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FC Bayern München : Durchatmen für den nächsten Angriff

Bauchtanz zum Bankett: die Bayern bei ihrer Siegerfeier Bild: dpa

Lasst uns froh und munter sein? Von wegen. Die müden Bayern-Profis nehmen den Weltpokal routiniert entgegen. Und sie fragen sich, ob fünf Titel in einem Jahr wiederholbar sind.

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          Auf den letzten Metern des Fußballjahres wurde Philipp Lahm noch einmal einiges abverlangt. Gleich drei Mal schritt der Kapitän die Reihe der Gratulanten entlang, lächelte, schüttelte Hände, sprach das eine oder andere Wort. Und jedes Mal kam er mit etwas anderem in der Hand in den Kreis der Kollegen zurück. Erst war es der Fairplay-Preis, dann der für den zweitbesten Spieler des Turniers, zuletzt ein gerahmtes Wappen, das künftig in klein die Trikots des FC Bayern zieren und die Münchner damit bei allen ihren Auftritten in Pflichtspielen als Klub-Weltmeister kenntlich machen wird. Nur den Pokal des Tages, den musste sich Lahm nicht selbst abholen. Den bekam er, wie es nun einmal üblich ist, ganz bequem zur Hand gereicht – in diesem Fall vom marokkanischen König Mohammed VI.

          Christian Kamp
          (camp.), Sport

          Er habe „schon mal schmunzeln“ müssen, sagte Lahm später angesichts des sich wiederholenden Procederes, das die Siegerehrung im Stadion von Marrakesch ein bisschen wie ein verfrühtes „Dinner for One“ wirken ließ – ohne Slapstick. „Man hätte das eine oder andere schon zusammenlegen können“, sagte er. Andererseits aber machte es am Ende eines Jahres wie diesen auch einfach keinen Unterschied mehr, ob Lahm einmal mehr oder weniger irgendwo hingeht, um sich einen Preis abzuholen. Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League, europäischer Supercup, Weltpokal, dazu noch die eine oder andere individuelle Zugabe – „mehr geht eigentlich nicht“, sagte der stolze Kapitän am Samstagabend.

          Später, beim Bankett, waren die Trophäen des Jahres auf der Bühne des Festsaals nebeneinander aufgereiht. Es glitzerte und funkelte nur so – und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge rückte das Bild gleich zu Beginn seiner Festrede in eine historische Perspektive. „113 Jahre ist der Verein alt“, sagte er. „Und 113 Jahre hat es gedauert, bis wir hier alle Pokale stehen haben.“

          Wein und Zigarren: Genuss zum Jahresabschluss
          Wein und Zigarren: Genuss zum Jahresabschluss : Bild: dpa

          Dass zwischendurch einer verloren gegangen war, der nationale Supercup gegen Borussia Dortmund, war nicht der Rede wert. Es war keine explosive Feier, den äußeren Anzeichen nach war es eher eine routinierte: Weingläser wurden gehoben, Zigarren geraucht, und weil man schon mal in Marokko war, ließ man sich auch eine Portion Bauchtanz präsentieren. Die meisten der Spieler aber wirkten in ihren roten Trainingsanzügen eher schlaff und bettschwer als feierwütig. Was auch kein Wunder war angesichts der Strapazen, die das Jahr mit 56 Pflichtspielen mit sich gebracht hatte. Von einer „Hetzjagd durch den Kalender“ sprach Vorstandschef Rummenigge. Und jeder Profi, den man fragte, atmete vernehmlich durch bei der Aussicht, dass jetzt erst einmal Urlaub statt noch mehr Fußball ansteht.

          „Nicht zu hundert Prozent gefordert“

          Zudem war den Bayern der Sieg bei dieser Klub-WM einfach zu leicht gefallen, als dass dieser fünfte Pokal des Jahres besondere Emotionen hätte freisetzen können. Sie seien „nicht zu hundert Prozent gefordert“ gewesen, bemerkte Toni Kroos. Es dürfte sich, sowohl im Halbfinale gegen Guangzhou Evergrande als auch im Endspiel gegen Raja Casablanca eher auf 60 bis 70 Prozent belaufen haben.

