https://www.faz.net/-gtl-9m8hn
Bildbeschreibung einblenden

Boateng und Hummels : Vorhang auf für eine letzte Zugabe

Ein schon bald gesprengtes bayrisches Dreigestirn: Boateng (v.l.n.r.), Hummels und Kimmich Bild: AP

Das Weltmeister-Duo Boateng/Hummels steht womöglich vor dem letzten gemeinsamen Auftritt. Denkbar ist, dass beide den Verein verlassen. Können sie noch einmal perfekte Partner sein?

          Begonnen hat er als Stürmer, „ein Typ wie Thierry Henry“, bis der Trainer ihn bei einem C-Jugend-Turnier der Berliner Auswahl für den verletzten Innenverteidiger in die Abwehr schickte. Diesen Karsamstag, siebzig Minuten vorbei, noch keine Tore zwischen Bayern München und Werder Bremen, konnte man das sehen. Da schien man für drei, vier überraschende Sekunden nicht den alten Innenverteidiger, sondern den jungen Stürmer Jérôme Boateng vor Augen zu haben. Mit zwei flinken Haken narrte er den Gegenspieler und schlug eine präzise Flanke, die ein halbes Tor war, vom etwas fahrigen Thomas Müller aber nicht zu einem ganzen veredelt wurde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          An diesem Mittwoch, wieder gegen Werder, diesmal im DFB-Pokal-Halbfinale, soll Boateng zusammen mit dem von einer Verletzung zurückkehrenden Hummels das Abwehrzentrum der Bayern bilden. Denn Niklas Süle, der am Samstag das späte 1:0-Siegtor schoss, fehlt wegen einer Roten Karte aus dem Viertelfinale gegen Heidenheim. Ein Hauch von Abschied wird durch das Weserstadion wehen. Es könnte der finale Auftritt des Weltmeister-Duos von 2014 sein.

          DFB-Pokal
          ANZEIGE

          Im Nationalteam wurden die beiden Dreißigjährigen, eigentlich kein Alter für einen Innenverteidiger, im März von Joachim Löw etwas stillos ausgemustert. Bei den Bayern hatte Trainer Niko Kovac schon im Januar ausgesprochen, was längst sichtbar war: dass für ihn der schnelle, frische, sieben Jahre jüngere Süle „Stammspieler vor den anderen beiden“ sei. Und spätestens seit der Vollzug der lang erwarteten Verpflichtungen der französischen Jung-Weltmeister Lucas Hernandez und Benjamin Pavard bestätigt wurde, ist klar, dass im künftigen Bayern-Kader kein Platz mehr für die deutschen Alt-Weltmeister ist. Zumindest nicht für beide.

          Einer könnte bleiben dürfen

          Während Hummels noch eine Zukunft in München haben könnte, gilt bei Boateng, in der Hierarchie der Innenverteidigung zuletzt nur noch an dritter, demnächst also fünfter Position, ein Weggang im Sommer als sicher. Und der gemeinsame Retro-Auftritt an diesem Mittwoch wird zum wohl letzten Duett der Helden von Rio.

          „Die Pokal-Halbfinal-Bühne als letzter Vorhang“ schreibt die Münchner „Abendzeitung“. Es wäre die letzte Zugabe der einst besten Innenverteidigung der Welt, deren Haltbarkeit dann aber sehr viel kürzer war, als man nach dem WM-Triumph von 2014 und nach der Vereinigung der beiden im Klubteam durch Hummels’ Wechsel zu den Bayern 2016 vermutet und, bei der Konkurrenz, befürchtet hatte.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          „Die können sagen, wir sind auf elf Positionen zehnmal Weltklasse, nur auf einer nicht: Lass uns da doch einen zweiten Weltklasse-Innenverteidiger holen“, stöhnte damals Rudi Völler, der Sportchef von Bayer Leverkusen. „Und dann holen sie eben einfach einen.“ Doch schon ihre erste gemeinsame Bayern-Saison war überlagert von den fortgesetzten Verletzungen Boatengs, der zudem mit dem neuen Trainer Carlo Ancelotti nicht zurechtkam und deshalb den Klub verlassen wollte, was wegen einer abermaligen Muskelverletzung aus dem letzten Saisonspiel aber nicht realisierbar war. Nach der zweiten gemeinsamen Saison, in der vor allem dem an Spritzigkeit einbüßenden Boateng mit dem jungen, unverbrauchten Süle Konkurrenz erwachsen war, stand er vor einem Wechsel zu Paris St. Germain, der aber ebenfalls nicht zustande kam. Nun aber scheint Boatengs Bayern-Abschied nach acht Jahren unvermeidlich.

          Wegbereiter des Triples

          Vorher aber brauchen die Bayern zumindest dieses eine Mal den Mann noch, der ihnen den größten Triumph der Klubgeschichte, das Triple 2013, mit seinem Fünfzig-Meter-Pass auf Franck Ribéry und dem daraus resultierenden Siegtor von Arjen Robben im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund beschert hatte. Wie seine von Löw abservierten Kollegen Hummels und Müller zeigte er sich zuletzt hochmotiviert und fit, er erlebt sogar die erste nahezu verletzungsfreie Saison seit vier Jahren. Ob das für ein weltmeisterliches Spätwerk des großen Abwehr-Duos reichen wird, ist dennoch ungewiss. Bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt, dem wilden 5:4 im Pokal gegen Heidenheim, sahen Boateng und Hummels gegen ein paar flinke Zweitliga-Kicker schon ziemlich alt aus.

          Sie haben es sich verdient, sich besser verabschieden zu können. Vor allem wegen des Beitrags, den sie auf ihrem Zenit im Alter von 25 Jahren in zwei Spielen in Rio leisteten – dem WM-Viertelfinale gegen Frankreich, als Hummels das Siegtor köpfte, und dem Finale gegen Argentinien, als Boateng alles abprallen ließ, was Messi & Co. einfiel. „Es war ein Geben und Nehmen mit Mats Hummels“, sagte Boateng später. „Mats war im Finale am Ende sehr kaputt und sagte, dass ich ihm helfen müsse. Dafür war ich vorher gegen Frankreich die letzten zehn Minuten fertig gewesen und hatte ihm gesagt: Du, die letzten zehn Minuten musst du ein bisschen mehr machen als ich.“ Eine Partnerschaft, die sich perfekt ergänzte und ein Glück für Deutschland war. Vorhang auf für eine letzte Zugabe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.