspiel blockte.

          Die Spanisch-Kompetenz soll auch für die Expansion der Fan-Basis in Südamerika genutzt werden - wo englische Klubs bisher schwer Fuß fassen. Benitez hat den neuen Besitzern Real Madrid als Vorbild genannt, aber nur, was die Vermarktung betrifft. Sportlich besitzt Liverpool längst, was Real fehlt: ein Rückgrat. Ein spanisches Rückgrat neben den Engländern Gerrard, Carragher, Crouch in einem bunten Profi-Haufen aus 15 Nationen (die 16. eröffnet nächste Saison der Leverkusener Ukrainer Andrej Woronin).

          Kühle Kämpfer, stille Strategen

          Benitez' Spanier sind Spieler, die nicht dem Klischee entsprechen: keine eitlen Toreros, sondern kühle Kämpfer, stille Strategen. Es werden immer mehr, auch anderswo in England. Alonsos Nachbar in Liverpool ist ein Jugendfreund aus San Sebastian, Mikel Arteta, der den FC Everton am Samstag mit seinem achten Saisontreffer auf Platz sechs schoss. Bester Mittelfeldspieler der Liga ist derzeit der 19-jährige Katalane Cesc Fabregas vom FC Arsenal. Auch einige Alt-Spanier bestehen in der schnellsten Liga der Welt: wie Gaitxka Mendieta in Middlesbrough oder Ivan Campo in Bolton, wo auch der frühere Real-Kapitän Fernando Hierro seine Karriere beschloss und nun der Nationalverteidiger Cesar Martin anheuerte.

          Einmal ist der Spanier-Boom, den Liverpool auslöste, aber nach hinten losgegangen. Kapa Blanco kam im Januar aus Sevilla zu West Ham United. Und feierte sein Debüt mit einem Tor - gegen Liverpool.

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