          Gegen den marokkanischen Meister genügte das, um das Spiel nach gut zwanzig Minuten und den Toren von Dante (7. Minute) und Thiago (22.) als „gelaufen“ bezeichnen zu können, wie Kapitän Lahm das später tat. Weil es danach noch einige Prozent weniger wurden, drohte in der Schlussphase noch einmal ein wenig Nervenkitzel. Doch letztlich brachten die Münchner die Sache ohne viel Aufwand zu einem glücklichen Ende. Eine echte Herausforderung sieht anders aus. Und so antworteten die Spieler zustimmend, aber weitgehend emotionslos auf die ständigen Fragen, ob sie sich nun als beste Mannschaft der Welt fühlen dürfen. Im Grunde war diese Frage auch schon viel früher und viel intensiver beantwortet: im Sommer, nach dem Gewinn der Champions League, dem Maß aller Fußballdinge.

          Kapitän Lahm beim König: Gleich drei Mal schritt er die Reihe der Gratulanten entlang
          Kapitän Lahm beim König: Gleich drei Mal schritt er die Reihe der Gratulanten entlang : Bild: AFP

          Unter der Oberfläche der ritualisierten Freude gab es aber doch noch etwas, was die Bayern als besonderes Gefühl mit in die Weihnachtstage nahmen. Dass sie nämlich nach der Krönung von London nicht nachgelassen haben, sondern sich sogar weiterentwickelt – und dabei ein Stück weit neu erfunden haben. Rummenigge brachte es auf den Punkt, als er auf den gelungenen Übergang von „unserem Freund“ Jupp Heynckes zu Pep Guardiola zu sprechen kam. „Es ist unheimlich schwierig, auf ein Triple noch einmal was draufzupacken“, sagte er. Aber Guardiola sei „noch einmal ein Stück höher gegangen“. Tatsächlich hat die Mannschaft unter dem Katalanen taktisch dazugelernt, ist flexibler geworden – ohne das bei Heynckes Bewährte völlig über Bord zu werfen. Das Resultat ist die erfreuliche Perspektive, dass es im nächsten genau so weitergehen könnte, wie es im alten aufgehört hat.

          Wahre Größe zeigt sich nicht auf dem Platz

          Zu dem Thema, was die Niederlagen von Dortmund und Leverkusen im Titelrennen bedeuteten, wagten sich zwar nicht alle so weit vor wie Kroos. „Wir haben, ohne gespielt zu haben, einen großen Schritt zur Meisterschaft gemacht“, sagte der Mittelfeldspieler. Einen vernünftigen Zweifel am nächsten nationalen Titel gibt es aber nicht. Etwas anders verhält es sich in Sachen Champions League. Dort sei die Qualität der Gegner höher – die Erfolgsaussichten mithin schwerer zu kalkulieren. „Es ist wahrscheinlich nicht machbar, diese Erfolge zu wiederholen“, sagte Lahm mit Blick auf die Gesamtbilanz des Jahres.

          Ja, sie haben noch eine Trophäe gewonnen - die Fünfte in diesem Jahr
          Ja, sie haben noch eine Trophäe gewonnen - die Fünfte in diesem Jahr : Bild: AP

          Natürlich hatte auch Klubchef Rummenigge Wünsche für das neue Jahr. Genau genommen aber nur diesen einen, der mit sportlichen Fragen nichts zu tun hat. Und den er mit stockender Stimme unters Volks brachte: „Dass die Geschichte von Uli Hoeneß gut ausgeht.“

          Das war als Geste des Zusammenhalts und der Harmonie gemeint, zumal auch der Präsident selbst danach das Wort ergriff. Es war aber auch eine Erinnerung daran, dass das Bayern-Jahr 2013 kein uneingeschränkt strahlendes war. Und dass sich wahre Größe manchmal nicht auf dem Platz zeigt. Auch wenn die Bayern selbst das gewiss ganz anders verstehen.

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