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Bayern-Trainer Kovac : Gelobt wird er erst nach dem Double

  • -Aktualisiert am

Hält den Druck aus: Niko Kovac Bild: dpa

Noch kann Niko Kovac die Mindestanforderung an jeden Bayern-Trainer erreichen. Doch bis Meisterschaft und Pokal gewonnen sind, steht er unter scharfer Beobachtung. Vor allem einer seiner Bosse hält den Druck hoch.

          Die Reise hatte am 20. August des vergangenen Jahres im Kehdinger Land begonnen. Es war ein heißer Sommertag, als der FC Bayern München bei den Elbdeich-Kickern der SV Drochtersen/Assel 1:0 gewann. Das Tor schoss Robert Lewandowski in der 81. Minute. Der Gegner aus der Regionalliga Nord hatte sich lange gewehrt und hinterher vom Spiel des Lebens geschwärmt. Es folgten weitere knappe Siege. In Osnabrück über Rödinghausen, bei Hertha BSC, dann das denkwürdige 5:4 gegen Heidenheim. Die Bayern haben es spannend gemacht in ihrer aktuellen DFB-Pokal-Kampagne.

          Den vorläufigen Höhepunkt setzten sie beim faszinierenden 3:2 am Mittwochabend in Bremen. Ohne Aufwärmphase ging es gleich hoch her, die Bayern waren nach Thomas Müllers 2:0 in der 63. Minute obenauf, doch Rashica ließ Mats Hummels zweimal schlecht aussehen, und Werder war binnen 63 Sekunden zurück. In einem packenden Spiel voller Geschichten lieferte der umstrittene Elfmeter in der 80. Minute eine eigene, den Lewandowski zum 3:2-Endstand nutzte.

          Die ehrliche Freude und die gemeinsame Feier mit den Fans nach mehr als 96 Minuten im dampfenden Kessel Weserstadion offenbarte, dass es lohnende Ziele fernab der Champions League gibt. Was die Bayern auf dem Kontinent gern wären, sind sie zumindest hierzulande – auf Titel abonniert. Die Mindestanforderung an jeden Bayern-Trainer kann Niko Kovac in seinem ersten Jahr also erfüllen und das Double aus Meisterschaft und Pokal holen. Auch wenn ihn das Aus in der Champions League noch immer schmerze, wie Karl-Heinz Rummenigge am Mittwoch sagte, käme der Vorstandschef dann wohl nicht umhin, den aufrechten Kovac auch mal zu loben. Bis es so weit ist, steht Kovac weiter unter Beobachtung.

          Hoeneß als Fürsprecher

          Das Aus in der Meisterklasse gegen den FC Liverpool hatte den Vorstandschef Mitte März von ihm abrücken lassen. Die Jobgarantie blieb aus und, viel gefährlicher: Die Mannschaft äußerte Bedenken. Nicht nur Hummels hatte die vorsichtige Taktik des Trainers in den K.-o.-Spielen des Achtelfinals in Frage gestellt. Die daraus resultierende Diskussion, ob ein Bayern-Trainer nur als Champions-League-Finalist oder sogar -Sieger in Ruhe arbeiten könne, hat Kovac unaufgeregt zum eigenen Vorteil genutzt und in Präsident Uli Hoeneß einen Fürsprecher gefunden.

          Der sprang dem Coach auch in Bremen zur Seite und bewertete die Saison mit der Note „Eins minus“ – sollte das Double tatsächlich gelingen. „Wir sind im Pokalfinale und Bundesliga-Tabellenführer, und dann wird über unseren Trainer diskutiert. Da fehlt mir jedes Verständnis“, sagte Hoeneß. Natürlich haben die Verantwortlichen in ihrer Sehnsucht nach dem großen europäischen Titel die Latte für jeden Fußball-Lehrer selbst sehr hoch gelegt, und besonders Rummenigge hat den „jungen Trainer“ klein geredet – Kovac ist 47 Jahre alt. Sogar direkt vor dem Halbfinale in Bremen hatte Rummenigge den Druck auf ihn erhöht und von dessen „Verantwortung“ gesprochen, das Finale zu erreichen. Auftrag erfüllt. Mehr aber nicht.

