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FC Bayern im DFB-Pokalfinale : Leise Abschiedsstimmung bei Boateng

Er war schon fast weg: Jetzt geht Jérôme Boateng als Stammspieler des FC Bayern ins Pokalfinale. Bild: Hoermann/SvenSimon/Pool/Witters

Beim Pokalfinale 2019 saß er mit versteinerter Miene auf der Bank und sollte den FC Bayern verlassen. Jérôme Boateng blieb und wurde der große Gewinner der Saison. Nun aber gibt es einige Indizien, die für einen Abgang sprechen.

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          Diesen Samstag kehrt Jérôme Boateng zurück. Dorthin, wo er als Junge anfing: auf den Berliner Fußballplätzen. Und zwar als Stürmer, Vorbild: Thierry Henry. Ein richtiger Torjäger ist er dann aber nicht geworden. Dabei gibt es ja Innenverteidiger, die auch vor dem gegnerischen Tor gefürchtet sind, wie Sergio Ramos, den er in seinen frühen Jahren bei den Bayern als Vorbild sah. Wie Ramos wurde Boateng Weltmeister und Champions-League-Sieger.

          DFB-Pokal
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch Torgefahr blieb das Einzige, das er als Innenverteidiger nicht hinbekam. Der eisenharte Spanier schoss für Real Madrid und Nationalteam 115 Tore – der sanfte Deutsche für Bayern und Nationalteam 15. Sein letzter Treffer liegt zweieinhalb Jahre zurück. Damit ist Boateng bei den Hundert-Tore-Bayern des großen Jahrgangs 2020 ein Exot: der einzige Feldspieler, von dem keine Torgefahr ausgeht.

          Dieses Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal, in der ARD und bei Sky) ist eine Zugabe. Als er vor einem Jahr den Pokalsieg in Berlin mit versteinerter Miene auf der Bank begleitete, nicht mitfeiern wollte, von Präsident Uli Hoeneß mit dem Etikett „Fremdkörper“ und der Empfehlung eines Vereinswechsels bedacht, schien der seit Sommer 2017 in fast jeder Transferperiode diskutierte Weggang Boatengs nun wirklich unvermeidlich. Doch am Ende konnten sich Paris St-Germain und Bayern nicht einigen. Boateng blieb also, gab den Notstopfen, flog in Frankfurt vom Platz, Auslöser einer 1:5-Blamage, die Trainer Niko Kovac den Job kostete und alles änderte – und wurde einer der großen Gewinner der Saison.

          Boateng ist für Trainer kein einfacher Fall, er will wichtig sein und wirkt gekränkt, wenn man ihm dieses Gefühl nicht gibt. Wie bei Ancelotti, dann bei Kovac. Dessen Nachfolger Hansi Flick hat das hingekriegt. Boateng wirkt wieder ganz bei sich und mittendrin im Team. Er spüre „das Vertrauen des Trainers“, sagt er, und habe „wieder richtig Spaß am Fußball“. In der Winterpause arbeitete er eisern, nahm mehrere Kilogramm ab, schwört auf glutenfreie Ernährung und Yoga.

          Doch wäre all das wohl zu wenig gewesen, hätte er nicht von der Personalnot der Bayern auf seiner Position profitiert. Abwehrchef Niklas Süle fiel mit Kreuzbandriss fast die ganze Saison aus. Lucas Hernández, häufig lädiert, konnte seinen horrenden Kaufpreis von 80 Millionen Euro nicht annähernd rechtfertigen. Und der einzige überzeugende Neuzugang, Benjamin Pavard, wurde hinten rechts benötigt, damit Joshua Kimmich ins Mittelfeld rücken konnte. So war Boateng, der Sitzenbleiber des Transfermarktes, plötzlich der einzige brauchbare Innenverteidiger. Und wurde, zusammen mit dem nach innen gezogenen David Alaba, zu einer Bank für die Bayern. Der in Spielaufbau und Stellungsspiel glänzende Österreicher lobt den plötzlich wieder präsent und bissig wirkenden Nebenmann: „Für mich ist das Weltklasse.“

          Mit dem Pokalfinale endet jedoch die Personalknappheit, die Boatengs Wiederentdeckung ermöglichte. Süle steht nach neunmonatiger Pause wieder im Kader. Bald soll der am Donnerstag präsentierte 18-jährige Franzose Tanguy Nianzou Kouassi, der als eines der größten Verteidigertalente Europas gilt, in die Mannschaft drängen. Und auch Hernández dürfte hoch motiviert sein, sein Können bei voller Fitness endlich zu beweisen.

          Er fühle sich „derzeit wohl“, erklärte Boateng vor kurzem, und könne sich „vorstellen, dass ich bleibe“. Doch der Vertrag des 31-Jährigen läuft in einem Jahr aus, und eine Verlängerung erscheint unrealistisch angesichts des mit dem Alter wachsenden Risikos einer Fortsetzung von Boatengs langer Verletzungsgeschichte. Um noch eine Ablöse zu erhalten, müssten die Bayern ihn nach dem Finalturnier der Champions League im August verkaufen.

          Nicht mal bei Flick klang zuletzt in Bezug auf Boatengs Bayern-Zukunft die letzte Entschlossenheit durch, wie sie etwa aus Kommentaren zum erhofften Verbleib von Alaba und Thiago zu vernehmen war, nur so viel: „Wenn er bleiben sollte, bin ich nicht traurig.“ Immerhin „eine aktuell blendende Verfassung“, aber „auch ein gewisses Alter“ attestiert ihm der Trainer, vermutet aber, Boateng wolle „vielleicht noch mal die Chance auf einen Wechsel haben, was Neues kennenlernen“.

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          So könnte also bei der Heimkehr des Berliner Jungen in der Berliner Luft leise Abschiedsstimmung liegen. Ob ihn das womöglich doch noch zu Torgefahr inspiriert? Jedenfalls zu der ihm ganz eigenen Art von Torgefahr. Für sie muss man nicht der Mann ganz vorn sein, im Gegenteil: derjenige, der am weitesten vom Tor entfernt ist. Die das halbe Feld überbrückenden, unterschnittenen Chip-Bälle aus der hintersten in die vorderste Linie bleiben eine Spezialität Boatengs, eine für besondere Momente – wie im Champions-League-Finale 2013, als er Arjen Robbens Siegtor so einleitete.

          Ähnlich wie nun, bei seinen einzigen beiden Assists der Saison. Der erste beim Jubiläumsspiel am 120. Klub-Geburtstag gegen Augsburg auf den Fuß von Thomas Müller. Der zweite beim Meisterstück in Bremen auf die Brust von Robert Lewandowski, das Tor zum Titel. Ein letztes Pokalfinale wäre da gewiss nicht der schlechteste Moment für den finalen Chip aus der letzten Reihe.

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