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Premier League : Warum Chelsea in England nicht geliebt wird

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Zwei, die für Chelsea stehen – und die wenige außerhalb des Vereins mögen: Kapitän John Terry (l.) und Roman Abramowitsch (Bild von 2005) Bild: dpa

Der FC Chelsea steht vor dem fünften Titel in der Ära Abramowitsch – doch am Klub scheiden sich die Geister. Das trifft vor allem auf einen Spieler der „Blues“ zu.

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          Als Leicester City in der vergangenen Saison Meister wurde, da verzückte dieses Fußballmärchen die Fans in England und weit darüber hinaus. An dem krassen Außenseiter hatten sich sämtliche Spitzenklubs der englischen Liga die Zähne ausgebissen. Es war die Geschichte von David gegen Goliath – ausgerechnet in der Premier League, die vom entfesselten Kapitalismus so tief geprägt ist wie keine andere Liga auf der Welt. Aber der Feenstaub war bald verflogen.

          Leicester dümpelte in der laufenden Saison lange im Abstiegskampf, bis der neue Trainer Craig Shakespeare den Klub ins Mittelfeld führte. An der Spitze der Tabelle tummeln sich nun wieder die Großen der Premier League, allen voran der FC Chelsea. Die „Blues“ benötigen nur noch einen Sieg aus den verbleibenden drei Spielen, um die Meisterschaft zu gewinnen. An diesem Freitagabend (21.00 Uhr / Live bei Dazn) können sie ihren Triumph beim Tabellenachten West Bromwich Albion sichern.

          Fußball-England wird Chelseas Erfolg mit einem Augenrollen zur Kenntnis nehmen. Denn der FC Chelsea ist für viele, insbesondere für Fußballromantiker, ein Symbol für all das, was falsch läuft in diesem Sport. Den Erfolg der „Blues“ halten die Kritiker schlicht für erkauft: Seit 2003 gehört der Verein dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch, die meisten großen Titel der Vereinsgeschichte fallen in die Zeit seit seiner Machtübernahme.

          Der polarisierende Kapitän John Terry: „Hasst ihn, verabscheut ihn – oder seid Chelsea-Fans“

          In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren, als Fußballer noch Schnauzbart trugen, war der FC Chelsea ein vergleichsweise biederer Verein, bei dem sich Erfolg und Misserfolg im fliegenden Wechsel ablösten. Seit 2003 hat der Klub nun je einmal die Champions League und die Europa League gewonnen, vier nationale Meisterschaften und viermal den FA-Cup – hinzu kommen noch einige weitere, nicht ganz so bedeutsame Titel. Der Zusammenhang zwischen den Abramowitsch-Millionen und den funkelnden Pokalen im Trophäenschrank ist offenkundig.

          Der erste Oligarch in der Premier League

          Auch andere große Klubs der Premier League befinden sich heute im Besitz von Superreichen und Investoren: Tottenham Hotspur gehört zur Enic Group, deren Eigentümer die Geschäftsleute Joe Lewis und Daniel Levy sind; der FC Liverpool ist Teil des amerikanischen Konsortiums Fenway Sports Group, und Manchester City untersteht dem Kommando der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, um nur auf die drei aktuellen Verfolger des FC Chelsea einzugehen. Investoren hatte es im englischen Fußball zudem schon vor Abramowitsch gegeben.

          Doch der Russe war der erste Oligarch in der Premier League, der scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste Hunderte Millionen in sein neues Spielzeug pumpte – obendrein in einer Zeit, als der Geldfluss im Fußball noch nicht ganz die grotesken Ausmaße angenommen hatte, die wir heute kennen. Abramowitsch gilt daher als Vorreiter der radikalen Kommerzialisierung des Fußballs, die man vor allem in der Premier League beobachten kann – und von der bekanntlich nicht alle Klubs so profitiert haben wie der FC Chelsea.

          Immerhin: Die fünfte Meisterschaft seit dem Einstieg des Investors wäre eine adäquate Bühne für den Abgang eines altgedienten Chelsea-Profis, der schon an der Stamford Bridge die Stollenschuhe schnürte, als den Namen Abramowitsch im Weltfußball noch keiner kannte. John Terry hat angekündigt, dass er den FC Chelsea nach der Saison verlassen wird – nach 22 Jahren und mehr als 700 Spielen, davon 578 als Kapitän. Wohin es den 36-Jährigen zieht, ist noch nicht bekannt. Sicher ist aber: So sehr der FC Chelsea polarisiert, so sehr scheiden sich auch an Terry die Geister. Der „Guardian“ brachte es in einem Porträt auf den Punkt: „Hasst ihn, verabscheut ihn – oder seid Chelsea-Fans“.

          Der Zusammenhang zwischen den Abramowitsch-Millionen und den funkelnden Pokalen im Trophäenschrank ist offenkundig.

          Die Anhänger des FC Chelsea verehren Terry. Auf einem Banner im Stadion ist zu lesen: „JT – Kapitän, Anführer, Legende“. Auf T-Shirts, Postern und Kissenbezügen wird seine Popularität innerhalb des Vereins vermarktet. Außerhalb der Chelsea-Blase sehen viele in ihm jedoch einen Schurken – an diesem Image hat Terry während seiner Karriere tüchtig mitgewirkt. Im Jahr 2010 deckte die Boulevardpresse etwa seine Affäre mit der Freundin eines ehemaligen Teamkollegen auf; wenig später musste er sich vor Gericht verantworten, weil er einen dunkelhäutigen Gegenspieler rassistisch beleidigt haben sollte. Das Gericht befand Terry für unschuldig, der Fußball-Verband sperrte ihn für vier Spiele und brummte ihm eine Geldstrafe auf.

          Ein Artikel im „Guardian“ schließt mit der durchaus versöhnlich gemeinten Einschätzung, Terry sei „ein Spieler, der nie wirklich das Gehirn oder das Herz seines Klubs gewesen ist, sondern dessen Eingeweide“. Schließlich sei es sein Verdienst, dass der FC Chelsea trotz allem noch immer wie ein richtiger Fußballklub gerochen habe. Chelsea wird aller Voraussicht nach Meister werden, gefolgt in der Tabelle von den anderen Großmächten der Liga. Nach der erfrischenden Panne Leicester läuft die Milliardenmaschine Premier League wieder im Regelbetrieb.

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