          Nichts gesagt ist schon genug gelobt: Bayern-Chef Rummenigge (l.) mit Präsident Hoeneß

          Seit Dezember tun Kovac und die Mannschaft alles dafür, die Ergebnis-Delle aus dem Frühherbst 2018 auszubeulen. Mit Erfolg. Borussia Dortmund ist längst eingeholt und überholt. Von der kritisierten Rotation ist Kovac abgerückt und vertraut nun fast immer denselben Spielern, die Enttäuschung der prominenten Bankdrücker eingeschlossen. Gegen den FC Liverpool waren die Münchner taktisch sicher nicht bestens angeleitet, aber es fehlte auch die herausragende Leistung Einzelner. Kein Neuer, kein Hummels, kein Lewandowski überragte beim 0:0 und 1:3. Kingsley Coman fehlte am 19. Februar und 13. März verletzt, Müller saß seine Rot-Sperre ab. James ersetzte ihn. Und schien Thomas Müller nicht auch bei den Bayern ein Auslaufmodell? In Bremen war er neben Coman bester Spieler. „Seit der Ausbootung in der Nationalmannschaft macht er es richtig gut. Davor war es okay“, sagte Kovac.

          Als im Weserstadion das Licht anging und die Bayern niedergepfiffen wurden, sprühte der Stürmer vor Energie und dankte es Kovac, der auf ihn gesetzt hatte, nicht auf James. Müller schubste, schimpfte, ruderte, er lobte und rannte. Er vergab die frühe Führung, bereitete Lewandowskis 1:0 in unnachahmlicher Manier vor und schoss ebenso unorthodox das 2:0. Seit Kapitän Manuel Neuer wieder einmal verletzt ist, scheint Ersatz-Spielführer Müller noch bewusster voranzugehen. „Wir dürfen nicht in Schönheit sterben. Wir müssen auch kratzen und beißen. Das machen andere Mannschaften gegen uns auch“, sagte er. Tatsächlich rangen die Bayern Werder nieder. Spielerisch gab es zwischen den alten Rivalen kaum Unterschiede.

          Doch wo bei Werder Davy Klaassen und Yuya Osako aus guten Möglichkeiten nichts machten, war Lewandowski eiskalt. Abgestaubt zum 1:0, den Strafstoß sicher verwandelt. Der 30 Jahre alte Pole ist mit seinen fünf Pokaltoren und 21 Treffern in der Bundesliga Bayerns Erfolgreichster. Sein Siegtor in Drochtersen, sein Siegtor in Bremen, dazwischen Herausragendes im heimischen Spielbetrieb und wenig, wenn es in der Champions League heiß wird: National ist dieser Stürmer unübertroffen. International sind andere besser. Noch zu Saisonbeginn schien Lewandowski beleidigt, weil er wegwollte, nach Spanien, ihn dort aber keiner richtig rief und die Bayern ihn auch nicht ziehen ließen. Den Schmollwinkel hat er verlassen und ohne groß drüber zu reden bei den Bayern weitergemacht.

          Nun spielen die Münchner am 25. Mai in Berlin gegen RB Leipzig. Rangnick gegen Hoeneß und die Bayern: Das ist immer reizvoll, das war schon zu Hoffenheimer Zeiten so. Es wird Kovacs drittes Finale in Serie sein. Vor einem Jahr war das überraschende 3:1 seiner kampf- und laufstarken Frankfurter gegen die Bayern das beste Bewerbungsschreiben. Jetzt hätte er mit einem Sieg die Anfangshöhe überquert – gesetzt den Fall, die Bayern sind auch wieder Meister geworden. Aber Kovac hat es ja nicht anders gewollt.

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