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FC Chelsea : Mourinhos letzte Vertrauensfrage

Der exzentrische Portugiese weiß sich gegen Abramowitsch zu behaupten Bild: REUTERS

Es herrscht Kalter Krieg beim FC Chelsea: Portugiesisches Pokerface gegen reichen Russen. Im Machtkampf mit Klubbesitzer und Finanzier Abramowitsch verhält sich Trainer Mourinho äußerst geschickt. Von seiner Entlassung ist nicht mehr die Rede.

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          Kalter Krieg an der Stamford Bridge: Chelsea-Trainer José Mourinho gegen Klubbesitzer Roman Abramowitsch. Das portugiesische Pokerface gegen den reichen Russen, der Angestellte gegen den Arbeitgeber - da schien sogar ein Mourinho am Ende seiner Möglichkeiten. Doch wie viele Gegner zuvor hat auch der Gegner im eigenen Lager nun die taktische Gerissenheit des Coaches erlebt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Am Mittwoch, nach dem kläglichen 1:1 im Ligapokal beim Viertligaklub Wycombe, hatte Mourinho öffentlich beklagt, dass der Klub ihm keine neuen Spieler in der Winter-Transferperiode geben wolle - ein Lamento, das einen Affront, ja eine Anmaßung darstellte, nachdem Chelsea in den letzten dreieinhalb Jahren für über 400 Millionen Euro Spieler gekauft hatte. Doch mit politischem Gespür hat es Mourinho geschafft, nicht als Gierhals, sondern als Opfer rüberzukommen.

          Mourinhos Rechnung geht auf

          Denn er legte täglich nach im Machtkampf. So ließ er im Gegensatz zum Klub Berichte, wonach er wegwolle, nicht dementieren; Real Madrid gilt als Interessent, Inter Mailand auch. Am Samstag, vor dem Spiel gegen Wigan, nutzte er seine Kolumne im Stadionmagazin zu einer populistischen Kampagne voller geschickter rhetorischer Fragen: „Seid ihr Fans bereit für die Herausforderung? Seid ihr bereit, in unserer schwierigsten Stunde alles zu geben und uns zu unterstützen?“

          Noch wird der seit Wochen mäßig spielende Ballack von Mourinho gestützt
          Noch wird der seit Wochen mäßig spielende Ballack von Mourinho gestützt : Bild: AP

          Die Rechnung ging auf, sie sangen seinen Namen, erhoben sich für ihn. Auf der Bank rieb Mourinho sich die Hände. Nur wegen der Kälte? Selbst Konkurrenten wie Alex Ferguson von Manchester United erklärten sich solidarisch mit ihm. Auch das Chelsea-Team ließ nach langen Wochen der spielerischen Dürre mal wieder einen überzeugenden Sieg folgen, 4:0 gegen Wigan. Didier Drogba, der seinen vierzehnten Ligatreffer schoss, sagte: „Wir lieben seine Arbeit und das Selbstvertrauen, das er dem Team gibt.“ Der verletzte Kapitän John Terry kündigte Lobby-Arbeit der besten Spieler bei den Klub-Bossen an: „Wir wollen nicht, dass José geht, und wir werden ihnen das sagen.“ Michael Ballack blieb unauffällig, durfte aber immerhin mitspielen.

          Alles wirkt wie eine Botschaft an Abramowitsch

          Den anderen großen Sommer-Einkauf dagegen hatte Mourinho demonstrativ auf Eis gelegt, und auch das war Politik. Denn Andrej Schewtschenko ist ein Liebling von Abramowitsch - und ein Flop fürs Team. Am Samstag saß der Stürmer nicht mal mehr auf der Bank. Eine angebliche Verletzung gab es zwar, um das zu begründen. Doch existierten verschiedene Versionen darüber, an welchem Körperteil es ihn zwicken sollte. Zudem hat Mourinho den angeblichen Plan, als Beistand für Schewtschenko einen Russisch sprechenden Assistenztrainer anzustellen, brüsk abgeblockt: Dann könne man auch einen neuen Cheftrainer suchen.

          All das wirkte wie eine Botschaft an Abramowitsch (mit dem Mourinho nur noch über Dritte verkehren soll): Gib mir die Spieler, die ich will, und misch dich nicht ins Sportliche ein. Es gibt erste Anzeichen, dass sie angekommen ist. Die Zeit der „großen Ausgaben“ sei vorbei, man werde auf die Jugend setzen, hatte Abramowitsch noch vor drei Wochen in seinem ersten großen Interview in England im „Observer“ verkündet. Nun meldet dasselbe Blatt, er habe eingelenkt und werde Mourinho nun doch die gewünschten Zukäufe bezahlen, um die verletzungsgeplagte Elf zu stärken: einen Innenverteidiger, vielleicht auch einen Stürmer als Nebenmann für Drogba (und Ersatz für Schewtschenko).

          Heikle Unterstützung für Olympia 2014 in Sotschi

          Der Boss wolle „Frieden im Klub“, heißt es aus der Quelle des „Observer“. Denn Abramowitsch hat ein paar Interessenkonflikte, die ein Abgang Mourinhos zuspitzen würde. So könnte er Guus Hiddink, den er als russischen Nationaltrainer anwarb, nicht so frühzeitig zu Chelsea abziehen, ohne Ärger mit Staatspräsident Putin zu bekommen.

          Ärger droht überdies schon bei der Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2014, für die der sibirische Ölmilliardär auf Wunsch Putins den russischen Schwarzmeerort Sotschi unterstützt. Dabei kollidiert er mit dem Engagement des Chelsea-Trikotsponsors Samsung für den koreanischen Konkurrenten Pyeongchang.

          Ballack wohl nicht mehr „unantastbar“

          Heißt der Sieger also Mourinho? Noch einmal hat er alle Register gezogen und sein Team, in dem es zuletzt Murren gegen die Neulinge Ballack und Schewtschenko gab, hinter sich vereint. Die Abservierung des Ukrainers ist auch ein Signal an den Deutschen, dass er nicht mehr so „unantastbar“ ist, wie Mourinho noch vor zwei Monaten sagte. Doch hinter der teampsychologischen und klubpolitischen Ebene stellt sich die tiefergehende Frage, ob sich die Wirkung des Trainers Mourinho mit seiner auf immer stärkeren Reizen beruhenden Motivations- und Manipulationstechnik im dritten Jahr in England nicht allmählich abnutzt.

          War es die letzte Vertrauensfrage eines ermüdenden Amtsträgers? Noch einmal erfolgreich gepokert mit dem letzten Ziel bei Chelsea, dem Gewinn der Champions League? Er muss es wissen. Noch bevor er mit Porto den Gipfel erreichte, den Gewinn der Champions League 2004, hatte er im Geheimen schon den Vertrag mit Chelsea in der Tasche.

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