https://www.faz.net/-gtl-7ot0o

FC Bayern ohne Uli Hoeneß : Münchner Leerstelle

Unberührt: Der Platz des ehemaligen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß auf der Ehrentribüne neben Karl-Heinz Rummenigge (Mitte rechts) Bild: dpa

Ohne Uli Hoeneß merken die Bayern, was es heißt, ihre wichtigste Stimme zu verlieren. Derzeit gibt es niemanden, an dessen Haltung sich Verein und Öffentlichkeit ausrichten könnten.

          2 Min.

          Auch wenn man es sich angesichts der Krisenberichterstattung kaum mehr vorstellen kann: Titelverteidiger Bayern München hat gute Chancen, an diesem Dienstag wieder das Finale der Champions League zu erreichen. Viermal in fünf Jahren im Endspiel zu stehen ist in über zwanzig Jahren noch keinem Klub gelungen, von der Titelverteidigung ganz zu schweigen. Die Überheblichkeit allerdings, mit der Höchstleistungen der Bayern hierzulande als Dauerzustand erst gelangweilt zur Kenntnis genommen wurden, um sie nun bei Ausbleiben ganz selbstverständlich einzufordern, ist ebenso rekordverdächtig.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          In diesen Tagen, da sich Thomas Müller daher genötigt sieht, Unterstützung bei Publikum und Publizistik vor dem großen Duell einzufordern, wird dabei auch etwas ganz anderes offensichtlich: eine bayerische Leerstelle. Mit dem Blick auf den für Uli Hoeneß zwar reservierten, aber in Madrid ebenso wie zuletzt in München unberührten Sitz bemerkt der Rekordmeister plötzlich, was es heißt, seine wichtigste Stimme zu verlieren. Es ist nur eine schwierige Lage, in der sich das Team befindet, und keine tiefgreifende Krise. Aber selbst diese Delle genügt, um ein Machtvakuum spürbar werden zu lassen, das es beim Rekordmeister so bisher nicht gegeben hat.

          Alles wirkt seltsam kraftlos

          Man hätte gerne gewusst, wie Hoeneß reagiert nach all der überzogenen Kritik, die auf Team und Trainer niederging. Aber es gibt derzeit niemanden in München, der das letzte Wort hat, an dessen Haltung sich Verein und Öffentlichkeit ausrichten könnten. Trainer Guardiola tut sich immer noch etwas schwer mit der deutschen Sprache und wohl auch mit der bayerischen Kultur, und da er sich bisher immer nur in Minutenschnipseln geäußert hat, versteht man Guardiola in Deutschland auch nur über die Spielweise seines Teams. Und wenn das Spiel der Bayern stottert, dann stottert auch Guardiola.

          Sportdirektor Sammer, der eigentlich einspringen müsste, mag zwar nah an den Profis dran sein, aber um Autorität zu gewinnen, dürften ein paar mehr Facetten nötig sein als mahnendes Besserwissen. Unter den Spielern gibt es auch nicht den natürlichen Anführer, der wie selbstverständlich für das Team sprechen könnte, und so sagt jeder, was er denkt: mal Lahm, mal Müller, mal Robben, mal Schweinsteiger - aber alles wirkt seltsam kraftlos, ohne das breite Kreuz dahinter. Man mag den neuen Plapper-Pluralismus vielleicht für einen demokratischen Fortschritt halten, aber der bayerische Hofstaat, den Hoeneß geschaffen hat, muss sich offenkundig erst noch emanzipieren vom Absolutisten, der demnächst ins Gefängnis wandert.

          Sein Schatten ist jedenfalls noch immer mächtig, auch Rummenigge und Hopfner drohen dahinter zu verschwinden. Selbst wenn Rummenigge unmittelbar nach dem 0:1 von der „Hölle“ spricht, die Madrid nun erwarte - aber Trainer und Spieler in den Tagen danach nicht schützt -, wird niemand in München wirklich warm ums Herz. Und dass Hopfner als Hoeneß-Nachfolger zu seinem Start nichts Besseres einfiel, als Borussen-Chef Watzke wegen einer Petitesse als Lügenbaron hinzustellen, zeigt auch an der Spitze die fehlende Souveränität des FC Bayern, die derzeit nicht nur auf dem Platz beklagt wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel

          Verteidigungsplanung der NATO : Die Kunst flexibler Abschreckung

          Die NATO richtet ihre Verteidigung auf hybride Kriegsführung aus. Nun wird ermittelt, was die Mitglieder dafür können müssen. Das ist auch für die nächste Bundesregierung von Bedeutung.
          IWF-Chefökonomin Gita Gopinath

          Führungswechsel : Chefvolkswirtin verlässt den IWF

          Gita Gopinath geht zurück an die Harvard-Universität. Ihr Rücktritt erfolgt in einer Zeit, in der die Chefin des Währungsfonds in der Kritik steht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.