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Pokal-Kommentar : Die Bayern verlernen das anständige Verlieren

  • -Aktualisiert am

Die Bayern am Boden nach einer Niederlage – ein ungewohntes Bild. Bild: AP

Nach der Niederlage im Pokalfinale geben die Münchner kein gutes Bild ab. Länger als Stilfragen dürfte den deutschen Fußball aber das Ausrufezeichen durch den künftigen Bayern-Trainer Kovac beschäftigen.

          Nach einem halben Dutzend Meistertiteln in Serie schien es zuletzt tatsächlich so, als habe der Rekordmeister mit seinen insgesamt 28 Meisterschaften und 18 Pokalsiegen in Deutschland das Verlieren verlernt. Nach der größten Sensation der jüngeren Pokalgeschichte konnte am Samstagabend im Berliner Olympiastadion dann jeder Fußballfan sehen, wie frustrierend sich diese ungewohnte Erfahrung für den FC Bayern tatsächlich wieder anfühlen muss.

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          Als die Frankfurter Eintracht vom Bundespräsidenten erstmals nach dreißig Jahren wieder einen Pokal überreicht bekam, waren bis auf die Ersatztorhüter Manuel Neuer und Tom Starke alle Bayern-Spieler mit ihren Medaillen für den zweiten Platz schon in der Kabine verschwunden. Der große Favorit erwies dem krassen Außenseiter nicht die Referenz. Ein letzter Eindruck, den der FC Bayern damit in einer Saison hinterließ, in der er vom Triple träumte, war mit diesem Abgang gesetzt: Auch das anständige Verlieren kann man verlernen.

          Jupp Heynckes war später auf der Pressekonferenz nach dem 1:3 bemüht, das trübe Schlussbild, das der FC Bayern im Angesicht seiner unerwarteten Niederlage abgab, zumindest in dieser Hinsicht zu korrigieren. Er schob den bayerischen Fluchtreflex hinter die Kulisse dem Deutschen Fußball-Bund und seinen Organisatoren in die Schuhe, die seine Mannschaft nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, dass man die Bayern auch als Verlierer bei der Siegerehrung erwarte. Ganz so, als ob die kickenden Seriensieger nicht selbst wüssten, was sich gehört, wenn man ein Finale verliert. Mittlerweile aber scheint es im deutschen Spitzenfußball üblich, über eigene Fehler großzügig hinwegzusehen, wenn man sich nur unwissend genug stellt. 

          Aber länger als Münchner Stilfragen dürfte den deutschen Fußball das sportliche Ausrufezeichen beschäftigen, das die Frankfurter mit dem künftigen Bayern-Trainer Niko Kovac als letzte und völlig unerwartete Pointe in dieser Saison gesetzt haben. Noch vor einer Woche, als die Bayern ihre sechste Meisterschaft nacheinander mit insgesamt 100 Punkten Vorsprung entgegengenommen hatte, sah sich Heynckes veranlasst, die Bundesliga nachdrücklich aufzufordern, den Kampf gegen die scheinbar Übermächtigen aus München tatsächlich anzunehmen. „Die Konkurrenz muss mal powern. Sie müssen mehr Mut haben, mehr Risiko eingehen, mehr Selbstbewusstsein haben“, rief die scheidende Trainerlegende der gesamten Liga hinterher. Es dürfe nicht sein, dass 17 Bundesligaklubs einfach sagten, die Bayern würden Meister werden.

          Ausgerechnet sein Münchner Nachfolger machte dann mit seinem Team genau an jenem Tag mit der Heynckes-Forderung ernst, an dem es den Bayern und ihrem Trainer selbst am meisten weh tat. Im Berliner Pokalfinale war über 90 Minuten und bis in die letzte Sekunde der packenden Nachspielzeit zu besichtigen, worauf die Geschlagenen und Gedemütigten im deutschen Fußball so lange vergeblich gewartet hatten: Ein Rezept, um die Reichsten und Mächtigsten des deutschen Fußballs doch einmal aufs Kreuz zu legen. Der Frankfurter Straßenkämpfer-Fußball war in dieser einen Nacht zu viel für die Stars und Seriensieger aus München.

          Für die Bundesliga steht allerdings zu befürchten, dass sich diese Energie- und Willensleistung von Kämpfer- und Zockernaturen wie dem überragenden Kevin-Prince Boateng oder dem zweifachen Torschützen Ante Rebic nicht auf den Alltag übertragen lassen. Da ist, auf die lange Sicht von 34 Spielen, am Ende der Etat entscheidender als die Einstellung. Aber im Pokal sieht man, was der Konkurrenz an einem Tag möglich ist. In den letzten vier Jahren hieß der Pokalsieger nur einmal FC Bayern. Und immerhin haben die Frankfurter mit ihrem Sensationssieg das Zeichen ins Fußball-Land gesendet, dass sich Widerstand auch der Kleinen lohnt.

          Um diese Kräfte selbst nur für eine unvergessliche Nacht freisetzen zu können, braucht es auch einen außergewöhnlichen Trainer, der diese Typen zu nehmen, zu führen und zu schätzen weiß. Auch davon gibt es in der Bundesliga nicht genug. Wenn Niko Kovac nun als siegreicher Außenseiter seine Arbeit bei den siegesgewohnten und bis zuletzt siegesgewissen Bayern geht, wissen die Münchner Regenten aus schmerzlicher Erfahrung wenigstens, was sie vom Trainer der Streetfighter noch lernen können.

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          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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